Spott-Light: Hart, aber dafür frech bis bildungsfern

Antje Hermenau & Jessy Wellmer gestern Abend in der ARD

Von Christian Niemeyer

Für den Hate-Speech-Preis 2022 schlage ich hiermit Dushan Wegner vor für:

„Die Grüne Göring-Eckart fordert ‚Schutz der ukrainischen Identität und Kultur‘. Das für die Deutschen zu fordern gälte als rechtsnaziböse! Widersprechen sich diese Leute – oder hassen sie einfach Deutschland?“

Wer ist Wegner? Wie immer schlecht informiert, suchte ich Rat bei Wikipedia, das bedeutenden Zeitgenossen, wie ich bestätigen kann, immer ein Plätzchen bietet – und fand dort als Publikationsorte dieses ansonsten im berühmten „Selbstverlag“ Veröffentlichenden einen als Grzeszczyk 1974 in der CSSR geborenen Publizisten. Der die neu-rechten Online-Formate Tichys Einblick sowie Achse des Guten beliefert. Wo er am 30. Januar 2018 „im verklemmten, linksgrün verhärmten, spießig-miefigen Jahr 2018“[1] Furore zu machen suchte mit nacherzählten Polenwitzen à la Harald Schmidt. Um in seinem eben beigezogenen Essay Das Gespenst Vaterlandliebe[2] deutlich in den Fußstapfen des neu-rechten Ideologen (und Witzboldes) Michael Klonovsky zu wandeln. Nichts Aufregendes also, vor allem: nicht wirklich zum Thema Passendes, oder?

Vorsichtig: Das Wegner-Zitat verbreitete Antje Hermenau am Vortag der Sendung, von welcher nun die Rede sein wird. Womit der vielgerühmte Faktencheck à la Frank Plasberg zu einer Nullnummer degradiert ist. Zumal der AfD-nahe Hintergrund Hermenaus nicht angesprochen wird. Ich selbst, anfangs noch schlechter informiert als Plasberg, tippte zunächst, der Anmutung Hermenaus auf dem Bildschirm sowie des abwertend-entpersonalisierenden Sprachduktus halber („diese Leute“), auf Cindy von Marzahn. In der Annahme, das ARD karikiere das ZDF und suggeriere, dieser Sender arbeite nach wie vor an der Wiedergutmachung des unverzeihlichen Fehlers, dem wunderhübschen und -klugen Markus Lanz vor Jahren ausgerechnet diese RTL-Schnodderschnauze (statt der unglaublich charmanten Thomas-Gottschalk-Entdeckung Michelle Hunziker) an die Seite gestellt zu haben. Mit der absehbaren Folge, dass sich das durchaus nicht Prekariats-nahe Stammpublikum reihenweise aus der wunderbaren Unterhaltungsshow „Wetten, dass…?“ ausklinkte. Und als ich dann noch, gestern Abend auf dem Bildschirm, die wunderhübsche Jessy Wellmer entdeckte, keimte in mir für kurze Zeit der Verdacht, die ganze Sendung sei ein Testlauf auf die Idee, „Wetten, dass…?“ mit dem Duo Lanz & Wellmer 2024 wieder aufleben zu lassen.

Bis Jessy Wellmer den Mund aufmachte. An sich gefiel sie mir bis dato recht gut als schlagfertiger Widerpart des Fußballexperten Sebastian Schweinsteiger. Denn dieser frühere Wasserträger Michael Ballacks verliert sich, meiner Beobachtung nach, hin und wieder und seine Ana Ivanovic vergessend, im Gegensatz zum genialen „Ideal“-Song aus der Zeit der „neuen deutschen Welle“, in den blauen Augen der gebürtigen Güstrowerin. Mit der Folge von Fachdialogen wie dem folgenden: „Hätte der VAR nicht diese elfmeterreife Szene noch einmal nachprüfen müssen?“ (Schweinsteiger) „Vielleicht eine gute Idee für Partien, die auch per Video überwacht werden!“ (Wellmer)

Doch Schluss mit lustig: Cindy von Marzahn alias Ilka Bessin entpuppte sich per Unterzeile als Antje Hermenau alias Antje Rush. Ex eigentlich in allem, sei es Bündnis 90/Die Grünen, sei es MdB. Seit Jahren AfD-nahe herumziehend im Osten mit allerlei Reden und Büchern, deren Grundhaltung in dem eingangs genannten Tweet vom Tag vor der Sendung zu Tage tritt. Was, nochmals die Frage aufwirft, wer denn eigentlich bei der ARD die Gästeliste checkt. Plus jene Wellmers für ihre – zusammen mit Falko Korth erstellte – Doku „Die Story im Ersten: Russland, Putin und wir Ostdeutschen“, von Focus als „gut gelungen“[3] sowie von Stefan Locke (FAZ) als „sehenswert“ bzw. „überaus sehenswert“[4] bewertet – durchaus erstaunlich für einen Korrespondenten mit Sitz in Dresden. Der denn auch gleich Gelegenheit nahm, allen westdeutschen Lautsprechern, etwa Christian Pfeiffer gegen den DDR-Töpfchenzwang, nochmals die Leviten zu lesen.

