Ambivalenzen eines weltberühmten Schriftstellers

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Durch die „Animal Farm“ und „Nineteen Eigthy Four“ wurde George Orwell weltberühmt. Zum Antisemitismus und den Juden fanden sich bei ihm mitunter etwas merkwürdige Positionierungen. Ein Band versammelt jetzt diese Statements, welche Ambivalenzen zu Einstellungen über diese Fragen zu erkennen geben.

Von Armin Pfahl-Traughber

Die „Frankfurter Allgemeine“ fragte „Im Herzen antisemitisch?“  (12. April 2023), die „Süddeutsche Zeitung“ wollte wissen „War George Orwell Antisemit?“ (19. April 2023). Beide Artikel bezogen sich auf eine Edition: „George Orwell. On Jews and Antisemitism“, die aus dem Gesamtwerk alle nur möglichen Passagen zum Thema dokumentiert. Dazu gehören Artikel ebenso wie Buchbesprechungen, Dokumentationstexte ebenso wie Romanauszüge. Paul Seeliger hat ie versammelt, um wohl Antworten auf die vorgestellten Fragen zu ermöglichen. Dabei sind solche nicht in klarer Eindeutigkeit zu haben, eher muss wohl von einer ambivalenten Haltung gesprochen werden. Eine breitere Analyse hat auch der Herausgeber nicht vorgenommen, nur eine allgemeine Einführung geschrieben und einige Hintergrundinformationen zu Texten präsentiert. Demnach sollen sich die Leser wohl eine eigene Meinung bilden, wozu die Quellenedition den nötigen Stoff  liefert. Eine differenzierte Analyse muss entsprechende Kriterien nennen, welche ein differenziertes Bild bei Orwell ergeben würden.

Sein erstes Buch „Down and Out in Paris and London“ von 1933 erwähnt Gespräche von Personen, die in Alltagsausführungen antisemitische Stereotype vortragen. Eine Distanz oder Kommentierung dazu gibt es von Orwell nicht. Es handelt sich aber auch um ein dokumentarisches Buch, welches das Leben am unteren gesellschaftlichen Rand wertfrei schildern wollte. Weltberühmt machte Orwell dann „Nineteen Eighty Four“ von 1949, worin bei der negativen Figur „Emmanuel Goldstein“ behauptete jüdische Merkmale hervorgehoben werden. Indessen wollte Orwell hier Trotzki symbolisch thematisieren, welcher antisemisch nicht nur im Stalinismus karikiert wurde. Es gibt aber auch immer wieder Aussagen des weltberühmten Schriftstellers, welche auf die Existenz eines zumindest latenten Ressentiments schließen lassen. Wenn negative Figuren mit angeblicher oder tatsächlicher jüdischer Identität vorkommen, dann betonte er diese Eigenschaften ohne inhaltliche Notwendigkeiten. Ein besonders aufmerksamer Aufseher von SS-Soldaten wurde ebenso tituliert wie „Salonkommunisten“ als pro-sowjetische Sympathisanten.

Es gibt darüber hinaus Auffälligkeiten, die sich durch persönliche Abneigungen erklären können: Die an den Juden begangenen Massenmorde waren für Orwell kein Thema, obwohl er als britischer Korrespondent im Nachkriegsdeutschland immer wieder mit diesen Untaten konfrontiert wurde. Manche kritischen Aussagen, etwa die zur Erklärung der Judenfeindschaft von Jean-Paul Sartre, wurden mit merkwürdig desinteressiertem Unmut kommentiert. An empathischer Aufmerksamkeit für die ermordeten und verfolgten Juden scheint es Orwell gefehlt zu haben. Gleichwohl publizierte er die längere Abhandlung „Anti-Semitism in Britain“ 1945 in „Contemporary Jewish Record“, worin der Antisemitismus auch im Nachkriegsengland kritisch als verwerfliche Vorstellung kommentiert wurde. Er komme häufiger vor als allgemein angenommen, obwohl dies nicht immer öffentlich wahrnehmbar sei. Eine Gleichgültigkeit den Juden und ihrem Leid gegenüber bestehe, während Hetze angesichts der nicht weit zurückliegenden nationalsozialistischen Judenverfolgungen unterbliebe. Antisemitismus sei eine Form des Nationalismus.

Derartige Einschätzungen zeugen nicht von differenzierten Erklärungen, was man angesichts des damaligen Kenntnisstandes wohl nicht von Orwell erwarten konnte. Er war eher essaystischer Betrachter gesellschaftlicher Entwicklungen und weniger ein systematischer Tiefenbohrer zu sozialen Umbrüchen. Als Antisemiten kann man ihn wohl nicht bezeichnen, weder beschwor er ein derartiges Feindbild noch äußerte er sich eindeutig in diesem Sinne. Gleichwohl scheint Orwell ein eher privates Ressentiment eigen gewesen zu sein, was ihn gelegentlich zu negativen Hervorhebungen angeblichen Jüdischseins motivierte. So erklärt sich die Gleichzeitigkeit, einerseits einer eindeutigen Ablehnung des Antisemitismus in der Gesellschaft und andererseits der gegenüber dieser Identität einzelner ihm nicht sympathisch erscheinender Juden artikulierten Vorbehalte. Für die Antisemitismusforschung sollte der Ausgangspunkt, so hatte Orwell 1945 selbst formuliert, nicht sein: „Warum spricht dieser irrationale Glaube andere Leute an?“, sondern „Warum spricht der Antisemitismus mich an?“ Eine darauf bezogene Erörterung kann man aber leider nicht mehr lesen.

George Orwell. On Jews and Antisemitism. Introduced, edited and annotated by Paul Seelinger, Berlin 2022 (Comino-Verlag), 299 S., Euro 16,00, Bestellen?

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