Wir sind, die wir sind

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Die Netanjahus – ein so unterhaltsamen wie hintergründiger Roman von Joshua Cohen

Von Karl-Josef Müller

Die Netanjahus, das sind Vater, Mutter und die drei Söhne Jonathan, Benjamin und Iddo. Schauplatz des Geschehens ist eine kleine und eher unbedeutende Hochschule in der Nähe von New York um die Jahreswende 1959/1960. An dieser Hochschule ist Ruben Bloom Professor und dort zu diesem Zeitpunkt der erste Lehrer jüdischer Herkunft: „‚Ein jüdischer Historiker‘ – was denken Sie, wenn Sie das hören? Welches Bild steht Ihnen da vor Augen?“ Tatsächlich ist die Bezeichnung gleichermaßen zutreffend wie unzutreffend. Ich bin ein jüdischer Historiker, aber ich bin kein Historiker, der sich mit jüdischer Geschichte befasst – oder jedenfalls war das nie mein beruflicher Schwerpunkt.“

Joshua Cohens Sprache wirkt unangestrengt, sein Ich-Erzähler ist ein Plauderer; er ist einer, der sich vermeintlich von keinem Ressentiment treffen lässt. Und der doch sein Leben lang dafür gekämpft hat, als der wahrgenommen zu werden, der er sein möchte. Ein Kampf, der gleichermaßen gerichtet ist gegen die vielen Versuche, ihm eine Identität zuzuschreiben, auf die er selbst überhaupt keinen Wert legt: „Summa summarum: Den größten Teil meines Lebens – im Grunde bis auf die jüngste Zeit, da eine Reihe von Fuß-, Bein- und Hüftverletzungen mich zwangen, Mobilität gegen Mortalität einzutauschen – zog ich keine Kraft aus meiner Herkunft und nutzte jede Gelegenheit, sie zu ignorieren oder sie wann immer möglich zu leugnen.“

Wir machen einen gedanklichen Sprung, weg von Cohens Roman und hin zu einem Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20. Mai 2023, Rubrik ‚Literarisches Leben‘, verfasst von Marie-Luise Bott, betitelt Merkwürdig erotische Situationen. Lebendige Dichtung mit Todesbewusstsein: Was Christoph Meckel nach seinem Treffen mit Ingeborg Bachmann und Paul Celan notierte. Meckel verzeichnete unter anderem folgendes über Paul Celan: „Sehr eigenartiger Besuch, kluger, nervöser, doch von innen heraus gefestigt erscheinender Mensch, etwas typisch Jüdisches im Wesen. (…)“

Müssen wir mehr sagen? Genau um die Beiläufigkeit, mit der diese  Zuschreibung erfolgt, geht es auch in Joshua Cohens Roman. Ihr entgeht man nicht, man kann nur versuchen, sie zu ignorieren oder die eigene jüdische Herkunft zu leugnen.

Wer definiert unser je eigenes, individuelles Wesen; und vor allen Dingen: wer meint, zu Recht oder zu Unrecht, etwas über unser je eigenes, individuelles Wesen sagen zu können? Diejenigen, die diese Zuschreibungen wie selbstverständlich vornehmen, kommen überhaupt nicht auf die Idee, irgendwem darüber Rechenschaft abzulegen. Nein, wir wollen Christoph Meckel nicht als versteckten oder offenen Antisemiten anklagen, aber die Gedankenlosigkeit, mit der er den Menschen, die Person, das Individuum Paul Celan beiseite schiebt, um an dessen Stelle sein vermeintlich jüdisches Wesen zu setzen, diese Selbstverständlichkeit verschlägt einem den Atem. 

