Über Sonnenscheinchen und verzauberte Wälder

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Die wunderbaren literarischen Welten der vergessenen Märchendichterin Clara Hepner

Von Martina Bitunjac

Die Märchen- und Jugenddichterin, Kinderbuchautorin und Herausgeberin Clara Hepner ist heute vollkommen in Vergessenheit geraten. Ihre vielen literarischen Werke, allen voran Kinderliteratur, bietet keine Buchhandlung mehr an. Von 1906/07 bis 1935 dagegen ließ sie mit ihren Büchern unzählige Kinderaugen erstrahlen und Erwachsenenmünder schmunzeln. Ihre Werke wurden damals gar eine Million Mal verkauft; einige von ihnen waren Teil des Lehrplans (S. 7). Auch überschritt der Ruhm der Märchendichterin die Grenzen des deutschsprachigen Raumes: So wurden einige ihrer Veröffentlichungen ins Finnische, Französische, Isländische, Norwegische und Schwedische übersetzt (S. 21). Die im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik bekannte Autorin widmete sich vor allem zwei literarischen Gattungen: dem Märchen und den Tiererzählungen bzw. einer Kombination daraus (S. 22).

Ihre märchenhaften Kurzgeschichten führten ihre Leserinnen und Leser in fabelhafte Welten und auf abenteuerliche Reisen. Menschen, Tiere und Naturwesen trafen in ihren Erzählungen aufeinander, sie stritten, lachten, weinten und vertrugen sich manchmal wieder. Zwei ihrer Kurzgeschichten sollen hier näher vorgestellt werden: „Sonnenscheinchens erste Reise“ (S. 34–49) und „Der verzauberte Wald“ (S. 155–160). Das erstere Werk war Hepners erstes kinderliterarisches Buch. In dieser 1907 erschienenen und sehr erfolgreichen Kurzgeschichte schickte sie das kleine neugierige Sonnenscheinchen vom Schoß seiner Mutter, der gelbe Locken tragenden Sonne, auf die Erde zu den Menschen. Auf seiner Reise stellte Sonnenscheinchen viel Unfug an und wurde von den Menschen wegen seines Sonnenstrahls, der ihnen störend entgegenblinzelte, als lästig empfunden. Weinend vertraute sich Sonnenscheinchen seinem Verwandten, dem Westwind, über die Unfreundlichkeit der Menschen an. Dieser lachte amüsiert und versprach Sonnenscheinchen, die unhöflichen Menschen mit Wind und Sturm zu bestrafen. Die Geschichte endet mit einem Happy End, als das abenteuerlustige Sonnenscheinchen nach Hause zur Mutter Sonne zurückkehrt, die sich zum Schlafen die Nachthaube auf ihr gelbes Haupt bindet, um in der Nacht vom Mond abgelöst zu werden – alles hatte schließlich seine Ordnung.

Ihre Erzählung „Der verzauberte Wald“, 1928 erschienen, beginnt Clara Hepner mit der Beschreibung eines uralten Zauberers, der „so alt war, dass niemand wusste, wie alt er eigentlich war, nicht einmal er selber“ (S. 155). Nun war der Zauberer nicht nur alt, sondern auch böse. Er verwandelte den einst wunderschönen grünen Wald in einen lieblosen, verbrannten und verkümmerten Ort, an dem nicht mal die Vögel mehr sangen. Statt der lieben Rehe und Häschen lebten dort von nun an böse Schlangen und Kröten. Die verbliebenen Tannen weinten vor Trauer. Eines Tages gelangte in den verzauberten Wald ein „seltsamer kleiner Kerl“ mit einer Laterne in der Hand – er nannte sich „das Irrlicht“. Dieses kleine freche Wesen führte mit seinem Licht nicht selten verirrte Wanderer von ihrem Weg ab. Als es sich aber die traurige Geschichte der weinenden Tannen anhörte, empfand das Irrlicht Mitleid und entschied sich, dem Wald zu helfen. So ließ das Irrlicht den bösen Zauberer glauben, es sei ein Stern. Der Zauberer folgte ihm über Wälder und Täler, da er den Stern bzw. das Irrlicht in seiner Gier unbedingt fangen wollte. Stattdessen führte das Irrlicht ihn in den Tod. Der Wald blühte wieder auf und alle, Tannen, Hasen und Kinder, waren wieder glücklich.

Ihre Schriftstellertätigkeit begann Clara Hepner, als sie um die vierzig Jahre alt war. Geboren wurde sie 1860 in Görlitz. Sie war die Tochter des angesehenen Rabbiners Dr. Siegfried Freund, der für seine Verdienste vom deutschen Kaiser geehrt wurde, und von Doris Lachmann. Sie besuchte die von ihrem Vater gegründete Mädchenschule, in der sie später selbst unterrichtete. Nach ihrer Heirat mit dem Geschäftsmann Salomon Hepner zog sie von Görlitz nach Berlin. Nach 22 Jahren Ehe ließen sich die beiden scheiden. 1903 zog Clara Hepner in die Künstlerstadt München, wo sie mit ihrem Lebensgefährten, dem 15 Jahre jüngeren österreichischen Verleger und Dichter Georg Muschner-Niedenführ, zusammenlebte (S. 13–17). Sie wohnten in der Nähe des Schlosses Nymphenburg, wo sie direkten Zugang zu Wald und Tieren des Schlossgeländes hatten (S. 19) – ein Ort der literarischen Inspiration. In dieser Blütezeit ihres schriftstellerischen Schaffens überwand Clara Hepner in der konservativ und antisemitisch geprägten Umgebung sowohl frauen- als auch judenfeindliche Vorurteile (S. 8).

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurden Clara Hepners Bücher boykottiert und auf die schwarze Liste gesetzt. Selbst zu dieser Zeit schaffte sie es eine Weile, ihre jüdische Identität öffentlich geheim zu halten – allerdings war die Gestapo über ihr Jüdischsein informiert. Im August 1939 setzte Clara Hepner ihrem Leben ein Ende, als sie vom dritten Stock ihrer Münchener Wohnung in den Tod sprang (S. 220). Der Antisemitismus, das Berufsverbot und schließlich die Zwangsräumung ihrer Wohnung waren für die Frau, die das Gute in ihren Erzählungen verbreitete, eine zutiefst schmerzhafte Erfahrung. Die Märchendichterin wurde 78 Jahre alt.

Mit seinem im Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich erschienenen Buch hat Alex Jacobowitz, der Herausgeber und Kommentator der Werke, die Märchendichterin Clara Hepner aus dem Vergessen in die Gegenwart zurückgeholt. Die liebevoll gestaltete Veröffentlichung, die gespickt ist mit vielen bunten Illustrationen aus einer vergangenen Zeit, ist eine würdevolle Hommage an die einst viel gelesene und gefeierte Märchendichterin. Nicht zuletzt eignet sich das Buch als schönes Geschenk für die anstehenden Feiertage. Jung und Alt werden sich, wie vor vielen Jahrzehnten, von den Abenteuern Sonnenscheinchens und von mysteriösen Wäldern sowie den vielen spannenden Tiergeschichten verzaubern lassen können.

Clara Hepner, Jüdische Märchendichterin. Ein Lesebuch, herausgegeben und kommentiert von Alex Jacobowitz, Leipzig: Hentrich & Hentrich 2023, 239 S., Euro 27,00, Bestellen?

Martina Bitunjac ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien/Universität Potsdam.

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