„DAS Schöne* SEHEN“

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Von Dienstag, dem 5. bis Donnerstag, dem 14. September 2023 richtet die Jüdische Gemeinde zu Berlin die 36. Jüdischen Kulturtage Berlin aus. Unter der Leitung von Intendant Avi Toubiana präsentiert das größte Festival jüdischen Lebens in der Hauptstadt insgesamt 38 Veranstaltungen mit deutschen, israelischen und internationalen Musiker*innen, Schriftsteller*innen, Comedians und Modedesigner*innen sowie Filme und Sonderausstellungen.

Veranstaltungsorte sind u. a. die Synagoge Rykestraße, das Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße, der Bebelplatz, die Berliner Mercedes-Benz-Niederlassung am Salzufer, der Quatsch Comedy Club und mehrere Berliner Kinos. Das gesamte Programm der 36. Jüdischen Kulturtage ist ab sofort auf der Webseite https://www.juedische-kulturtage.org/ einsehbar.

Die Programmidee der 36. Jüdischen Kulturtage Berlin repräsentiert ein Kaleidoskop. Abgeleitet aus dem Griechischen bedeutet es so viel wie: „schöne Formen sehen“. Dieses dynamische Prinzip wechselnder, ansprechender Zustände spiegelt sich in den vielfältigen Formaten des Festivals wider. Ein Blick durch das Kaleidoskop zeigt: Jede Bewegung führt zu einer Neuanordnung der einzelnen Teile, die jedoch nach wie vor ein Ensemble bilden. Bildende und darstellende Kunst, Musik, Literatur und nicht zuletzt der berühmte Humor sind charakteristische Elemente der jüdischen Kultur. Die Betonung des Positiven, Empathischen, Hoffnungsvollen verleiht auch den 36. Jüdischen Kulturtagen Berlin ihre besonderen Farben und Formen.

Schon der Auftakt des Festivals am 5. September in der Synagoge Rykestraße verbindet eindrucksvoll Kunst, Geschichte, Tanz und Musik. Vor dem Konzert der israelischen Rock-Ikone Aviv Geffen setzt die Compagnie Ballet Entertainment das diesjährige Festival-Motto „Kaleidoskop“ choreografisch in Szene. Die Bewegungsdramaturgie des jüngst von früheren Tänzer*innen des Staatsballetts Berlins gegründeten Ensembles korrespondiert mit der Ausstellung von Werken des israelischen Architekten und Kaleidoskop-Künstlers Roy Cohen, die am Abend festlich eröffnet wird. Und dann Aviv Geffen: Gerade 22-jährig war der Künstler 1995 unmittelbarer Zeuge der Ermordung von Yitzchak Rabin, wirkte neben seiner musikalischen Karriere als Friedensaktivist und wurde zum Sprachrohr der jungen israelischen Generation. Bei seinem Konzert wird Aviv Geffen viele seiner zu Klassikern avancierten Stücke präsentieren, auch das Yitzchak Rabin gewidmete „Livkot Lecha“ („Cry for You“).

Aviv Geffen, © Alon Levin

Ein weiteres Highlight der 36. Jüdischen Kulturtage Berlin dürfte am Donnerstag, dem 7. September die Präsentation innovativen jüdischen Designs in der Berliner Mercedes-Benz-Niederlassung am Charlottenburger Salzufer werden. Erstmalig findet im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Berlin eine Fashion Show statt, die mit dem Gedenken an die 100-jährige Geschichte jüdischer Modemacher in Berlin und den Werken junger, international tätiger Designer*innen eine Brücke von der Vergangenheit ins Hier und Heute schlägt. Den Abend moderiert der Performer und Regisseur Uriel Yekutiel, ein prominentes Gesicht der LGBTQ-Community in Tel Aviv.

