Tel Aviv in den 1930er Jahren

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Die Fotos von Ze’ev Aleksandrowicz

Von Christel Wollmann-Fiedler

Ich schaue den Kamelen zu, die Karawanen gleich am Mittelmeerstrand entlangziehen, gehe über die Straße und begegne arabischen Frauen, die ihre Lasten transportieren, begegne einer wunderschönen jungen Beduinin mit Schmuck behängt, bestaune die neugebauten Straßenzüge der Bauhausarchitekten, bewundere die moderne „Weiße Stadt“, noch ohne Bäume und Sträucher. Schafherden von arabischen Jungens getrieben ziehen durch die neu entstandenen modernen Straßen, Ochsenkarren sind da hinten zu erkennen. Das sehr europäisch aussehende Paar ist mit Sonnenschirm unterwegs.

Die Kamele im Hintergrund, die Palmen im Vordergrund, lassen eine andere Welt erkennen, für die sie sich entschieden haben, als sie Europa verließen. Inmitten arabischer Kultur und arabisch gekleideter Menschen befinden sie sich, doch die moderne Stadt Tel Aviv beginnt zu entstehen. Auf dem Maccabi Tennisplatz tummeln sich elegant gekleidete junge europäische Menschen mit Krawatten und modernen Hüten und warten auf das Tennisspiel. Vor dem Cafe Gan Rave in der Allenby in Tel Aviv sind sommerlich gekleidete Europäer unterwegs. Andere Straßenszenen, Baustellen werden festgehalten, eine Dame mit ihren vier Kindern wird im Vorgarten ihres Hauses in der Rozenbaum Street Nr. 4 abgelichtet.

Die Dame mit den vier Kindern und den Straßenszenen in den 1930er Jahren hat der Weltenbummler und Zionst und vor allem leidenschaftliche Fotograf Ze’ev Aleksandrowicz mit seinem fotografischen Blick festgehalten. Als Wilhelm Aleksandrowicz wurde Ze’ev 1905 in eine recht wohlhabende jüdische Familie in Krakau geboren, wurde von den Eltern auf gute Schulen geschickt und zur Weiterbildung nach Wien und Basel, um auf das Geschäftsleben in Krakau vorbereitet zu werden. Seine Tante Roza, die zur Krakauer Künstlerszene gehört, schenkt dem Schüler die erste Kamera.

Später wird diese Kamera und eine neue moderne Leica sein Leben verändern und bestimmen. Mit der Leica wird er um die Welt reisen und in andere europäische Länder, wird mehrere Male in den 1930er Jahren nach Palästina fahren und sich für die Zionistische Idee begeistern. Unter seinem Namen werden Fotos in den USA und Polen in Zeitschriften erscheinen. Seinen Lebensunterhalt muss er mit der Fotografie nicht finanzieren. Seine Kamera hält die Entstehung der Weißen Stadt in Tel Aviv fotografisch fest. Lea Chelouche, die sephardische Jüdin, heiratet Aleksandrowizc 1936 und Tel Aviv wird ihrer beider Zuhause. Das schöne Foto mit Madame und den vier Kindern in der Rozenbaum Street ist sein persönlichstes.

Kurz darauf gibt Ze’ve die Fotografie auf und niemand konnte bislang ergründen, warum. Ze’ev starb 1992 in Tel Aviv. Geblieben ist das Zelluloid seiner leidenschaftlichen Arbeit, die Unmengen von Negativen mit Blicken und Motiven einer interessanten Zeit, die Entstehung des modernen Staates an der Levante, einer Zeit des Aufbruchs im Wüstenland, der Baubeginn einer hochmodernen Metropole, der ehemaligen Gartenstadt von Jaffa.

Mehr über Ze’ev Aleksandrowicz:
https://www.zeevaleksandrowicz.com/

Bild oben: Ein Öl-Verkäufer in Tel Aviv, Foto: Ze’ev Aleksandrowicz