Die politische Instrumentalisierung des Begriffs „Genozid“

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Vor dem Hintergrund des Israel-Hamas-Krieges gibt es ein geradezu sintflutartiges Interesse daran, dem Staat Israel oder den israelischen Verteidigungskräften (IDF) genozidale Absichten zu unterstellen. So sind seit dem 7. Oktober 2023, ohne dass ein historisches Gutachten oder eine solche Erklärung angefordert wurde, eine Reihe von Artikeln erschienen, die die Situation als „Völkermord aus dem Lehrbuch“ bezeichnen (13. Oktober), gefolgt von einer Warnung vor einem möglichen Völkermord in Gaza am 15. Oktober. Wozu brauchen wir eigentlich Juristen, wenn Holocaust- und Völkermord-Historiker nun auch juristisch komplexe Sachverhalte darstellen können, die einer gewissen Beweislast unterliegen?

Von Verena Buser

Immer wieder wird als einer der maßgeblichen Belege das Zitat des israelischen Verteidigungsministers Yoav Gallant, Nachfahre von Überlebenden des Holocaust, zitiert, der von „menschlichen Tieren“ sprach und die vollständige Belagerung des Gazastreifens anordnete. Die Realität vor Ort zeigt, bei genauem Hinsehen, dass die IDF Korridore für die Zivilbevölkerung ermöglichen und Hilfslieferungen für Gaza zulassen. Im Übrigen ist es kaum möglich, Zugang zu der vollständigen Rede von Gallant zu erhalten, die im Internet auszugsweise rezipiert wird und etwa 30 Sekunden lang ist. Was hat er davor oder danach gesagt?

Je nach politischer Agenda habe sie sich gegen „alle Palästinenser“ gerichtet, dann wieder nur an die Täter der Hamas und ihre Unterstützer. Je nach politischer Agenda kann man diese Reihenfolge so konstruieren, dass man meint, Gallant sei für die vollständige Vernichtung aller Palästinenser eingetreten. Aber dann arbeitet ein Historiker unseriös und instrumentalisiert das Handwerkszeug der Geschichtswissenschaft für seine politische Agenda. Das Zitat „menschliche Tiere“ war an die Täter gerichtet, die Hamas: Im Namen des Freiheitskampfes gegen die „Besatzung“ haben sie vergewaltigt, gefoltert, Frauen, Kinder und Männer lebendig verbrannt und Geiseln nach Gaza verschleppt.

Oftmals schreiben diese Historiker ohne Empathie für die 1200 Opfer und Geiseln, die nach Gaza verschleppt wurden, und ohne konkrete Täter und ihre Taten wie Vergewaltigungen, Menschenjagden, kaltblütige Ermordung von Kindern und Jugendlichen zu benennen. Dies zeigt geradezu par excellence, dass sich Historiker vielleicht viel zu oft auf Theorien in ihren Lehrbüchern konzentrieren.

Auch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine wurden unlängst Fragen zur schwierigen, mitunter nicht eindeutigen Definition des Begriffs „Völkermord“ diskutiert. Es ist jedoch klar, dass es mehr braucht als Zitate aus der Völkermordkonvention der Vereinten Nationen von 1948 und aus dem Zusammenhang gerissener Zitate, um einen Völkermord zu belegen. Es ist sehr erstaunlich, dass Holocaust- und Genozid-Forscher sehr schnell zu dem Schluss kommen, in Gaza finde derzeit ein Genozid statt oder davor warnen, dass ein solcher stattfinden könnte. Ein Vergleich der Quellen findet in diesen Texten der Regel nicht statt. Wenn es um die Täter, die Hamas und ihre Unterstützer geht, werden deren ideologische Grundlagen (auch wenn nicht jeder einzelne Täter die Hamas-Charta von 1988 und deren Änderungen von 2017 gelesen haben wird) in vielen Fällen völlig ignoriert.

Allzu oft ist hier eine Täter-Opfer-Umkehr zu beobachten oder die terroristischen Anschläge werden im Kontext des palästinensischen „Freiheitskampfes“ oder als Reaktion auf  „Besatzung“ und „Unterdrückung“ verortet und nicht in dem breiteren Kontext nationalistischer, islamistischer Bewegungen weltweit.

