Die AfD und ihr Think Tank II

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Heute: Allgemeine Grundlagen II

Von Christian Niemeyer

Übrigens: Ein Buch zu schreiben mit einer tickenden Atombombe im Rücken (tatsächlich war es nur die Küchenuhr!) und einem den täglichen Wahnsinn in Echtzeit abbildenden Nachrichtenticker vor Augen, ist kein Zuckerschlecken, wahrlich nicht. Mein Dank gilt in diesem Zusammenhang den überaus aufgeweckten Studis aus meinem Seminar Der Think Tank der Neuen Rechten im Blick auf entscheidende Positionen und Personen im Wintersemester 2022/23 an der Evangelischen Hochschule Berlin. Ich erinnere mich einiger banger Minuten in diesem vierstündigen Kurs, in welchem wir uns wechselseitig maßen in Sachen Weltkriegsangst. Bis mit heute, an einem Samstagmorgen in KW 43/2022, die rettende Idee kam in Gestalt der Verfilmung von Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps & Putins Untergang. Unter der Regie von Roland Emmerich und unter dem Titel The Day Before. Unter der Nutzung von Impulsen, die Emmerich zusätzlich zu den meinen dem Fernsehfilm The Day After (1983) seines Kollegen und Star-Trek-Spezialisten Nicholas Meyer entlieh. Meyers Fernsehfilm aus Vor-Gorbatschow- und also in Jung-Putin-Zeiten wusste 100 Millionen US-Fernsehzuschauer mit einem Szenario zu faszinieren, welches wir aktuell im Berliner Straßenverkehr tagtäglich studieren können: Durchgeknallte Mitdreißiger rasen, überholen rechts, bremsen aus und zeigen Stinkefinger, als gäbe es kein „Morgen“ mehr. Ähnlich also wie die Australier in Meyers Film von 1983 – nur dass diese wenigstens einen Grund hatten: Es gab für sie down under maximal noch ein paar days after mehr, bis die atomare Wolke unweigerlich auch sie erreichen würde, nach atomarem Erstschlag der UdSSR auf Kansas City und unvermeidlichen atomaren Gegenschlag.

Unvergleichlich mit der aktuellen Situation! Und doch: Studieren Sie doch einmal die Gesichtszüge hysterisch nach Waffen oder nach dem Gegenteil Schreiender. Wobei das Angebot breit verfügbar ist. Und von grün (gemeint ist jetzt nicht die Gesichtsfarbe!), also Anton Hofreiter, über blau (Marie-Agnes Strack-Zimmermann) bis, was die angeblichen Pazifisten angeht, rot (Sarah Wagenknecht) bis braun (Alice Weidel) reicht. Wobei „reicht“, ergänzt um die Vorsilbe „es“, wohl das Rechte trifft, eingedenk von neu-rechten Journalisten wie Ralf Schuler (bis August 2022 Bild)[1] von der Schweizer Weltwoche, der am 28.10.2022 unkte:

Vieles spricht dafür, dass Wagenknecht mit einer eigenen Partei zwei andere zerlegen würde: die ohnehin zerbröselnde Linke und die AfD, von deren Anhängern 63 Prozent Sympathien für die Ex-Kommunistin Wagenknecht zu erkennen geben.[2] 

Was soll man sagen zu derlei hier von Schuler perfekt auf den Punkt gebrachte Gemütslage des deutschen Michel? Der, den schrecklichen Odem eines The-Day-Before-Gespensts ausgesetzt, zu Loriot-Humor zurückfindet, mit hier leicht variiertem Text wie dem folgenden:

Ödipussi, Schnödipussi, Hauptsache, Du behältst Deinen Putin lieb und glaubst dessen deutschen Fürsprecherinnen Wagenknecht & Weidel, dass er zu Recht zornig ist und man ihm besser mit pazifischer Haltung entgegentritt. Zumal wir im Winter dann nicht frieren müssen und genug zu essen haben.

Klingt irgendwie ganz nett, aber irgendwie auch saudämlich. So dass man einfach nicht glauben kann, dass unser Intelligenzbestien-Duo Wagenknecht & Weidel an derlei Schmus glauben. Tun Sie auch nicht, diese beiden Pseudo-Rotkäppchen, die natürlich wissen, auf welchen Namen der böse Wolf lautet. Der seine „pazifistischen“ deutschen Anhänger nach dem Verbot von Russia Today im März 2022 heimlich[3] auffordert, ukrainischen Flüchtlingen, „Sozialtouristen“ nach Meinung selbst von Friedrich Merz, die Suppe so gut es geht zu versalzen.

