Ein Frühling in Haifa

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Meine uralten Freundinnen und Freunde, die den Holocaust in Europa, die Hölle in Auschwitz oder Transnistrien überlebt haben, gingen nach dem Ende des 2. Weltkriegs nach Palästina oder später nach Israel. Sofern sie durften, auch aus osteuropäischen Ländern. Sie gingen nach Palästina, sie gingen in das neu gegründete Israel. Sie kamen in einen Staat, der ihnen Freiheit und Demokratie versprach.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Einige von ihnen meinten, im Schlaraffenland angekommen zu sein. Kriege und Stürme und Bomben haben sie im Land an der Levante erlebt und überstanden. Die Freiheit hat alles aufgehoben. Ihr Jüdischsein war kein Problem mehr. Sie hatten schreckliche Erinnerungen an damals als man sie unendlich demütigte, sie ausmerzen und ihnen ihre Kultur nehmen wollte. Bei meiner mütterlichen Freundin Hedwig auf einem der hundert Hügel in Haifa lernte ich in all den Jahren mehr und mehr über Land und Leute. Das Land Israel mit all seinen Schwächen und Schönheiten wuchs mir ans Herz, ich begann, es zu lieben. Alljährlich bin ich hier, fühle mich Zuhause.

In diesem Jahr, in diesem Frühjahr 2023, erlebe ich ein anderes Land, erlebe ein aufgeregtes, aber auch ein solidarisches. Miteinander auskommen, miteinander leben ist die Stärke dieses kleinen Wüstenlandes. Verschiedene Religionen, unterschiedliche Ethnien treffen sich und werden akzeptiert.

Seit Monaten hat diese Toleranz einen tiefen Sprung bekommen. Allwöchentlich gehen die Menschen auf die Straße. Sie demonstrieren in ihrem demokratischen Staat, schwenken ihre Nationalflagge, die berühmte blau-weiße mit dem Davidstern. Laute Instrumente, die Tröte aus Kindertagen, das Mini-Megaphon und die Trommeln und Pfeifen sind wiederentdeckt. Lautsprecher übertragen Reden, getrommelt und getrötet , auch gesungen wird gemeinsam. Das Wort „Demokratia“ verstehe auch ich und „Bibi“, ebenso und so manches Plakat mit …1933…. Netanjahu, genannt „Bibi“, der derzeitige Ministerpräsident will Gesetze verändern nach seinem Gustus. Von einer Reform ist seit Wochen die Rede. Nein, eine Reform ist das nicht, eine juristische Veränderung soll herbei. Langsam, langsam wird die Demokratie in diesem modernen Land ausgeschaltet. Nicht auszudenken, was dann folgt…Wehmütig verlasse ich das Land, lasse das Land hinter mir, in dem ich über mehrere Wochen solidarisch mit den modernen Israelis, ob Alt oder Jung, ob klein oder groß, auf die Straße gegangen bin und gegen die sogenannte „Reform“ demonstriert habe. Ausgehebelt wird das freiheitliche Tun, das ich als Mensch im fortgeschrittenen Alter nicht ertrage!

Auch eine Demonstration der Rechtsgerichteten Pro-Justizreform wurde Ende April  in Jerusalem auf die Beine gestellt. Eine „Millionen-Demonstration“ sollte es werden, gut 100.000 Teilnehmer sollen dabei gewesen sein. In Shuttle Bussen wurden die Menschen aus allen Teilen des Landes abgeholt und nach Jerusalem gebracht. Ein sehr teures Unternehmen auf Staatskosten. In Tel Aviv gehen allwöchentlich durch Eigeninitiative ebenso viele Menschen auf die Straße.

Im nächsten Frühling möchte ich wieder über das Carmel-Gebirge wandern und mich an den bunt blühenden Frühlingsblumen am Weg erfreuen. Werde hoffentlich stolz verkünden, dass dieses Land sein freiheitliches, sein demokratisches Grundprinzip erhalten hat. Ich möchte zurückkommen in ein Land in dem Grundprinzipien und Gesetze für das Volk und nicht zugunsten eines Ministerpräsidenten und seiner Helfer umgemodelt werden.