Literatur: schon immer eines der wesentlichen Elixiere jüdischer Kultur, in Deutschland und weltweit. Am Freitag, dem 8. und am Sonntag, dem 10. September thematisieren 16 zeitgenössische Autor*innen – u. a. Arnon Grunberg, Shelly Kupferberg, David Safier, Julya Rabinowich, Esther Schapira und Michel Friedman – aktuelle Positionen zu kulturellen und politischen Fragen mittels literarischer Formate und Sachbücher in Lesungen und Gesprächen. So werden beispielsweise Lebensgeschichten aus Ost- und Westeuropa beleuchtet, Literatur für Erwachsene, aber ebenso Kinder- und Jugendbücher vorgestellt. Als Begegnungsort zwischen Literat*innen, Moderator*innen und Publikum dient ein Zelt auf dem Bebelplatz, ein mit Bedacht gewählter Ort. Vor 90 Jahren verbrannten hier Student*innen, Professor*innen und Mitglieder von SA und SS mehr als 20.000 Bücher von vorwiegend jüdischen, liberalen, sozialdemokratischen und kommunistischen Autor*innen. Im Literaturzelt der 36. Jüdischen Kulturtage Berlin wird am Abend des 10. September auch Ron Prosor zu erleben sein. Der israelische Botschafter in Deutschland, Sohn eines in Berlin geborenen und 1933 nach Palästina emigrierten Vaters, spricht über 75 Jahre Israel.

Der Quatsch Comedy Club ist am 11. und 12. September Schauplatz einer besonderen Show. Zum ersten Mal gastiert Mordechi Rosenfeld (kurz: MODI) in Berlin. Der Künstler ist zweifelsohne der derzeit populärste Stand-up-Comedian der USA. Schon seine Biografie ist spektakulär: In Tel Aviv geboren, Schulabschluss in Long Island (USA), abgeschlossenes Psychologiestudium, Arbeit als Investmentbanker, Gesangsstudium, Kantor in seiner Gemeinde – nun Humor-Profi. Auch wenn sein pointenreiches Programm teils derbe Spitzen über die Unterschiede zwischen Juden und Nicht-Juden beinhaltet, steht das Miteinander im Fokus: Empathie, Mitgefühl und die Bereitschaft, andere zu unterstützen. Das Opening übernimmt Oliver Polak.

Der Abschluss der 36. Jüdischen Kulturtage Berlin am 14. September rückt in der Synagoge Rykestraße noch einmal einen jüdischen Wahlberliner mit ganz anderer künstlerischer Ausrichtung in den Fokus: Guy Braunstein. Der israelische Violinist, Dirigent und Komponist, einst jüngster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, beginnt den Konzertabend mit „The Lark Ascending“ („Die aufsteigende Lerche“) aus dem Jahr 1914. Die Partitur von Ralph Vaughan Williams für Violine und kleines Orchester ist inspiriert vom gleichnamigen Gedicht des britischen Lyrikers George Meredith. Guy Braunstein spielt „The Lark Ascending“ solo.

Die folgende Uraufführung dürfte ein Höhepunkt der diesjährigen Jüdischen Kulturtage werden: Guy Braunstein hat Arnold Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ (1899/1902) bearbeitet und mit „Die Nacht wird immer verklärter“ eine Fassung für Orchester und zwei Stimmen eingerichtet. Braunstein wird selbst am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) stehen. Als Solist*in treten die schwedische Sopranistin Sofie Asplund und der dänische Tenor Peter Lodahl auf. Für das Libretto beauftragte Braunstein den Lyriker und Pianisten Daniel Arkadij Gerzenberg, der beim autobiografischen Hintergrund des Gedichts „Die verklärte Nacht“ von Richard Dehmel ansetzte und dies mit autobiografischen Motiven des Dichters und seiner Frau Ida Dehmel verknüpft.

Das Finale bestreitet dann das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) mit Antonín Dvořáks 1893 uraufgeführter 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt” mit Guy Braunstein am Pult.

Außerdem u. a. im Programm der 36. Jüdischen Kulturtage Berlin: 10 internationale Kinofilme mit jüdischen Schwerpunkten im Babylon Kino, im Kino Central und im Kino Moviemento; der Videoschnipselvortrag „Kibbuz DDR“ mit Naomi Yoeli und Jürgen Kuttner; die Fotografien von Günter Krawutschke im Repräsentantensaal der Neuen Synagoge Berlin; das Konzert der populären israelischen Sängerin Marina Maximilian und die Klezmer-Formation Kommuna Lux aus Odessa mit ihrer energetischen Performance.

Weitere Informationen unter:
https://www.juedische-kulturtage.org/programm