Und sei es im Rahmen eines an den Fall Walter Lübcke[4] erinnernden Szenario, nämlich durch Brandanschlag auf das für ukrainische Flüchtlinge gedachte Spreehotel in Bautzen Ende Oktober 2022. Nur dass jener Landrat – Udo Witschas (CDU) – zwei Monate später das Gedenken an Lübcke mit Füßen trat, als er nachträglich vor dem Bautzener Mob kapitulierte und in einer zynisch „Weihnachtsbotschaft“ überschriebenen Mitteilung in AfD-Manier und mit Billigung von Michael Kretschmer sowie, durch Schweigen, auch von Friedrich Merz davon Kunde gab, das Landratsamt wolle „Menschen, die unsere Kultur nicht kennen, die unsere Regularien nicht kennen, jetzt hier in Mehrfamilienhäusern und frei stehenden Wohnungen unterbringen und dafür die Gefährdung des sozialen Friedens in Kauf nehmen“[5] – eine Erläuterung, die im Kreise der Brandstifter vom Oktober fraglos jubelnd aufgenommen worden sein dürfe. Was wiederum an Witschas‘ NPD-Kontakte von 2017 denken lässt. Deretwegen ihm, wie Antonie Rietzschel am 22. August 2017 in sueddeutsche.de berichtete, die Zuständigkeit für das Ausländeramt des Landkreises entzogen wurde.

Im Namen von „was“ oder „wem“ geschieht derlei Ukraine-Flüchtlinge-Bashing sowie, die Kehrseite betrachtend, nützliches AfD-Idiotentum eigentlich? Nun, „wem“ ist einfach zu beantworten: Putin. Das „was“ hingegen ändert sich offenbar im 6-Monate-Wechsel bei einem Kameraden, der inzwischen als Vampir „Bloodymyr“ auf Friedensdemonstrationen auf Plakaten durch die Welt getragen wird. Der anfangs in Kiew so etwas wie eine grünversiffte Bande von drogensüchtigen Nazi-Juden auszumachen verstand, die es qua „Spezialoperation“ auszuschalten gelte. Und der danach laut Pia Karim (vom 28.10., 16:38) das für dieses Operation gedachte Attribut „Entnazifizierung“ durch „Entsatanisierung“ zu ersetzen gedachte, wohl angetrieben von Motiven, die Aleksej Pawlow vom russischen Sicherheitsrat wie auf den Glockenton seines Meisters hin, auf den Punkt brachte, in der Ukraine gäbe es, wie nun deutlicher geworden sei, „satanische Sekten“ sowie „satanische Kirchen“, die in ihrer unersättlichen Blutgier dazu aufriefen, soviel Russen wie möglich zu töten. Wichtig dabei noch der zusätzliche Hinweis Pawlows, dass die Ukraine sich durch „Internetmanipulationen und Psychotechnologien […] von einem souveränen Staat in eine totalitäre Hypersekte“ verwandelt worden. Denn dieser angebliche Souveranitätsverfall soll jenen im Februar begonnene „Spezialoperation“ nachträglich als nicht völkerrechtswidrig rechtfertigen, gleichsam als erlaubte Schutzmaßnahme aller souveränen Staaten weltweit. Ein Aspekt, der uns noch separat beschäftigen wird (vgl. Kap. 13), vorbereitend zu dem anderen (vgl. Kap. 14), vielleicht noch wichtigeren: Hinter Putin, beglückt seine Arme öffnend und ihn mit Titeln wie „Chefexorzist“ und „Kämpfer gegen den Antichristen“[6] adelnd, steht das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche und Patriarch von Moskau (seit 2009), Kyrill I. (*1946).