Nahezu zynisch klingt es, wenn einige Holocaust- und Genozid-Forscher feststellen, der 7. Oktober sei „nicht überraschend“ gewesen. Offensichtlich ignorieren sie die eliminatorische Ideologie der Hamas, die im Vordergrund des 7. Oktober steht und die mittlerweile überall auf Social Media zu sehen ist und die klar macht, dass die Verbrechen auch unter Beteiligung von Zivilisten jeden Alters und Geschlechts aus Gaza stattgefunden haben. Diese Forschungsperspektive steht in der Tradition von Holocaust- und Genozid-Forschern, die beispielsweise die bevölkerungspolitischen Ziele des NS-Regimes der antisemitischen Vernichtungs-Ideologie unterordnen.

Journalisten tun dasselbe. Die englischsprachige Website von Al Jazeera hat dem Staat Israel ebenfalls rasch völkermörderische Absichten und Kriegsverbrechen attestiert und beschrieb in bewundernden Worten bereits am 7. Oktober den „palästinensischen Blitzkrieg“. Einige Tage später wurde der Vergleich von Palästinensern in Gaza mit dem „Warschauer Aufstand“ aufgestellt, und schließlich wurde am 18. Oktober die Frage aufgeworfen: „Analyse: Wird Gaza zu Israels Stalingrad?“ Journalisten wollen Leser anziehen und ihr politisches Weltbild vermitteln. Was wollen die Historiker? Vielleicht wollen sie aus nicht nachvollziehbaren Gründen Deutungshoheit über den Israel-Hamas-Krieg?

Eines der wichtigsten Handwerkszeuge des Historikers ist die Quellenkritik. Quellenkritik bedeutet, gedruckte, fotografische oder filmische Quellen, aber auch mündliche Zeugnisse und Ego-Dokumente in ihrem jeweiligen Kontext zu betrachten und vor dem Hintergrund ihrer Zeit zu interpretieren. Idealerweise untersucht der Historiker auch Quellen, die seinen Arbeitshypothesen widersprechen, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Historikerinnen und Historiker sind bei ihrer Arbeit so objektiv wie möglich, aber in Wirklichkeit beeinflussen viele äußere Faktoren ihre Arbeit. Es sind die eigene historische Schule, der Kontakt zu Kollegen, die Kenntnis der Sekundärliteratur, das Karrieredenken und vor allem eine politische Agenda. Natürlich kann ihre Arbeit die historische Realität nie vollständig widerspiegeln. Schließlich spielt auch die Auswahl der Quellen eine Rolle; es kommt immer darauf an, welche Zitate aus den Quellen verwendet werden, um die eigenen Thesen scheinbar historisch fundiert zu untermauern.

Letztlich kann nur durch die Zusammenstellung und Analyse von Quellen, die den eigenen Thesen widersprechen, die historische Realität nachvollziehbar gemacht werden. Denn selektive, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate können zu falschen Schlussfolgerungen führen. Im politischen Tagesgeschäft kann bewusstes selektives Zitieren ohne Kontext gefährlich sein und ist letztlich unwissenschaftlich. Diesem Problem müssen sich alle Historiker stellen, auch diejenigen, die sich mit dem Holocaust und den Völkermorden beschäftigen.

Für Holocaust- und Genozid-Forscher heute ist es selbstverständlich, sowohl die Quellen der Täter als auch die Zeugnisse der Überlebenden des Holocaust zu verwenden. Das war viele Jahrzehnte lang nicht der Fall; die Holocaust-Forschung stützte sich bis in die 1960er Jahre, in Deutschland sogar bis in die 2000er Jahre, auf die Quellen der Täter.

Niemand muss Vergleiche zwischen dem 7. Oktober und dem Holocaust mögen. Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht eins zu eins. Auch die Zahl der ermordeten jüdischen Frauen, Männer und Kinder und die geografische Ausdehnung auf Europa und Nordafrika während des Holocaust sind nicht vergleichbar.

