Liebe Angst

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© Copyright: Freischwimmer Film

Ein leiser, ein nicht anklagender Film, der den eigenen Körper streift und traurig macht. Lore, die Mutter in Bremen, hält tief in sich die Erinnerung fest, erinnert sich tagaus, tagein an das Abholen der Mutter 1941. Das sechsjährige Kind Lore sieht aus dem Versteck noch immer die schmale Tasche unter dem Arm der Mutter und die dazugehörende Geste als diese von der Gestapo abgeholt wird und nie wieder kommt. 

Von Christel Wollmann-Fiedler

Immer wieder, ihr gesamtes Leben lang, hat Lore bis ins hohe Alter diese Szene von damals in der Seele und hat mit niemandem darüber gesprochen. Es kommt und kommt, prägt ihr Leben, auch das Leben der Tochter. Verbittert sind sie nicht die beiden Frauen, Mutter und Tochter, doch hängt an ihnen etwas, das ist zu spüren.

Das Jüdischsein, die Ermordung der Familienangehörigen und selbst überlebt zu haben, haben bei Lore zu Psychosen geführt. Kim, die Tochter in Berlin, betritt die Spuren der Familiengeschichte. In Moabit in Berlin lebt sie, hat eine umwerfend schöne Stimme, einen Mezzosopran. In der Zeit der Pandemie singt sie vom Fenster aus für die Menschen unten auf der Straße, erfreut sie in der tristen Zeit mit ihrer wunderbaren Stimme, der Musik von Schumann und den Texten von Heinrich Heine. Opernsängerin wäre sie gerne geworden, war in der besten Auswahl, wurde nicht angenommen, Angstzustände kamen. Ausschnitte von früheren Musikveranstaltungen werden gezeigt und immer wieder die umwerfende Stimme…

Das gegenüber liegende Haus in der Spenerstraße zieht Kim an. Von Lore, der Mutter, erfährt sie am Telefon, dass in diesem Haus ihre Mutter Marianne, Kims Großmutter, gewohnt und von dort abgeholt wurde nach Auschwitz. Lore und ihre beiden Brüder haben im Versteck überlebt.

Kim und ihr Bruder Tom werden auf Kinderfotos in geschwisterlicher Einigkeit gezeigt. Tom hat sich vor Jahren das Leben genommen. Zusammenhänge aus Kindertagen und dem Tod des Bruders führen zwischen Lore und Kim zu Diskussionen. Vorwürfe wie es war und Fluchtversuche aus der Vergangenheit werden angesprochen, das Mutter Sohn Verhältnis und auch das Mutter Tochter Verhältnis. Geblieben ist Tom in Bremen, die Mutter in der Nähe, auch bei ihm wachsen die psychischen Probleme. Kim, die Schwester zieht als Halbwüchsige nach Hamburg und weiter nach West-Berlin, hat sich von der Mutter und den unüberschaubaren Familienproblemen verabschiedet, doch nicht getrennt. Das nie Ausgesprochene ist an Kim hänggengeblieben. Überforderung der Psyche ist fortwährende Begleiterin bei den Begegnungen von Mutter und Tochter. Handbeschriebene Notizzettel über Notizzettel sind bei Lore in Bremen gestapelt, ein regelrechtes Archiv.

Die Kamera ist mittendrin, das Ocular beobachtet, hält unsichtbar berührende Momente, Mimik und Szenen fest. Eine Kameraführung vom feinsten.

Einen unendlich schönen, ruhigen und sehr nachdenklichen Film haben Sandra Prechtel, die Filmemacherin und Kim Seligsohn in den Jahren mit guten Ideen zusammengefügt. Beide Frauen, Lore und Kim, spielen sich, spielen und diskutieren über die Zeiten, die vielen Jahre, die nie besprochen wurden, in ihrer beider Natürlichkeit mit Tränen und Rührung auch Lachen.

Noch viele, sehr wichtige Szenen aus dem Leben der Frauen könnten besprochen werden, doch ich lasse es sein. Den Film „LIEBE ANGST“ muß man sehen, den Film muß man spüren. Hier auf dem Carmel sitze ich, denke über den Film nach und schreibe ganz für mich alleine. Der Carmel ist der Platz, der die jüdische europäische Vergangenheit regelrecht gespeichert hat.

Bild oben: © Freischwimmer Film

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