Kurz und mit einer einschlägigen neueren Darstellung (vgl. Rubboli 2022) geredet: Mit diesem vormaligen KGBler und, von daher, Putin-Freund, der seine Regentschaft als „Wunder Gottes“ adelte, steht auf einmal das Mittelalter mit Hexenprozessen und allem anderen Bohei mitten auf dem Spielfeld, es bereichernd mit Bellizismus, Antifeminismus, Homophobie und Segnungen gefallener russischer Soldaten mit dem Hinweis, ihr Tod sei mit dem „Heilsopfer Christi“ vergleichbar – eine Äußerung, welche die orthodoxe Theologin Natallia Vasilevich aus Bonn einem Bericht auf ORF vom 26.9.2022 zufolge[7] als „blasphemisch“ verwarf. Dass Selenskyj einer am 2.12. um 6:17 auf Welt eingestellten Nachricht zufolge „den Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche auf das geistliche Leben in seinem Land stoppen [will]“[8], ist insofern ein gutes Zeichen. Es lässt nach Kriegsende auf eine breite Säkularisierungswelle in der Ukraine als auch in Russland hoffen. Kyrill I. – um mir diesen privaten Zusatz zu erlauben, auch auf die Gefahr hin, AfDler mit russisch-orthodoxen Hintergrund zu verprellen, ebenso wie Erik Lehnert[9] oder Raskolnikow[10]– gehört meinem gesunden Rechtsempfinden zufolge Ende des Krieges, wie Putin, vor einen Internationalen Kriegsgerichtshof und, zusammen mit diesem sowie Lawrow & Co., wg. Teilhabe bei der Vorbereitung eines völkerrechtswidrigen Krieges hingerichtet – und ich kann nur hoffen, dass Roland Emmerich die Sache ähnlich sieht und filmisch korrekt umsetzt.

Übrigens: Im Vergleich zum Moskauer Patriarchen erstrahlt der Papst beinahe im hellen Licht eingedenk seines Wortes vom 2.10., es sei „beängstigend, dass die Welt die Geografie der Ukraine anhand von Namen wie Butscha, Irpin, Mariupol, Isjum, Saporischja und anderen Orten kennenlernt, die zu […] Orten des Leids und der Angst geworden sind.“[11] Andererseits: Was ist damit gewonnen, wenn der Pontifex sich nur gut drei Wochen später im Mittelalter von Kyrills I. verläuft, mindestens aber doch in der Zeit vor Nietzsche, in welcher man noch vergleichsweise unbeschwert warnen durfte vor Pornografie mit Sprüchen wie „So tritt der Teufel ein“ sowie: „Das reine Herz, das Jesus jeden Tag empfängt, darf solche pornografischen Informationen nicht empfangen.“[12] Mit Verlaub: Ist diesem Papst trotz des ganzen Elends sexuell missbrauchter Messdiener in Köln und anderswo (vgl. Niemeyer 2015: 138 ff.; 2019a: 422 ff.) noch nicht die Idee gekommen, dass der zugelassene Pornokonsum hier und da vielleicht der Sexualnot des zum Zölibat verpflichteten Berufsnachwuchses abgeholfen und insoweit Messdiener vor Missbrauchstaten geschützt hätte? So dass – damit kommt Nietzsche ins Spiel – christliche Sexualmoral ihr sie als christlich begründendes Motiv selbstredend nur aus Zeitgemässem zu gewinnen vermag, also aus allerneuster Sexualforschung, die sich vor allem als ihr A & O freizumachen hat von christlicher Leibfeindlichkeit in der Logik etwa von Zarathustras Rede Von den Verächtern des Leibes (vgl. Niemeyer 2007: 18).

Ergänzen muss man diesen Sermon um den via Iran nach dem Tod der Kurdin Mahsa Amini durch die Sittenpolizei mit inzwischen, Stand Januar 2023, 19.000 Verhafteten und einer Vielzahl (teils) öffentlich Gehenkter (SP 2/2023: 72) in diesem von Satanisten und perversen Männern regierten „Gottesstaat“. Nur um den das Tragen des Hijab angeblich zum unbedingten Gebot erklärenden Versen nach Quran 24:30-31 zu entsprechen? Die seit der Französischen Revolution und erst recht seit Voltaire & Nietzsche zur Vernunft in Sachen des nur im Doppelpack erhältlichen duo infernale Religion & Fanatismus gekommenen Westeuropäer rufen dazu verlangend aus: Gebt Gedankenfreiheit, Weltreligionen allüberall, dankt ab, macht einer umfassenden Säkularisierung Platz und entdeckt die andere Welt des Wissens, die erst nach Nietzsches Befreiungsslogan „Gott ist tot!“ sichtbar wird, etwa in der Linie des Originals aus dem legendären Abschnitt Der tolle Mensch:

Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! […] Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? (III: 481)

That’s it: Wir alle, jede(r) für sich, jede(r) um seiner Lieben wegen, und zwar ob weiß, rot, braun oder Henna, müssen „zu Göttern werden“, aus uns selbst unser Gutes begründen lernen, wenn wir dauerhaft allen nur denkbaren „richtigen“ Göttern, ob nun Jesus, Manitou oder Allah, entsagen wollen – und dem damit unweigerlich verbundenen Fanatismus und Dogmatismus.

