„Vielleicht wird dann aus der Dunkelheit ein neues Licht auf uns scheinen“

Vor 70 Jahren starb Chaim Weizmann, Wissenschaftler, Zionist und Israels erster Staatspräsident

Chaim Weizmann wurde 1874 in der Nähe von Pinsk, am Rande des russischen Ansiedlungsrayons, geboren. Sein Vater war Holzhändler, Chaim war das dritte von fünfzehn Kindern. Chaim wuchs in einem typischen Stetl auf und besuchte den traditionellen Cheder. An der Pinsker Realschule zeigte sich Weizmanns Talent für die Wissenschaft. Nach der Schule ging er nach Deutschland, um dort am Darmstädter Polytechnikum zu studieren, nachdem die russischen Universitäten nur eine sehr begrenzte Zahl von Juden zum Studium zuließen. Nach zwei Semestern in Darmstadt wechselte Weizmann nach Berlin und studierte Biochemie am Institut für Technologie Charlottenburg.

In Berlin schloss sich Weizmann einem Kreis zionistischer Intellektueller an, dem jüdisch-russisch wissenschaftlichen Verein, dem u.a. auch Nachman Syrkin und Leo Motzkin angehörten. Die Gruppe war Ahad haAms kulturellem Zionismus nahe, jedoch von Theodor Herzls Auftreten und seiner Vision eines Judenstaates begeistert.

Wegen eines Aufenthaltes in Moskau konnte Weizmann nicht am Ersten Zionistenkongress 1897 in Basel teilnehmen. Er war jedoch Delegierter auf dem zweiten Kongress 1898. Im selben Jahr wechselte er an die Universität Freiburg in der Schweiz, um seine Dissertation zu beenden. Weizmann konnte sein erstes chemisches Patent verkaufen und wurde 1901 Assistent an der Universität Genf. Sein Leben war seitdem zwischen Chemie und Zionismus geteilt.

Weizmann wurde bald zu einer bekannten Persönlichkeit in der Zionistischen Bewegung. Auch wenn er Herzls Führung anerkannte und ihn bewunderte, kritisierte er dessen Ausrichtung auf externe Faktoren der Diplomatie. Weizmann war daher vor dem Fünften Zionistenkongress 1901 unter den Gründern der „demokratischen Front“. Während Herzl versuchte, eine Charter vom türkischen Sultan zu erlangen, sorgte sich Weizmann um die hebräische Kultur und gab mit seinen Mitstreitern das Pamphlet „Eine jüdische Hochschule“ heraus, das die Gründung einer hebräischen Universität als spirituelles Zentrum des Zionismus forderte.

Am sechsten Kongress, 1903 in Basel, stimmte Weizmann gegen den Ugandaplan. 1904 ging er nach England, heiratete Vera Chatzmann und erhielt 1907 eine Professur an der Universität von Manchester. 1906 hatte Weizmann die Gelegenheit, dem britischem Premierminister Arthur James Balfour die Idee des Zionismus zu erklären. Balfour wurde zu einem ausgesprochenen Unterstützer des Zionismus.

1907 hielt Weizmann auf dem Achten Zionistenkongress in Den Hague seine berühmte Rede, die nach einer gesunde Synthese der beiden Richtungen der Bewegungen rief. Der „synthetische Zionismus“ wurde zur Leitlinie der Bewegung und verband politische Aktivität mit praktischer Arbeit in Palästina.

Während des Ersten Weltkrieges ergriff Weizmann, der zu dieser Zeit keine Führungsposition in der Zionistischen Bewegung innehatte, die Initiative und wurde an der diplomatischen Front aktiv. Seine Bemühungen gipfelten in der „Balfour Erklärung“ vom 2. November 1917, in der die britische Regierung der Zionistischen Bewegung ihre Unterstützung versicherte: “ Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern“.

1918 wurde Weizmann daraufhin als Vorsitzender der Zionistischen Kommission von der britischen Regierung nach Palästina gesandt, um Vorschläge zur weiteren Entwicklung des Landes und die Ansiedlung zu unterbreiten. Weizmann reiste dort auch nach Maan, nördlich von Akaba, um auf Vorschlag General Allenbys hin, Emir Feisal, den Führer der arabischen Nationalisten, zu treffen. Eine jüdisch-arabische Zusammenarbeit schien erstmals möglich, doch die Hoffnungen zerschlugen sich schnell. Auf dieser Reise nahm Weizmann auch an der Grundsteinlegung der Hebräische Universität in Jerusalem bei, die schließlich 1925 eröffnet wurde.

1919 führte Weizmann die zionistische Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz und forcierte beim Völkerbund das britische Mandat über Palästina. Auf der Londoner Zionistischen Konferenz von 1920 wurde er schließlich zum Präsidenten der Zionistischen Organisation gewählt, eine Position, die er durch seine diplomatischen Bemühungen und die daraus gewonnene Anerkennung bereits faktisch innehatte. Er hielt dieses Amt bis 1931 und von 1935 bis 1946 inne.