Am 20. November wurde ein weiterer „offener Brief“ von – wie SPIEGEL schrieb – renommierten Historikern und Antisemitismusforscher*innen veröffentlicht, der zeigt, dass es vielleicht weniger um Vergleiche geht als vielmehr darum, dass einige die Deutungshoheit über den aktuellen Krieg zwischen Israel und der Hamas haben möchten, wenn sie fordern, die Massenverbrechen der Hamas und ihrer Unterstützer nicht mit dem Holocaust zu vergleichen. Da der Holocaust, – der Völkermord an sechs Millionen Juden durch NS-Deutschland, der von großen Teilen der deutschen Zivilgesellschaft aktiv und passiv unterstützt wurde – der Bezugspunkt für die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen von 1948 war, warum sollten dann keine Vergleiche angestellt werden?  Warum sollte der zahlenmäßig größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust am 7. Oktober 2023 nicht als Vergleich herangezogen werden? Warum lehnen Holocaust- und Antisemitismusforscher dies ab? Vielleicht wäre es jetzt vielmehr an der Zeit, darauf hinzuweisen, dass die UN-Völkermordkonvention einen viel zu großen Interpretationsrahmen zulässt? Raphael Lemkin, polnisch-jüdischer Jurist und Namensgeber des Begriffs, schrieb in den 1940-er Jahren, dass das neue Wort „Völkermord“ eine „alte Praxis in ihrer modernen Entwicklung“ sei. In seinem rund 670 Seiten starken Buch „Axis Rule in Occupied Europe: Laws of Occupation, Analysis of Government, Proposals for Redress“, das sich auf Ideen aus den 1930er Jahren bezieht, führt er ausführlich die Genese des Begriffs aus.

Es ist offensichtlich, dass die Qualität der Massenverbrechen der Hamas gewisse Ähnlichkeiten und natürlich auch Unterschiede aufweist. Unter anderem versuchten die Hamas-Terroristen auf Befehl höherer Stellen, so viele Juden wie möglich zu ermorden – was als (phantasierter) Beginn für die Zerstörung des Staates Israel – „Befreiung Palästinas von der zionistischen Besatzung“ – definiert wird (Hamas: General Principles and Policies, 2017). Sie vergewaltigten und folterten israelische Frauen und töteten und entführten israelische Babys und andere Zivilisten und nahmen sie als Geiseln. In ähnlicher Weise hielten die Nationalsozialisten jüdische Geiseln beispielsweise in Bergen-Belsen und anderen Lagern gefangen. Stolz filmten die Täter des 7. Oktober 2023 ihre Mordaktionen und verbreiteten Propaganda, um die Welt zu täuschen. Und – schockierend genug – große Teile westlicher Menschenrechts- und Hilfsorganisationen und sogar zum Holocaust arbeitende Institutionen schweigen bis heute, wenn es um Verbrechen gegen Frauen und Kinder oder die Verurteilung der terroristischen und mörderischen Taten als solche ging. Und das, obwohl Auszüge aus den Verhören der Täter vom 7. Oktober veröffentlicht wurden und auf TikTok oder anderen sozialen Medien weit verbreitet sind, was beweist, dass es systematische Befehle für die brutale Ausführung von Vergewaltigungen und Entführungen gab. Im Übrigen ist es sehr wahrscheinlich, dass die Denker und Täter der Hamas und ihre Unterstützer in Betracht gezogen haben, wie Israel auf die Terroranschläge reagieren würde.

Um den Kreis zu schließen: Historiker belegen ihre Thesen in der Regel nicht mit einem einzigen Zitat oder greifen selektiv auf Quellenmaterial zurück, das lediglich eine vorgefasste Meinung widerspiegelt, ganz gleich, ob es sich um den Völkermord an den Armeniern oder an den Herero oder Tutsi in Ruanda handelt. Historiker stellen tatsächlich eine Arbeitshypothese auf, deren Vor- und Nachteile wissenschaftlich diskutiert werden. Was haben wir in den letzten Wochen gelernt? Auch Intellektuelle und Holocaust-, Völkermord- und Antisemitismusforscher sind vor Manipulation nicht gefeit.

Dr. Verena Buser, Berlin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Holocaust Studies Program/Western Galilee College.

Bild oben: KZ Gedenkstätte Dachau, Bild von Jordan Holiday auf Pixabay