Zum Thema gehörend? Nein, dazu passend: Stefan Lockes Schweigen zur Eingangsszene mit Jessy Wellmer bei ihren Eltern im heimatlichen Güstrow. Ein DDR-gestähltes Lehrerehepaar, die Mutter Lydia dereinst Russisch unterrichtend. Und vom lieblichen Töchterlein, das permanent als ihre Rechtfertigung vorträgt, die ostdeutsche Bevölkerung fühle sich „ungehört“, interviewt. Mal etwas ganz Neues, wie mir schien – und denn auch gründlich schief ging. Denn was tat Wellmer, Jg. 1979? Sie eröffnete, als liebende Tochter verständlich, ihren selbstgefälligen Eltern jeden Rederaum. Und wagte noch nicht einmal zu fragen, ob ihnen der Name Gorbatschow noch etwas sage, dem Millionen DDR-Bürger kurz vor der Wende 1989 Zuflucht in ihren Herzen anboten und nach seinem Tod im August 2022 nochmals. Die Folgen waren entsprechend: Statt Gorbatschows als Befreier vom DDR-Stalinismus zu danken, gedachten die um 1989 offenbar im Tiefschlaf verfallenen Eltern letztlich Stalins. Mit dem Argument, sie seien schließlich russischfreundlich sozialisiert worden, hätten die UdSSR als Befreier vom Hitler-Faschismus wertschätzen gelernt – und könnten jetzt unmöglich so rasch umlernen und Putin wegen des Ukrainekriegs in Grund und Boden verdammen.

Hallo, Ihr Wellmers, diesmal alle drei plus Stefan Locke: Den kleinen Denkfehler womöglich gar nicht registriert? Deswegen, nochmals, etwas deutlicher: Was ist mit Gorbatschow? Warum, von hier aus, Putin nicht als Anti-Gorbatschow lesen? So wie Putin, in der Logik der Geheimrede Chruschtschows von 1956 machbar[5], als Neo-Stalin, dem das diesen immerhin noch anhaftende Attribut „Befreier der KZ’s sowie der Deutschen von Hitler“ nicht zukommt und dessen aus eben diesem Grund inszeniertes Image als Befreier der Ukraine von sie regierenden Neo-Nazis und Juden nichts weiter ist als eine Nebelkerze. Und diesen an sich recht simplen Fünfsatz können bildungsnahe Ex-DDler wie die Wellmers im Verlauf von fast vierzig Jahren nicht kapieren? Um stattdessen Unsinn à la Antje Hermenau von sich zu geben, etwa in jenem einleitend angeführten Tweet, oder bei Plasberg in „Hart aber fair“ von gestern. Wo sie, diese Antje, von Plasberg mehrfach ermahnt, vieldeutig Gerüchte über einen angeblich existierenden neuen „Schießbefehl“ in Umlauf brachte, ausgehend von „denen da oben“ in Berlin, und zielend auf Bürger, die auf Demonstrationen ihrer Wut auf die dem AfD-Prinzip „Deutsche zuerst!“ widersprechende Ukrainehilfe Ausdruck gäben! Ähnlich wie dies Bundeskanzler Scholz bei einer Demo in Neuruppin am 17. August 2022 gefragt wurde, wie in neu-rechten alternativen Medien, etwa durch David Berger[6], seinerzeit lauthals begrüßt!

Und exakter darum, werter Herr Plasberg, hätte man durchaus wissen können infolge eines seriösen Faktenchecks vor der Sendung! Um derartigem Unsinn eben keinen weiteren Auslauf zu gewähren, unter Beihilfe einer am Ende recht bildungsfern gebauten und entsprechend hilflos wirkenden ARD-Vorturnerin namens Jessy Wellmer, der hier mein abschließender Rat gilt: „Bitte, Schusterin, bleib bei Deinem Leisten! Zur Not auch bei Deinem Basti, dann gibt es wenigstens hin und wieder etwas zu lachen!“
 

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin

[1] www.achgut.com/artikel/leute_macht_witze_hoehnt_und_albert
[2] www.dushanwegner.com/gespenst-vaterlandsliebe/
[3] www.focus.de/kultur/kultur/kino_tv/feindbild-amerika-ex-ddr-schockt-in-ad-doku-mit-kriegs-aussagen_id_170210688.html
[4] www.faz.net/aktuell/feulleton/medien/russland-putin-und-wir-ostdeutschen-ard-film-von-jessy-wellmer-18404079.html
[5] s.www.hagalil.com/2022/10/geheimrede-zu-putin/
[6] s. philosophia-perennis.com/2022/08/18/herr-bundeskanzler-wird-es-einen-schiessbefehl-auf-regierungskritische-demonstranten-geben/

Ein Kommentar zu “Spott-Light: Hart, aber dafür frech bis bildungsfern

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