Hitler, Syphilis, Euthanasie (II.)

0
81

Heute: Seved Ribbing: Die sexuelle Hygiene und ihre ethischen Konsequenzen (1890), im erweiterten Kontext betrachtet

Teil I dieser Mini-Serie sollte das Augenmerk auf die Syphilis-Endlösung im Dritten Reich lenken und vorbereiten auf die folgenden Teile. Beginnend, gleich jetzt, mit einem Text aus dem Jahr 1890 und endend, in Folge VIII, mit einem von Heinrich Härtle von 1937. Mit anderen Worten: Die Zeit vom Beginn der Syphilis um 1500 bis 1890 muss ich hier und jetzt nacherzählen. Zum Glück eröffnet mir die am Ende von Teil I geübte geharnischte Kritik am Schweigen der Päpste Pius XI. sowie Pius XII. die Möglichkeit, die Vokabel „Papst“ als eine Art Ariadnefaden zu nutzen ausgehend vom in der Nietzscheforschung kaum beachteten Papst-Fluch Nietzsches vom Januar 1889 bis zurück in die Zeit um 1500, als das ganze Elend um die Syphilis begann. Das Ganze, wie in der ersten Folge, unter Berufung auf mein Buch Sex, Tod, Hitler (2022) und also unter Reiseleitung

Von Christian Niemeyer

Der eben erwähnte Papst-Fluch Nietzsches („werfe den Papst ins Gefängniß“; 8: 572) aus einem der vier am 3. Januar 1889 verfassten ‚Wahnsinnsbriefe‘ des in geistige Umnachtung versinkenden Antichristen aus Turin zielte auf Papst Leo XIII. (1810-1903). Legendär, dieser Papst, weil er sich 1889 von einem auf dem Campo dei Fiori errichteten antiklerikalen Monument zu Ehren des erst 2000 rehabilitierten, seinerzeit als Ketzer dem Scheiterhaufen überantworteten Aufklärers Giordano Bruno (1548-1600) nicht etwa animiert fühlte zur Selbstkritik, sondern derart betroffen war, dass „dass er um seine eigene Sicherheit fürchtete“ (Reinhardt 2017: 803), will sagen: Er, dieser Papst, über den ein vom Spiegel besorgter Sammelband 2013 nichts weiter mitzuteilen wusste als dass er, der „hochgelehrte, liberale“ Papst, „das päpstliche Archiv für die wissenschaftliche Forschung [öffnete]“, um im gleichen Atemzug die leitende Spiegel-Redakteurin Annette Großbongardt das Nietzsche-Problem mittels der popjournalistischen Bemerkung ad Cesare Borgia entsorgen zu lassen, „ihm [Nietzsche] gefiel dessen Ruchlosigkeit wider die christliche Moral“[1], suchte am Tag der von der Bevölkerung begeistert gefeierten Enthüllung des Giordano-Bruno-Denkmals Zuflucht bei einer anderen Statue, verbrachte also „von den Morgen- bis in die späten Abendstunden schweigend, fastend und betend vor der berühmten […] Petrusstatue im Petersdom.“ (Imbach 2003: 186)

Normal, diese Art der feigen, vom Spiegel 2013 durch Nichterwähnung dieses Vorgangs sowie des Namens von Giordano Bruno sowie jenes des Christentum-Kritikers Karlheinz Deschner auch noch unterstützten Flucht in die Parallelwelt des weltabgewandten und reuefreien Klerikers? Nein, wie offenbar auch Nietzsches Rechnungslegung zeigen wollte, bei welcher für speziell diesen Papst seit Ecce homo (1888/89) das Attribut „Repräsentant der Todfeindschaft gegen das Leben“ (VI: 296) dominiert, basierend auf einen Eindruck, den Nietzsche im September 1888 anlässlich einer Reise Wilhelms II. zum Papst gewann (vgl. XIV: 479) – eine Hellsicht wiederum, welche die Frage aufwirft: Was wusste Nietzsche eigentlich von der dunklen Seite der Päpste allgemein, aber auch speziell, noch spezieller, womit die Sache nun etwas Fahrt aufnimmt: Was wusste Nietzsche, der Syphilitiker, der des Gedankens nicht fern war, auch sein Vater, ein Pastor, sei Syphilitiker gewesen, von der Syphilis der Renaissance-Päpste um 1500?

*

Die Frage selbst klingt spektakulär für denjenigen, der sein Wissen aus Wikipedia schöpft – wovor nicht genug gewarnt werden kann.[2] Und sie klingt langweilig für denjenigen, der ein fast einhundert Jahre altes Buch mit dem Titel Die genialen Syphilitiker (1926) zur Hand nimmt und dort den Satz findet:

Die Geschichte der Syphilis beginnt mit drei Päpsten. (Springer 1926: 66)

Sicherlich, diese Erzählung unseres Autors Brunold Springer, eines damals mit der Sexualreformerin Helene Stöcker (1869-1943)[3] liierten jüdischen Rechtsanwalts, ist im Wesentlichen eine journalistische, bringt aber, vielleicht etwas drastisch, auf den Punkt, was der jüdische Sexualforscher und Dermatologe Iwan Bloch ein Jahr zuvor im posthum erschienen Band II seiner Gesamtdarstellung Die Prostitution ins Bewusstsein gehoben hatte:

Die von Italien ausgehende Renaissance nun bedeutet auch für die Prostitution in der westlichen Kulturwelt eine völlige ‚Wiedergeburt‘ der Antike in dem Sinne, daß ganz entsprechend den individualistischen Tendenzen dieser durch die geistigen Bewegungen des Humanismus und der Reformation am meisten gekennzeichneten Epoche die freieren Prostitution wieder in den Vordergrund trat, die antike Hetäre in der ‚cortegiana‘, der Kurtisane, wieder auflebte. (Bloch/Loewenstein 1925: 29 f.)