Nach den arabischen Aufständen in Palästina veröffentlichte Großbritannien 1930 das „Passfield Weissbuch“ zu Fragen der Verfügbarkeit und Kultivierung des Bodens. Das Weissbuch sprach sich in Bezug auf die Einwanderung gegen eine großzügige Politik gegenüber den Zionisten aus. Weizmann trat daraufhin zornig von seinem Amt zurück und wurde erst wieder Präsident der Zionistischen Organisation, nachdem der britische Premierminster MacDonald in einem Brief die britischen Verpflichtungen zur Errichtung einer nationalen jüdischen Heimstätte erneuert hatte.

1931 wurde Weizmann als Präsident nicht bestätigt. Er widmete sich daraufhin wieder seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, unternahm aber Reisen in die USA und nach Südafrika, um Geld zu sammeln und arbeitete für die Rettung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland, im Besonderen für jüdische Wissenschaftler, die er am von ihm gegründeten Sieff Institut in Rechovot unterbrachte.

1935 kehrte Weizmann in das Amt des Präsidenten der Zionistischen Organisation zurück und vertrat diese vor der Peel-Kommission. Mit der Veröffentlichung des MacDonald Weissbuch 1939 wurde die jüdische Einwanderung nach Palästina radikal begrenzt und die Bemühungen Weizmanns und der zionistischen Führung im Angesicht der Bedrohung aus Nazi-Deutschland zunichte gemacht. Der 21. Zionistenkongress in Genf fand unter dem Eindruck des Weissbuches statt, jegliche Hoffnung auf eine nationale jüdische Heimstätte schien zerstört. Nach den Debatten über den britischen Verrat schloss Weizmann den Kongress mit einer prophetischen Rede, nachdem die Neuigkeit des Hitler-Stalin-Paktes bekannt geworden war: “ Um uns wird es dunkel (…) wenn wir, wie ich hoffe, verschont bleiben, und unsere Arbeit fortgesetzt werden kann, wer weiß, vielleicht wird dann aus der Dunkelheit ein neues Licht auf uns scheinen.“

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges versicherte Weizmann der britischen Regierung sofort die uneingeschränkte Unterstützung der jüdischen Bevölkerung Palästinas und der Juden insgesamt. Er drängte zudem auf die Bildung einer jüdische Truppeneinheit. Weizmann und David Ben Gurion begannen während des Krieges massiv Unterstützung für einen jüdischen Staat in Palästina in den USA einzuwerben.

Innerhalb der zionistischen Bewegung wuchs die Kritik an Weizmanns pro-britischem Kurs. Nach Kriegsende hatte er einen ersten gesundheitlichen Zusammenbruch. Als schließlich in England die Arbeiterpartei an die Regierung kam und ihre vor dem Krieg abgegebenen Versprechen, eine prozionistische Politik zu führen, nicht hielt und jüdische Displaced Persons an der Einreise nach Palästina hinderten, endete Weizmanns Führungsposition. Der 22. Zionistenkongress bestätigte ihn nicht mehr als Präsident der Zionistischen Organisation.

Obwohl Weizmann keine offizielle Position in der Zionistischen Bewegung mehr innehatte, blieb er weiterhin einer ihrer wichtigsten Sprecher. 1947 sprach er vor dem Palästina-Komitee der Vereinten Nationen, reiste nach New York und hielt eine bedeutende Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. In den folgenden Monaten konnte er die Einbeziehung des Negev in den Teilungsplan der Vereinten Nationen, sowie die Anerkennung eines jüdischen Staates durch die USA erwirken.

Nach der Staatsgründung Israels wurde Chaim Weizmann zum Präsidenten des Provisorischen Staatsrates ernannt. Am 16. Februar 1949 wählte ihn die konstituierende Versammlung zum ersten Präsidenten des Staates Israel.

Weizmann verbrachte die letzten Jahre seiner Amtszeit als Präsident in einem ambivalenten Zustand, da er sich mit repräsentativen Aufgaben zu begnügen hatte. Im November 1949 wurde das Weizmann Institut in Rechovot gegründet, wo er seine letzten Jahre verbrachte. Im November 1951 wurde Weizmann trotz schwerer Krankheit für eine zweite Amtsperiode wiedergewählt.

Weizmann bei der Grundsteinlegung des nach ihm benannten Instituts, (c) Hans Chaim Pinn, National Photograph Collection of Israel, D671-030

Dr. Chaim Weizmann starb am 9. November 1952 und wurde im Garten seines Hauses, das heute ein Teil des Weizmann Institutes ist, beerdigt.

–> Rede Weizmanns auf dem VIII. Zionistenkongress (August 1907)

–> Eröffnungsrede von Chaim Weizmann auf dem XV. Kongress (Basel, August 1927)

Bild oben: (c) National Photograph Collection of Israel, D403-175

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