Hitler, Syphilis, Euthanasie (VIII.)

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Heute: Elisabeth Förster-Nietzsche: Friedrich Nietzsche und die Frauen seiner Zeit. München 1935.

Von Christian Niemeyer

Dieses Buch platzte in eine Zeit hinein, in welcher sich infolge der ‚Machtergreifung‘ Hitlers die NS-Guidelines im Diskurs um Nietzsche und Nietzsches Krankheit grundlegend geändert hatten. Namentlich die Krankheitsfrage interessierte im Prinzip nicht mehr, jedenfalls nicht die in der Mehrheit befindlichen, um Alfred Rosenberg (1893-1946) gruppierten Nietzscheanhänger unter den Nazis. Dass Nietzsches Schwester in Fragen wie diesen seit nun über dreißig Jahren Desorientierendes zu Papier gebracht hatte, wurde insoweit von Nazi-Insidern mit einer gewissen Nonchalance registriert, nach dem Motto: Solange in der Hauptsache alles von ihr uns nutzt – etwa ihre Nietzsches Willen negierende Kompilation Der Wille zur Macht, – und sie in Sache von Nietzsches Krankheit nur von Harmlosigkeiten Kunde gibt, ist alles gut.

Harmlos ist auf den ersten Blick auch ihr neuestes und letztes Buch, das in Sachen von Nietzsches Krankheit nichts Neues und ansonsten allerlei Klatsch und Tratsch bietet, etwa darüber, dass ihr Bruder „einmal einem jüngeren Freund, der Junggeselle bleiben wollte und sich recht humoristisch über etwaige Eheabsichten ausbreitete, mit großem Ernst auf die Wichtigkeit und hohe Bedeutung der Ehe aufmerksam machte.“ (Förster-Nietzsche 1935: 168) Bedenken wir das von den Nazis verkündete Ende der Ehe als Privatsache, klingt das Ganze schon etwas weniger harmlos und soll erkennbar die Pointe Förster-Nietzsches vorbereiten, auch unter Beiziehung von Passagen aus Der Wille zur Macht:

„[M]it dem höchsten Erstaunen erkennen wir, daß sie der Gesetzgebung des neuen Reichs vorgeschwebt haben muß, so wunderbar treffen die Anschauungen Nietzsche’s mit den gegenwärtigen Gesetzen zusammen.“ (ebd.: 169)

In Übersetzung geredet: Worauf die greise, zuvor durch einige Besuche Hitlers bei ihr in Weimar geehrte, im 88. Lebensjahr stehende Dame hier reflektiert, ist das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933/34, das als „Schubladengesetz der Weimarer Republik“ (Baader 2018: 199) gilt – eine Bezeichnung, die nach dem eben Zitierten den Rückschluss erlaubt, der Gesetzgeber habe aus Nietzsches Schublade sich bedient, Nietzsche gebühre also eigentlich der allererste Rang als geistiger Wegbahner der NS-Zwangssterilisation und -Euthanasie. Und dies gleichsam passgenau zum Versprechen Hitlers auf dem Reichsparteitag 1935, er werde im Fall eines Krieges die Euthanasiefrage aufgreifen und durchführen. (vgl. Mitscherlich/Mielke 1995: 237)

Sowie, nicht zu vergessen: Am Vorabend des 11. November 1935, als Nietzsche in Weimar im Beisein Hitlers als unangreifbare Nazi-Ikone heiliggesprochen wurde, und zwar ausgerechnet am Grabe Elisabeth Förster-Nietzsches, die kurz nach Erhalt von Hitlers Dankschreiben (vom 26. Juli) für ihr letztes Buch erkrankt und am 8. November verstorben war. Kurz: Nietzsches Schwester vollendete 1935 ihre Politik der Nazifizierung Nietzsches – und wurde postwendend, gleich nach ihrem Tod, von den Nazis deswegen geehrt, zusammen mit ihrem Bruder. (vgl. Niemeyer 2020: 445 ff.)

Die Folgen dieser durch sie bewirkten Heiligsprechung Nietzsches liegen auf der Hand, auch der Widersinn derselben. Damit sei nicht bestritten – dies wäre am Ende dieses Buches ja auch absurd –, dass Nietzsche aus Verzweiflung über seine Syphilis Euthanasie-nahes Denken erprobte, wie die im Vorhergehenden dargebotene Durchsicht einiger seiner Werke auf den darauf bezüglichen Subtext hin offenbarte.

Gravierender ist aber, und darauf zielt die Vokabel ‚Widersinn‘: Nietzsche, nur vierzig Jahre jünger gedacht – und dies verunklart Thomas Manns Konstruktion in Doktor Faustus (1947) –, wäre ohne jede Frage Opfer jener Gesetzgebung geworden, die seine Schwester 1935 als auf seinen Geist zurückgehend meinte behaupten zu dürfen.

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden (i.R.)

Text: Basiert auf meiner Darstellung Sex, Tod, Hitler. Eine Kulturgeschichte der Syphilis (1500-1947) am Beispiel von Werken vor allem der französischen und deutschsprachigen Literatur. Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2022. Dort auch alle Literaturhinweise, Nachdruck (S. 297-299) aus jenem Buch mit freundlicher Genehmigung des Verlages.