Keine wirklich gute Nachricht für Rom um 1500, eine vom Klerus mit Zölibatgebot übervolle Stadt, die nun, gleichsam als weltweite Besonderheit, das Kurtisanenunwesen gebar – mit fiskalisch erstaunlich erfolgreichen Karriereverläufen, aber auch, weitaus häufiger, mit einem Ende in Armut und Elend inklusive der Verfolgung der einst begehrten Frau als nun nicht mehr benötigte Ware, die, im gar nicht einmal so schlechten Fall, als Nonne ins Kloster abgeschoben wurde. (vgl. Kurzel-Tuntscheiner 1995: 125 ff.) Die Syphilis im Renaissance-Papsttum war dabei eine Art unerwünschte Zugabe. Ihrer Gefahren begann man schon Jahrzehnte vor dem Aufkommen des Namens (1530) – Bloch nennt 1496 für Bologna und Ferrara, 1497 für Faenza sowie 1498 für Venedig – inne zu werden, mit der Folge der in unterschiedlicher Gestalt gewinnenden Politik „der Vertreibung und Ausweisung der kranken Prostituierten und der damit verbundenen Aufhebung vieler Bordelle und der systematischen Einführung einer ärztlichen Untersuchung und Behandlung syphilitischer oder der Syphilis verdächtiger Dirnen“ (Bloch/Loewenstein 1925: 8 f.)

Gut ein Vierteljahrhundert zuvor hatte Bloch in seiner Studie über den Ursprung der Syphilis vorgetragen, „dass die gegenwärtig nur von wenigen Forschern [darunter vor allem Bloch; d. Verf.] vertretene Anschauung vom neuzeitlichen Ursprung der Lustseuche die einzig richtige und die ihr entgegengesetzte Lehre von der sogenannten Altertumssyphilis einer der grössten Irrtümer ist, die sich jemals in der Geschichte der Heilkunde breitgemacht haben.“ (Bloch 1901: VI) Begnügen wir uns also vorerst mit dem Hinweis auf einen spektakulären Paradigmenwechsel in Sachen der Lesart der Geschichte einer das Selbstverständnis des Bürger- wie Christentums zutiefst verunsichernden Geschlechtskrankheit, die via Bloch ins Haus stand. Seine zentrale Botschaft: Die Syphilis nahm ihren Ausgang von der „Mannschaft des Columbus“ auf Haiti, von wo sie „in den Jahren 1493 und 1494 in Spanien eingeschleppt wurde“, um sich epidemiemäßig auszubreiten „gelegentlich des italienischen Feldzuges Karls VIII. von Frankreich in den Jahren 1494-95“ (Bloch 1907: 397), und zwar nun auch auf Seiten des Klerus in Rom.

Was dies für unser Thema bedeutet, zeigt sich in der Linie der These, dass „die Syphilis, die ‚Lustseuche‘, ‚St.-Hiobs-Krankheit‘, auch ‚morbus gallicus‘ genannt, […] Europa vom Ende des 15. bis Mitte des 16. Jahrhunderts epidemieartig verheerte, nicht zufällig besonders den Klerus, der sie auch immer weiter verbreitete. […]. Zehntausende wurden dadurch getötet, hohe und höchste Kirchenfürsten angesteckt. (Deschner 1974: 373) Ein Beispiel wurde in diesem Kontext besonders strapaziert, zumal es durch den inner circle hinreichend beglaubigt scheint und entsprechend aufwändig durch den Erotomanen Paul Englisch (1927: 596) präsentiert wurde und nachfolgend auf den als Tatsachenfeststellung zu lesenden Satz gebracht wurde: „Alexander VI. (1492-1503), laut Savonarola ‚schlimmer als ein Vieh‘, kam mit vier Kindern in den Vatikan und delektierte sich dort an Massenorgien im Familienkreis.“ (Deschner 1974: 190) Die Diskussion um das Glaubwürdige der Berichte über diese Szene habe ich andernorts geführt (vgl. Niemeyer 2019: 218 ff.), so dass es hier um anderes gehen soll. Etwa um das Kirchentor, welches sich in Reaktion auf Deschner (nicht nur seiner Parteinahme in der Debatte um diese Szene wegen) zu schließen begann mit Folgen, die insbesondere Hans Küng zu tragen hatte, dem fünf Jahre später (1979) 51-jährig wegen Zweifels am Unfehlbarkeitsdogma die Lehrerlaubnis als Professor für katholische Theologie in Tübingen entzogen wurde. Vielleicht muss man es also vor diesem Hintergrund sehen, resultierend aus der tiefen Enttäuschung über diesen Schritt – das erstaunlich aggressive Deschner-Bashing Küngs von 2002 (vgl. Küng 2002: 17), dem gleichwohl ein unmissverständliches Urteil über Alexander VI.[4] nachfolgte sowie der grundlegende Hinweis im Blick auf „die Scheinheiligkeit des Systems“, die „institutionalisiert“ sei:

Am Zölibat halten die Renaissancepäpste für ‚ihre‘ Kirche eisern fest, aber kein Historiker wird je herausfinden, wie viele Kinder diese ‚Heiligen Väter‘ zeugten, die da in ungeheurem Luxus, hemmungsloser Genusssucht und ungenierter Lasterhaftigkeit leben. (ebd.: 163)

Ein Thema, das man heutzutage, mit Seitenblick auf Papst Benedikt XVI., locker fortschreiben könnte in Richtung sexualisierter Gewalt im Bereich der nicht nur in der Antike, sondern auch in der Renaissance und damit in Rom in einschlägig interessierten Kreisen in einigem Ansehen stehenden Knabenliebe. Kein Thema indes damals für Küng, ebenso wie die Syphilis. Auch Papst Julius II. (1443-1513) stirbt bei ihm vergleichsweise harmlos, auch bei Deschner („schon länger leidend, seit einigen Wochen fieberkrank“; Deschner 2004: 350). Immerhin tut er, Deschner, alles dafür, das Papst-Attribut „Il terrible“ begründbar zu machen (ebd.: 345), gegen seinen Lieblingsgegner Ludwig Hertling. Dieser nämlich war es gewesen, der in seinem offiziell in Rom abgesegneten Standardwerk Geschichte der katholischen Kirche (1949; 31960) einem anderen kirchenoffiziellen Schönschreiber wie Ludwig Pastor (1854-1928), Verfasser einer 22-bändigen Papstgeschichte (1886-1933), in welcher er dieses Attribut, bewusst falsch, übersetzt hatte mit: „ganz außerordentlich, gewaltig, großartig, überwältigend“ (zit. n. Deschner 2004: 345), eigenständig fortschrieb und anempfahl, ein Bild des Bartlosen sich anzuschauen, dann nämlich werde klar: „ein Gesicht zum Fürchten, aber kein Tyrann.“ (Hertling 31960: 270) Unfassbar, derlei Rabulistik – aber immerhin weit leichter zu merken als dasjenige, was der Deschner-Kritiker Hans Küng (2002) zu Pastors und Hertlings Julius-II.-Verharmlosung sagte, und dies in einem Buch, das er in Anlehnung an den Titel Hertlings demonstrativ mit Eine kleine Geschichte der katholischen Kirche überschrieb: nichts.

**

Mein Fazit: Geschwiegen wurde offenbar schon immer von allem Möglichen, vor allem aber von allen Unmöglichen – und besonders laut über die Folgen der „spanischen“ oder, je nach Bedarf, „französischen“ resp. „italienischen“ Krankheit, die speziell in Italien um 1500 spektakulär waren und neben Julius II. und Alexander VI.[5] auch dessen unehelichen Sohn Cesare Borgia (1475-1507) trafen (vgl. Bankl 21992: 240 f.), wohl auch Papst Leo X. (1475-1521), der „an einer Darmfistel litt und wahrscheinlich an einer Syphilis der inneren Organe“; außerdem begann „sein Leichnam bereits unmittelbar nach seinem Tod schwarz zu werden“, was auf eine Vergiftung hinweist, mit dem französischen König Franz I. als Verdächtigtem, was allerdings nicht untersucht wird mit der denkwürdigen Begründung, dass sich am Ende „die Verwicklung eines großen Fürsten herausstellen [könnte].“ (Bäumler 1976: 63) Vergleichbar famos war die Gegenwehr, etwa jene Ludwig Hertlings, der sich nicht genug tun konnte an Spott über jene, die „nichts als Dolch und Gift und Ehebruch“ sähen und sich für Vorbilder von „Hintertreppenromangestalten und Filmscheusalen“ (Hertling 31960: 266) begeisterten.

Bleiben wir gleichwohl unverdrossen bei dem uns nun einmal anvertrauten Handwerk der Aufklärung (zur Not auch jenem aus der Abteilung ‚Aufklärung über die Aufklärer‘): Lässt man die Syphilitiker im Lager der Papst-Kritiker außer Betracht – etwa Erasmus von Rotterdam (1466/67/69-1536) (vgl. Bankl 21992: 243) oder, im Prolog bereits angeführt, Ulrich von Hutten, den als Syphilitiker anzusprechen Conrad Ferdinand Meyer in seinem Versepos Huttens letzte Tage (1871) offenbar peinlich war (vgl. Schonlau 2005: 95 f.) und jedenfalls nicht in das um den frühen Tod des Vaters kreisende selbsttherapeutische Motiv seines Schrifttums (vgl. Niederland 1968/69: 130 f.) einfügte –, ist einigermaßen das Personal bezeichnet, das Luther bei seinem 1520er Wüten gegen das Papsttum auf dem Schirm hatte und auf das hin sein späteres Wort gegenüber dem eigentlichen Erfinder des Ablasshandels, Papst Leo X., Sinn macht, seine Kirche erscheine ihm als „allerschamlosestes Bordell.“ (zit. n. Köhler 2016: 243) Was zu der einigermaßen interessanten Frage führt: Was wusste Luther bei seinem Wüten gegen Rom unter dem Vorzeichen der Reformation von dem Problem, das hier in Rede steht und dem man gerne auch den Syphilitiker Heinrich VIII. (1491-1547) hinzurechnen darf, der von seinen sechs Ehefrauen zwei hinrichten ließ und die englische Kirche vom Papsttum löste (vgl. Bankl 21992: 245)?