Cohens Ich-Erzähler begegnet diesem Phänomen letztlich mit Sarkasmus, denn eine Besserung der Verhältnisse ist nicht in Sicht; auch hätte es ihn, historisch betrachtet, ja wesentlich schlimmer treffen können:

„Die Griechen hatten schließlich neugeborene Juden mit ihren eigenen Nabelschnüren erdrosselt; die Römer hatten jüdischen Gelehrten mit heißen Eisenbürsten die Haut abgezogen; die Inquisition nutzte Strappado und Streckbank; die Nazis Gas und Feuer. Mit desen historischen Grausamkeiten verglichen, was konnte ein Witz wie ‚Wie viele Juden passen in eine Auto?‘ da schon anrichten?“ Das Lamentieren hat Ruben Bloom erst gar nicht ausprobiert, und dehalb muss er es sich auch nicht abgewöhnen.

Ja, man kann mit Fug und Recht sagen, dass Ruben Bloom scheinbar einen Weg gefunden hat, die alltäglichen Kränkungen ob seiner jüdischen Herkunft stoisch zu ertragen.

Kommen wir zurück zu den Netanjahus, die zwar dem Roman den Titel geben, aber erst auf Seite 166 des Buches bei einem Gesamtumfang von 288 Seiten leibhaftig in Erscheinung treten. Handelt es sich bei der Wahl des Romantitels somit um einen, wenn auch eher kleinen, Etikettenschwindel?

Möglicherweise ja.

„Am 13. Juni 2021 wurde Netanjahu als Premierminister Israels abgewählt, nachdem es ihm seit Ende 2018 nicht mehr gelungen war, eine stabile Regierung zu bilden.“ (wikipedia)

Fünf Tage später erscheint in der New York Times eine Besprechung des gerade erschienen Romans, in welcher die Autorin unmittelbar Bezug nimmt auf die Ereignisse in Israel. Mehrfach, ja beschwörend, beginnen ihre abschließenden Überlegungen zu Cohens Roman mit der Formulierung „This was a good book to read…“

Die Rezensentin Taffy Brodesser-Akner ist tief betroffen von diesem Roman, der viel mehr ist als eine amüsante Geschichte über die chaotischen und absonderlichen Netanjahus. Wir geben zu, im Eifer des Gefechts den Untertitel des Romans erst jetzt, während diese Zeilen geschrieben werden, zur Kenntnis genommen zu haben, selbstredend ist er, und daher dem Witz Joschua Cohens angemessen, eine maßlose Untertreibung: „oder vielmehr der Bericht über ein nebensächliches und letztlich sogar unbedeutendes Ereignis in der Geschichte einer sehr berühmten Familie“.

Wie kann es sein, dass eine solche Petitesse die Rezensentin Taffy Brodesser-Akner dazu veranlasst, folgende Sätze zu schreiben:

„This was a good book to read as the meme of asserting that the ‚questioning‘ of Israel’s policies is not anti-Semitism morphed into something that was, by some parties, actually yes quite gleeful and strenuous anti-Semitism, until finally my sisters in Crown Heights began to beseech their male children to cover their yarmulkes with baseball caps and the world around me was heartbreakingly silent as Jews were cornered and threatened here in America for something going on very far away.“

Taffy Brodesser-Akner erleidet durch dieses doch so harmlos und lustig daherkommende Buch einen regelrechten Schock, der in ihr verborgene Ängste und Befürchtungen an die Oberfläche spült:

„I began to have Benzion Netanyahu’s old dogmatic thought that this kind of hatred had to be preordained by someone. A thing they didn’t prepare me for in my own cheder — or maybe they did and I just didn’t hear it — was that the unique sadness and terror of anti-Semitism for the Jews lies not just in its violence, but in the people around you pretending that the violence doesn’t even exist.“ 

Joschua Cohen hat einen leichtfüßig und plaudernd daherkommenden Roman geschrieben, den man sehr genau und vielleicht auch mehrfach lesen sollte, um seiner erschreckenden und abgründigen Tiefe gewahr zu werden:

„Things cooled, as they do, and I was faced with a new book to review, but I didn’t. Instead, I reread this one, (…).“

Joshua Cohen: Die Netanjahus. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke, Schöffling & Co. 2023, 288 S., € 25,00, Bestellen?