Soweit Nietzsches Programm, das spätestens ab jetzt, 2023, das Programm aller werden muss, wenn dieser Planet noch eine Chance haben soll. Meint zugleich: Soweit das hier verfochtene Theorieprogramm der, wie ich’s mit dem Titel meines neuen Buches nennen würde, Nietzsche, New School (i.V.).  Bleibt – um unseren Ausgangspunkt nicht zu vergessen – Roland Emmerichs 2026er Blockbuster The Day Before. Ein, wie mir dünkt, durchaus fulminanter Film mit Drehorten rund um den Planeten. In Moskau etwa, die Abdankung Kyrills I. feiernd. In Rom und Jerusalem, nach einem Skript, dass Nietzsche „am Tage des Heils, am ersten Tag des Jahres Eins (– am 30. September 1888 der falschen Zeitrechnung)“, abzeichnete mit dem Programmpunkt drei:

Die fluchwürdige Stätte, auf der das Christenthum seine Basilisken-Eier gebrütet hat, soll dem Erdboden gleich gemacht werden. (VI: 254)

Es wird also, geht es nach den Säkularisierungsbefürwortern, krachen. Mit Rollen für Schauspieler wie Omar Sharif (der sich ja hoffentlich inzwischen von seinen Dreharbeiten für Doktor Schiwago erholt hat).

Fortsetzung folgt.

–> Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps und Putins Untergang

 

[1] Auf den Kündigungsgrund wird noch zurückzukommen sein (vgl. Kap. 3).

[2] Weltwoche.ch/daily/afd-chefin-weidel-sieht-in-sahra-wagenkecht-eine-konkurrentin-welche-chancen-hat-die-linken-politikerin-mit-einer-…

[3] Meint in Deutschland in der Regel: unterhalb des Radars der Sicherheitsbehörden.

[4] Mit dem Landrat Udo Witschas (CDU) in der Rolle Lübckes, insofern jener, ähnlich wie dieser 2019, vor dem Anschlag in jenem Hotel eine Bürgerversammlung abgehalten hatte zwecks Erläuterung der beabsichtigten Beherbergung von zweihundert Geflüchteten in diesem Hotel. Am Dienstag gab es daraufhin in Bautzen eine Demonstration der AfD, auf welcher ein Teilnehmer in Richtung Hotel rief, das Problem würden „die Leute hier schon lösen“ (zit. n. www.mdr.de/nachrichten/sachsen/bautzen/bautzen-hoyerswerda-kamenz/brandanschlag-spreehotel-asylunterkunft-100.html)  

[5] www.stern.de/politik/deutschland/bautzens-landrat-udo-witschas-loest-mit-weihnachtsbotschaft-kritik-aus-33028996.html

[6] www.msn.com/de-de/nachrichten/welt/chefexorzist-wladimir-puzin-erh-c3-a4t-w-c3-a4hren-heiligen-krieges-des-kremls-neuen-bizarren-titel/ar-AA1…

[7] religion.orf.at/stories/3215269/

[8] www.msn.com/de-de/nachrichten/welt/politik/selenskyj-geht-gegen-russische-kirche-vor/ar-AA14Oatq?ocid=msedghp&p=U531&cvid=298e16776bdd4f…

[9] Der seine Sympathien in dieser Frage mit seiner russisch-orthodoxen Mutter erklärt (vgl. Kositza/Kubitschek 2015: 166 f.).

[10] Der 2013 „die Schwulenumzüge in Moskau oder Kiew“ (zit. n. Kositza/Kubitschek 2015: 170) mit der russisch-orthodoxen Kirche erklärt und nicht erkennen läßt, er halte derlei Umzüge für unstatthaft (vgl. auch Kap. 1.3).

[11] www.nau.ch/news/europa/papst-fordert-von-putin-ein-ende-der-spirale-der-gewalt-66293957

[12] S. www.nau.ch/news/europa/papst-franziskus-warnt-vor-pornos-so-tritt-der-teufel-ein-66317102