Was aber, so unsere Ausgangsfrage, wusste Nietzsche von alldem? Sorry, liebe Leser*innen, aber an dieser Stelle muss ich schweigen und auf das Buch verweisen, aus dem ich eben so ausführlich zitiert habe (vgl. Niemeyer 2022: 25 ff.). Um ersatzweise den Punkt zu machen, auf den es mir im Blick auf den im Folgenden referierten Text aus dem Jahr 1890 ankommt: Zu jener Zeit, als Nietzsches Neurosyphilis (im Januar 1889 in Turin) ausbrach und schließlich 1900 neben Oscar Wilde auch Nietzsche, dieser nach elfjährigem Siechtum, der Syphilis erlag, hatte diese nach wie vor unheilbare Geschlechtskrankheit keineswegs ihren Schrecken verloren – so dass sich der Kampf gegen sie neu aufstellte (ebd.: 226 ff.). Ein Fanal, zumal in Frankreich, setzte hier der Tod Alphonse Daudets (1840-1897), der seine spezifische Form von Syphilis – fortschreitende, sehr schmerzhafte Lähmung der Beine bei klarem Verstand (= Tabetiker) – in zwei in dieser ihrer Bedeutung ignorierten grandiosen Schlüsselromanen, nämlich Fromont jeune et Risler âiné (1874) sowie Sapho: moeurs parisienne (1884), auf die in seinem Fall mutmaßliche Ansteckungsquelle Marie Rieu hin thematisierte (ebd.: 166 ff.; 188 ff.).

In diesen Zusammenhang gehörend: Dass Alain Claude Sulzer in seinem Nachwort für die deutsche Neuausgabe von Daudets Roman Jack: moeurs contemporaines (1876) in der von Hans Magnus Enzensberger begründeten Anderen Bibliothek keinerlei einschlägigen Verdacht hegte ob der wirklichen Gründe für die Weigerung der Daudet-Gattin Julia Allard, ihrem Mann auch bei Sapho zu unterstützen. Es ging in Sapho nämlich nicht lediglich, wie Sulzer im Nachwort zu Jack schreibt, um einen Roman über Daudets „große voreheliche Liebe Marie Rieu.“[6] Sondern es ging, wie in Sex, Tod, Hitler ausführlich dargelegt (vgl. Niemeyer 2022: 188-195), um einen Roman, mit welchem Daudet seiner Gattin in verklausulierter Form ein zweites Mal (nach Fromont jeune [1874]) erklären wollte, wie es durch seine voreheliche Beziehung mit der Mätresse Marie Rieu (gest. 1867), Spitzname Monstre vert, zu seiner Syphilis hat kommen können – unter deren Auswirkungen er, natürlich aber auch sie, seine nun als Krankenschwester geforderte Gattin, zu leiden hatte. Inspirierend in dieser Frage ist nicht Sulzer, sondern eine 1989 zum ersten Mal – in Enzensbergers Anderer Bibliothek – präsentierte und 2023 erneut (von Galiani, Berlin) dargebotene Auswahl von Anita Albus aus dem legendären, 2013 erstmals von Gert Haffmanns in deutscher Übersetzung präsentierten 11-bändigen Journal des Goncourts (= JGG). Denn Albus präsentierte 1989 und nun eben auch 2023 unter dem Titel Marie, zweifellos zu erweitern um den Nachnamen Rieu, in Eigenübersetzung einen Eintrag aus JGG 9 (vom 21./22. Juli 1889)[7], der einen lebhaften Eindruck gibt von Daudets im Ergebnis toxischer Beziehung mit dieser betörenden femme fatale, also des Vorbildes auch noch für Jacks Mutter in Jack, wie man nun, mit Albus und fast gegen Sulzer, der aktuell reüssiert mit einem Roman zu den Gebrüdern Goncourt[8], resümieren muss.

Daraus wiederum würde folgen, dass man Jack als dritten Versuch Daudets zu lesen hat, mit diesem Trauma seines Lebens klarzukommen. Typisch für ihn, diesen zeitlich betrachtet zweiten Versuch: Dass Daudet sich (als Jack) (selbst-) mitleidheischend sterben lässt aus Kummer darüber, dass ihn beide Frauen, seine Mätresse Marie Rieu (in der Rolle von Jacks Mutter) sowie Julia Allard, gespielt von seiner Braut Cécile, verlassen haben. Sie finden zwar beide noch hin zum Sterbebett, aber zu spät und damit den Preis zahlend für ihre Kleingläubigkeit. So erliegt seine Mutter, eine, wie Marie Rieu, (ursprünglich) betörend schöne Mätresse und Hochstaplerin, die Jack fast schon gerettet hatte[9], schließlich doch noch dem Lockruf eines skrupellosen Dichters (und Womanizers). Und Cécile (= Julia Allard) verlässt Jack (= Daudet), weil ihr eingeredet worden war, sie trage von ihrer seinerzeit einem Verführer zum Opfer gefallenen Mutter Madeleine her ein erbliches Leiden in sich, das ihr ein Ehe- resp. Zeugungsverbot auferlege – Zusammenhänge, die in der buchgestalterisch wunderschönen Andere-Bibliothek-Edition von Jack (2022) unbeachtet bleiben[10], sich aber in jener 1989er Auswahl-Edition von Albus aus dem nämlichen Verlag hätten aufklären lassen.

