Weltkulturerbe-Titel für Claude Lanzmanns Audio-Archiv im Jüdischen Museum Berlin

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Das Jüdische Museum Berlin (JMB) kann nun von sich sagen, dass es UNESCO-Weltkulturerbe beherbergt: Claude Lanzmanns (1925-2018) Audio-Archiv zu dem Film „Shoah“ (Frankreich 1985). Das Archiv wurde vergangene Woche gemeinsam mit dem originalen 16mm-Film und dem restaurierten 35-mm-Film in das UNESCO-Register des Weltdokumentenerbes „Memory of the World“ aufgenommen.

Die Filme sind Eigentum der französischen Produktionsfirma Les Films ALEPH, die 1973 von Claude Lanzmann gegründet wurde. Dominique Lanzmann, die Witwe des Regisseurs, ist sowohl deren Geschäftsführende Gesellschafterin als auch Präsidentin der Claude und Felix Lanzmann-Vereinigung A.C.F.L. Die internationale Auszeichnung hebt den universellen Wert und die Bedeutsamkeit der Filme und der Tonkassetten hervor.

Bei dem Audio-Archiv handelt es sich um Tonaufnahmen, die der Journalist und Dokumentarfilm-Regisseur Lanzmann, Enkel jüdischer Immigranten aus Osteuropa, bei den Recherchen in den Jahren vor Beginn der Dreharbeiten für „Shoah“ gemacht hat. Es sind Gespräche mit unterschiedlichen Zeitzeug*innen: mit Überlebenden der Ghettos und Konzentrationslager, mit Widerstandskämpfer*innen, Historiker*innen, Geistlichen, Intellektuellen, Politikern und Tätern. Corinna Coulmas und Irena Steinfeld-Levy unterstützten Lanzmann bei diesem Unternehmen als Assistentinnen.

Das Audio-Archiv wurde dem JMB Ende 2021 von Dominique Lanzmann gestiftet. Die Aufnahmen sind auf gewöhnlichen Musikkassetten gespeichert. Nach dem Erhalt der Schenkung hat das JMB damit begonnen, die rund 200 Stunden Aufnahmen zu digitalisieren, um sie für die Zukunft zu bewahren und zugänglich zu machen.

Hetty Berg, die Direktorin des JMB, kommentiert die Schenkung und die Auszeichnung: „Mit der Auszeichnung beherbergt das JMB nun erstmals von der UNESCO anerkanntes Weltkulturerbe. Dieses umfangreiche und nie veröffentlichte Audio-Archiv, das im Kontext seines filmischen Monumentalwerks ‚Shoah‘ entstanden ist, hier in Berlin bewahren zu dürfen, ist ein großes Glück und besondere Verpflichtung zugleich. Die Audio-Aufzeichnungen bereichern seit dem vergangenen Jahr unsere Sammlung um eine einzigartige Perspektive: Lanzmann hat mit seinem Dokumentarfilm einen völlig neuen künstlerischen Ansatz gewählt und Grundlagen für die Methode der Oral History gelegt. Die Auszeichnung motiviert uns zusätzlich, diesen Bestand inhaltlich zu erschließen, recherchierbar und online zugänglich zu machen.“ Die Alfred Landecker Foundation, die sich unter anderem für eine zeitgemäße Erinnerung an den Holocaust einsetzt, beabsichtigt, die digitale Aufarbeitung, Erschließung und Vermittlung des Archivs mit einem substanziellen Betrag zu fördern.

Der Film „Shoah“ war ein Wendepunkt in der Wahrnehmung des Holocausts: Ohne pädagogischen Gestus ist es ein lehrreiches Werk, das gesicherte historische Informationen liefert und diese im Gedächtnis eines weltweiten Publikums verankert. Lanzmann hatte zwölf Jahre lang an diesem Dokumentarfilm gearbeitet. Der Film ist neun Stunden und 26 Minuten lang – er zeigt kein einziges Archivbild. Lanzmanns Interview-Methodik in „Shoah“ spielte eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Oral History als Disziplin: Er lässt die Zeitzeug*innen frei erzählen und den Fokus ihrer Erzählung selber wählen. Die Premiere von „Shoah“ gilt entsprechend sowohl als großes filmisches Ereignis als auch als historischer Meilenstein. In Anbetracht der Tatsache, dass die letzten Zeug*innen des Holocausts bald verstorben sein werden, entfalten die von Lanzmann durchgeführten Recherchen und Tondokumentationen ihre volle Bedeutung.

Die Dokumente im „Memory of the World“-Register der UNESCO markieren kulturelle Wendepunkte der Geschichte und sind Wissensquelle für die Gestaltung heutiger und künftiger Gesellschaften – beispielsweise die Göttinger Gutenberg-Bibel, die Archive des Warschauer Ghettos, die Kolonialarchive Benins, Senegals und Tansanias. Diese Dokumente von außergewöhnlichem Wert in Archiven, Bibliotheken und Museen zu sichern, zugänglich zu machen und das Bewusstsein für ihre Bedeutung zu erhöhen, ist seit 1992 die Zielsetzung des UNESCO-Programms „Gedächtnis der Menschheit“. Deutschland ist nun mit 25 Einträgen vertreten.

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