Zahl antisemitischer Vorfälle in Bayern auf hohem Niveau

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Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Bayern dokumentierte im vergangenen Jahr 422 antisemitische Vorfälle im Freistaat. 2021 waren es 456. Antisemitismus äußerte sich 2022 etwa im Kontext von verschwörungsideologischen Protesten, des 50. Jahrestags des Olympia-Attentats und der Debatte um Antisemitismus im Kulturbereich.

Erstmals seit 2019 wurde wieder ein Fall extremer Gewalt bekannt: In der Silvesternacht 2022/2023 soll eine Person versucht haben, die ehemalige Synagoge im oberfränkischen Ermreuth in Brand zu setzen. RIAS Bayern dokumentierte außerdem drei Angriffe, 13 Bedrohungen, 30 gezielte, insbesondere gegen Gedenkzeichen und -orte gerichtete Sachbeschädigungen, 25 Massenzuschriften und 350 Fälle von verletzendem Verhalten. In letztere Kategorie fallen antisemitische Vorfälle, die oft keinen Straftatbestand erfüllen.

„Antisemitismus zeigte sich 2022 in Bayern weiterhin als relativ niedrigschwelliges Alltagsphänomen, das heißt als eine grässliche gesellschaftliche Normalität. Insbesondere wenn es um tiefverankerte ‚Triggerpoints‘ für antisemitische Ressentiments, etwa um Israel, geht, bricht sich der Antisemitismus Bahn. Sehr häufig wird Antisemitismus im Zusammenhang mit der Erinnerung an die Schoah ausgelebt. Wie sehr sich bestimmte politische oder gesellschaftliche Gruppen auch voneinander abgrenzen mögen, so zeigt der Antisemitismus nach und wegen der Schoah, dass sie ein jeweils unterschiedlich begründeter Schlussstrichwunsch eint“, sagte RIAS-Bayern-Leiterin Annette Seidel-Arpacı.

Während verschwörungsideologische Proteste öffentlich weniger thematisiert wurden als zu Beginn der Coronapandemie, dokumentierte RIAS Bayern mit 161 Vorfällen im Kontext derartiger Versammlungen deutlich mehr antisemitische Inhalte als 2021 mit 119 Vorfällen. Öffentliche Resonanz fand 2022 der 50. Jahrestag des Münchner Olympia-Attentats. In diesem Kontext wurden RIAS Bayern 17 antisemitische Vorfälle bekannt. So zeigte etwa ein Security-Mitarbeiter israelischen Sportlern auf dem Olympia-Gelände den Hitlergruß. Auch antisemitische Leserbriefe wurden in bayerischen Zeitungen abgedruckt. Bundesweit diskutiert wurde das Theaterstück „Vögel“, nachdem jüdische Studierendenverbände im Zuge einer Aufführung in München das Stück kritisiert hatten. In diesem Kontext dokumentierte RIAS Bayern 23 antisemitische Vorfälle, so erhielt etwa der Verband jüdischer Studenten in Bayern antisemitische Zuschriften.

In 50 Prozent der Fälle war ein bestimmter politisch-weltanschaulicher Hintergrund der Täter:innen nicht zu erkennen. Oftmals handelt es sich um Vorfälle, bei denen außer etwa der abschätzig intendierten Aussage „Du Jude!“ keine weiteren Informationen vorliegen, anhand derer ein bestimmter politischer Hintergrund ersichtlich wird. Bei den Fällen mit einem bestimmbaren politischen Hintergrund steht an erster Stelle mit 100 Vorfällen das verschwörungsideologische Milieu, wobei hier die Abgrenzung zum Rechtsextremismus oft schwierig zu bestimmen ist.

RIAS Bayern weist darauf hin, dass von einem großen Dunkelfeld auszugehen ist. Die Abnahme an bekannt gewordenen Vorfällen bedeutet nicht, dass „der Antisemitismus“ entsprechend weniger wurde.

Antisemitische Vorfälle, auch solche unterhalb der Strafbarkeitsschwelle, können unter www.rias-bayern.de oder unter 089 1 22 23 40 60 gemeldet werden.

RIAS Bayern existiert seit 2019, befindet sich in der Trägerschaft des Vereins für Aufklärung und Demokratie e.V. (VAD) und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.

–> Zum Jahresbericht (pdf)