Rätselraten wirft auch das Agieren des Alexander Verlags Berlin in Sachen Alphonse Daudet auf. So machte sich dieser Verlag 2022, gleichfalls im Blick auf Daudets 125. Todestag, um eine Neuauflage der erstmals 2003 erschienenen deutschen Variante der Julian-Barnes-Edition von Daudets La Doulou (1931)[11] verdient. Fürsprecher*innen vom Format Dr. Marita Rödszus-Hecker, die in ihrem Wort zum Tag am 8. März 2021 auf SWR II[12] Kunde davon gab, wie sehr sie Daudets Klage ob seiner „Knochenmarkerkrankung“ (sic!) als Christin erschüttert habe und an ein Kruzifix auf dem Friedhof erinnere, also an die Schmerzen Jesu am Kreuz, war damit  Vorschub geleistet. Denn man bedenke: Daudet litt er an einer Geschlechtskrankheit, die er sich ohne „Munkelei“ (Nietzsche) der Kirche in Fragen der Sexualaufklärung nicht zugezogen hätte – und eine promovierte Pfarrerin des Jahres 2021 wagt es, Daudet wegen des Mutes ob seiner (nochmals sei das Wort angeführt) „Knochenmarkerkrankung“ als Ikone christlicher Leidenserfahrung zu feiern. Was der Alexander Verlag damit zu tun hat? Nun, er hielt das Thema Syphilis unter der Decke, rückte, ähnlich wie jetzt die Andere Bibliothek mit Jack, eher Zweitrangiges ins Blickfeld (Tartarin von Tarascon, Briefe aus meiner Mühle sowie Der kleine Dingsda), unterließ jeden Hinweis auf Fromont jeune oder Sapho, also die einzigen beiden wirklich gehaltvollen Romane, die zumal zwecks Aufklärung der Herkunft von Daudets Syphilis unverzichtbar sind. Unangetastet blieben auf diese Weise Texterläuterungen zu La Doulou wie jene aus der Feder der DDR-Schriftstellerin Tilly Bergner (1908-1996):

Nach Jahren schwerer körperlicher Leiden […] wurde Daudet unvermittelt am Familientisch am 16. November 1897 […] vom Tod ereilt. Er war seit langem krank gewesen, oft so geplagt, daß er sich mit dem Gedanken trug, ein Buch über den Schmerz zu schreiben. (Bergner 1974: 317)

Dass das Hauptwort von La Doulou letztlich nicht auf ‚Schmerz‘ lautet, sondern auf Syphilis, wird hier kunstvoll umschrieben, im Interesse der Witwe, aber auch im Interesse Victor Klemperers (1956, Bd. II: 304 ff.), an dem an sich alles zu loben ist – abgesehen von seiner Verklemmtheit in speziell diesem Themensegment (einer Verklemmtheit, welcher die ausgerechnet auf die schweren Fälle wie Stendhal, Musset, Flaubert, Maupassant & Co. spezialisierte DDR-Romanistik derart viel Tribut zollte, das ihr der Rang einer Wissenschaft versagt blieb / zu versagen ist).

Immerhin und um zur Sache zurückzukommen: Infolge von Daudets Tod „galt die Syphilis in einem Maße wie nie zuvor als ein gesellschaftliches Problem ersten Ranges; eine internationale Liga gegen Syphilis entstand, und 1899 und 1902 tagten in Brüssel zwei große Konferenzen über venerische Krankheiten.“ (Radkau 1998: 168) Zur Zeit seines Todes, dem bald jener Nietzsches (sowie Oscar Wildes) nachfolgte, wurde als Teil von Maßnahmen zur Reglementierung der Prostitution sowie der „gefallenen Frau“ (Eder 2009: 188) 1902 die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ gegründet. (vgl. Bloch 1907: 416). Motivierend dabei: Die hohen Erkrankungszahlen, etwa für 1877/79, als „von 1000 Neuzugängen in den allgemeinen deutschen Krankenanstalten mehr als 50 Personen Syphilitiker [waren].“ (zit. n. Fröschen 1999: 28)

***

Deftiger, und um den kleinen Schritt noch zu tun von der „Lustseuche“ zum „Lustmord“ (vgl. Niemeyer 2022: 226 ff.), wie ihn Jill Bühler in ihrer Dissertation Vor dem Lustmord (2018) absolviert, leider ohne das A zu diesem B, also die Syphilis, hinreichend zu bedenken, anders als Anja Schonlau (2005: 274): Womöglich aus Rache für seine Ansteckung bei Dirnen in Whitechapel wurde 1885 ein gewisser Jack the Ripper mehrfach als grausamer „Aufschlitzer“ tätig und unter diesem Titel gelistet bei dem uns eben als Kontrapart Arthur Schnitzlers bekannt gewordene Freud-Verächter  Richard Krafft-Ebings, genauer: in dessen Standardwerk Psychopathia sexualis mittels des Eintrags:

Am 1.12.87, 7. 8., 8.9, 30.9., im Oktober, am 9.11.88, am 1.6., 17. 7. 10.9.89 fand man in Quartieren von London Frauenleichen in eigentümlicher Weise getötet und verstümmelt, ohne des Mörders habhaft werden zu können. Es ist wahrscheinlich, dass derselbe seinen Opfern aus viehischer Wollust zuerst den Hals abschnitt, dann ihnen die Bauchhöhle eröffnete, in den Eingeweiden wühlte. In zahlreichen Fällen schnitt er sich äussere und innere Genitalien heraus und nahm sie mit sich, offenbar um noch später an deren Anblick sich zu erregen. Anderemale begnügte er sich, dieselben an Ort und Stelle zu zerfetzen. (Krafft-Ebing 141912: 77)

„Wollust“? Wohl nicht nur, wenn man das unter „anderemale“ Berichtete zur Regel erklärt und zusätzlich bedenkt, dass einer der Hauptverdächtigen, Nathan Kaminsky – Bühler (2018: 55) erwähnte leider nur den anderen, Aaron Kosminski, – offenbar an Syphilis erkrankt war und also als ‚Aufschlitzer‘ jenes Organ zerstörte, das er bei einer der Berufskolleginnen der Ermordeten als für ihn todbringend fingierte. Über diesen Fall hinausgedacht, rückte mit dem Fall Jack the Ripper ein Thema ins Zentrum eines neu sich formierenden Genre, das von mutmaßlichen Syphilitikern wie Robert Louis Stevenson (1850-1894) oder Bram Stoker (1847-1912) prominent bedient wurde und sich in der Folge vor allem im Horror-Segment einiger Aufmerksamkeit erfreute. (vgl. Schonlau 2015: 274)

Dieser Hinweis war einer vom Typ eyecatcher, denn wer hatte bisher – Elaine Showalter eingeschlossen[13] – schon auf dem Schirm, dass Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde (1886) womöglich die Syphiliserkrankung seines Verfassers thematisiert, gleichsam als Höhepunkt seines recht ausschweifenden Lebens und Liebens in Paris (vgl. Le Bris 1994)? Der Normalfall nahm sich etwas weniger spektakulär aus, nämlich wie folgt:

[D]amals [ergab] die Statistik beim Militär und in den Großstädten, daß unter zehn jungen Leuten mindestens einer oder zwei schon Infektionen zum Opfer gefallen waren. Unablässig wurde die Jugend damals an die Gefahr gemahnt; wenn man in Wien durch die Straßen ging, konnte man an jedem sechsten oder siebenten Haus die Tafel ‚Spezialarzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten‘ lesen, und zu der Angst vor der Infektion kam noch das Grauen vor der widrigen und entwürdigen Form der damaligen Kuren […]. Durch Wochen und Wochen wurde der ganze Körper eines mit Syphilis Infizierten mit Quecksilber eingerieben, was wiederum zur Folge hatte, daß die Zähne ausfielen und sonstige Gesundheitsschädigungen eintraten. […] und selbst nach einer solchen grauenhaften Kur konnte der Betroffene lebenslang nicht gewiß sein, ob nicht jeden Augenblick der tückische Virus aus seiner Verkapselung wieder erwachen könnte, vom Rückenmark aus die Glieder lähmend, hinter der Stirn das Gehirn erweichend. (Zweig 1970: 110)

Kurz: Die Syphilis war das Schreckgespenst insbesondere der Jugend des Fin de Siècle, und dies bei mageren Fortschritten im Segment der Therapie. So war es 1903 zwar gelungen, Syphilis auf Affen zu übertragen, was der experimentellen Forschung und der Sero-Diagnostik neue Impulse gab. (vgl. Bäumler 1976: 159 f.) Nachdem 1905 der Erreger identifiziert war („Spirochaeta pallida“) (ebd.:135 ff.) und sich als Gewebeparasit erwies, konnte, auf diesen Tierexperimenten aufbauend, 1906 der deswegen erforderliche komplizierte Test auf Antikörper (Wassermann-Test) entwickelt werden. (ebd.: 156 ff.) Die insoweit verbesserbare Diagnose ließ die Hoffnung steigen, auch bald die Therapie optimieren zu können – ein Irrtum:

Im Rücken von derlei ‚Fortschritt‘ – nach nun immerhin gut 440 Jahren Syphilis – wirkte nach wie vor ein in Bürger- wie Christentum gleichermaßen verfochtenes Tabu, Syphilis beim Namen zu nennen. Ebenso verbot es die Konvention, „vor der Eheschließung nach der Gesundheit eines jungen Mannes zu fragen.“ Gut achtzig Jahre zuvor hatte Papst Leo XII. (1760–1829), in Volker Reinhardts (2017: 758 ff.) Papstgeschichte unter „Restauration“ gelistet sowie als Judenverfolger und Urheber des Verbots der Pockenimpfung (ähnlich Deschner 1974: 359; verharmlosend: Hertling 31960: 403 f.), unter der Setzung, Syphilis sei Gottesstrafe, den Gebrauch des Kondoms untersagt, mit dem Argument, es verhindere „die Bestrafung der Sünder an dem Körperteil, mit dem sie gesündigt hatten.“ (Bäumler 1976: 137) Analoge Ansichten griffen – um das auf Nietzsche bezügliche Stichwort ‚Pastorensohn‘ nicht zu vernachlässigen – im Luthertum Raum. Von da ab stand konfessionsübergreifend beides – wenn man so will: Ursache wie Folge – am Pranger. Reklame für Verhütungsmittel, um ein Beispiel zu nennen, war bis 1927 unter Strafe gestellt: Diese wurden als „Gegenstände, die zu unzüchtigem Gebrauch bestimmt sind“ (Hartmann et al. 2016: 1028) verboten. Der Justiz oblag auch die Letztkontrolle in puncto der im deutschen Kaiserreich wie in der Donaumonarchie jederzeit zu fürchtenden Zensur – insbesondere Theaterzensur – wegen Majestätsbeleidigung, Gotteslästerung oder des ‚Schmutz- und Schund‘-Vorwurfs. (vgl. Schonlau 2005: 101)

Anschauungen wie diese lassen sich exemplarisch besichtigen im folgenden Mustertext, mit dem Folge II ausklingen soll.

****

Seved Ribbing: Die sexuelle Hygiene und ihre ethischen Konsequenzen (1890). Die zentrale Absicht dieses schwedischen Arztes (1845-1921), damals Ordinarius (und später Rektor) der Universität Lund, geht angesichts der damals die (studierende) Jugend Europas bedrohenden „Lustseuche“ zumal in der dritten und letzten Vorlesung auf Sexualerziehung. Im Zentrum steht dabei die Schädlichkeit der Onanie unter Konzentration auf den Zusammenhang von Syphilis und Prostitution sowie Alkoholabusus. Untermauert wird das Ganze derart kulturreaktionär, dass der Rezensent Arthur Schnitzler (1862-1931) glatt die Contenance verlor angesichts dieses „kritischen Dilettanten, der von seiner sozialhygienischen Höhe aus sich vermißt, eine ganze Literaturrichtung zu bekämpfen, von deren wahrem Sinne er nur ganz vage Vorstellungen zu besitzen scheint.“ (Schnitzler 1890: 227 f.) Schnitzler, von Beruf her Arzt, aber der Sache nach Schriftsteller im Wartestand, urteilte als Kollege der von Ribbing Angegriffenen, u.a. Boccaccio, Casanova, Zola, Strindberg[14] sowie Maupassant. Ihnen hielt Ribbing vor, kaum mehr als erotisierte „Machwerke“ (ebd.: 229) in jugendverführerischer Absicht vorgelegt zu haben. Bücher also, deretwegen ihre Verfasser, der „Allgemeinheit zum Frommen, in eine Pflege- und Besserungsanstalt interniert werden sollten.“ (Ribbing 1890: 90 f.) Besonders empörte den schwedischen Medizinprofessor einer seiner ehemaligen Studenten, Ola Hansson (1860-1925), insonderheit dessen Dichtung Sensitiva amorosa (1887), in welcher dieser sich angeblich als hemmungs- und gewissenloser jugendlicher Verführer gerierte, dessen Credo auf den Satz hinauslaufe: „[W]enn ich erreicht, was ich wollte, war die Geschichte aus – ein Gelüste, ein brutaler Akt, Erschlaffung, gewöhnlich eine Empfindung von Ekel, im besten Fall eine leise schwermütige Erinnerung – voilà tout.“ (ebd.: 91) Gewiss: Ein Liebhaber der hier beschriebenen Art taugt nicht gerade zum Idol – aber reicht dies als Grund, ihn, sollte er mit dem Erzähler identisch sein, sich als interniert zu wünschen?

Eine rhetorische Frage, die uns den Schluss erlaubt, dass Ribbing, nicht frei von antisemitischen Anwandlungen, es 1890 mit der Erstauflage seines noch ein Vierteljahrhundert später vom Berliner Urologen Carl Posner (31918: 9) gelobten Anti-Syphilis-Ratgebers nazi-affines Denken im Bereich der Kulturpolitik, deutlicher: im Vorfeld der Bücherverbrennungen vom Mai 1933, zur Vorführung gebracht hatte. Wem dies zu streng geurteilt ist, sollte beachten, dass Derivate des von Schnitzler 1890 kritisierten Ratgebers (etwa Ribbing 1938; 1939) den Schweden nach seinem Tod (1921) und entsprechender NS-Bearbeitung mit Seitenblick etwa „auf die wissenschaftlichen Erfordernisse der Erbgesundheitslehre“ (Ribbing 1938: 68) zu einem der erfolgreichsten Sexualaufklärer des Dritten Reichs werden ließen, mit einer Gesamtauflage von weit über 500.000 Exemplaren. (vgl. Niemeyer 2022: 231 f.)

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden (i.R.)

Text: Basiert auf meiner Darstellung Sex, Tod, Hitler. Eine Kulturgeschichte der Syphilis (1500-1947) am Beispiel von Werken vor allem der französischen und deutschsprachigen Literatur. Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2022. Dort auch alle Literaturhinweise, abgesehen von jenen zu seitdem erschienen Texten, die in Fußnoten untergebracht wurden. Beim letzten Abschnitt (über Seved Ribbing) handelt es sich um einen wortwörtlichen Nachdruck aus jenem Buch (mit freundlicher Genehmigung des Verlages).

[1] Norbert F. Pötzl / Johannes Saltzwedel (Hg.): Die Päpste. München 2013: 319 u. 150.

[2] S. www.hagalil.com/2023/02/wikipedia/; www.hagalil.com/2023/02/wahrheit-und-luege/

[3] Sie flüchtete 1933 vor den Nazis nach Schweden und starb, ähnlich wie Alice Salomon, vereinsamt und vergessen in New York.

[4] „Der gerissene Alexander VI. Borgia, Vorbild Machiavellis, der sein Amt mit Simonie größten Stils ergaunert hat und mit seiner Geliebten vier (und auch noch als Kardinal mit anderen Frauen weitere) Kinder gezeugt hat, exkommuniziert den großen Bußprediger Girolamo Savonarola und zeichnet für dessen Verbrennung in Florenz mitverantwortlich.“ (Küng 2002: 163)

[5] Beide Päpste werden vom gotteslästerlichen Syphilisspezialisten Rabelais einer gleichsam ‚päpstlichen‘ Krankheit zugerechnet, jedenfalls aber doch als Beleg für die These genommen, „daß bei gewissen Krankheiten einer Art Mitbeteiligung der Gottheit stattfände“, was allerdings beide Päpste nicht gehindert habe, die von den göttlichen Geboten abweichenden „Herzöge, Fürsten und Staaten […] in Bann [zu] tun und nicht allein ihren Leib, ihre Kinder und ihre ganze Sippschaft [zu] töten, sondern auch ihre Seele in die allertiefste Hölle […] [zu] verdammen!“ (Rabelais 1974, Bd. II: 154 f.) Härter ist das, was hier in Rede steht – Doppelmoral –, wohl weder davor noch danach kritisiert worden.  

[6] Alain Claude Sulzer: Literatur für Hellhörige. In: Daudet, A.: Jack. Sitten der Zeit. Berlin 2022: 627. Interessant wegen Hinweisen zur Entstehungsgeschichte und zu Rollenvorbildern (etwa Raoul Dubief für Jack), die aber von der Hauptsache nicht ablenken dürfen: Jack meint Alphonse; der Roman selbst ist eine Art Schlüsseltext, wie gleich deutlicher werden wird.  

[7] Edmond und Jules de Goncourt. Blitzlichter. Aus den Tagebüchern der Brüder Goncourt. Ausgewählt und aus dem Französischen übertragen von Anita Albus. Berlin: Galiani 2023: 171-178.

[8] Alain Claude Sulzer: Doppelleben. Roman. Berlin: Galiani 2022.

[9] Freud hat dieses Rettungsmotiv als bestimmendes Merkmal der „Dirnenliebe“ am Beispiel von Daudets Sapho herausgearbeitet. (vgl. Niemeyer 2022: 193 f.)

[10] Nur ein Beispiel: Die Übersetzerin Caroline Vollmann (vgl. Daudet 2022: 402) notierte zwar sehr genau die Herkunft des Wappenzeichens (Franz I.) am Loire-Schloss von Jacks „Bon Ami“, einem schwerreichen Marquis und „ehemaligen Gönner Idas“ (einer der Namen von Jacks Mutter) (ebd.: 397), übersah aber die von Daudet keineswegs zufällig angebrachte Anspielung auf das Thema Syphilis, die dem Namen dieses Königs spätestens seit der Novellensammlung Heptaméron (1558) seiner Schwester Magarete von Navarra (1492-1549) anhaftet und die von Honoré de Balzac 1837 in eine seiner „tolldreisten Geschichten“ übernommen wurde. (vgl. Niemeyer 2022: 68 ff.)

[11] Ein dreißig Jahre nach Daudets Tod mit Erlaubnis der Witwe erschienenes krankheitsbezogenes Tagebuch der Jahre 1887-1895, das Deborah Hayden treffend charakterisierte als „a detailend chronicle oft he excruciating pain that comes with tabes dorsalis, and an description of the horrors of treatement in a nineteenth century spa.“ (Hayden 2013: 312)

[12] www.kirche-im-swr.de/beitraege/?autor=14 (abgerufen am 14.03.2023, 11:24)

[13] Sie, ohne jeden Blick für die Syphilis, rechnete beider Werke – Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde sowie Stokers Dracula – zum Segment der Darstellungen „hysterischer Persönlichkeiten“ (Showalter 1997: 123), was so sicherlich falsch oder jedenfalls doch unzureichend ist, zumal Sypholophobie durchaus als Hysterie, etwa vom Typ Hypochonder, zu gelten hat oder jedenfalls damals als solche galt.

[14] Über ihn kommt Balzac ins Spiel, der, so Strindberg in Einsam (1905), „in den Lehrbüchern meiner Jugend ein unbarmherziger Physiologe, Materialist und dergleichen genannt [wurde].“ (zit. n. Schmölders/Keel 2007: 270)