„Leuchtturm an Integrität“

Auch in der jüdischen Welt trauert man um Königin Elisabeth II. Sieben Jahrzehnte dauerte die Zeit ihrer Regentschaft. Doch obwohl sie die Welt bereist hatte wie keine andere Monarchin vor ihr, in Israel war sie nie.

Von Ralf Balke

Der Union Jack ist auf der gesamten Frontseite des Rathauses von Tel Aviv zu sehen und auch die Mauern der Altstadt von Jerusalem erstrahlen mit der britischen Flagge. Auf diese Weise will Israel Königin Elisabeth II., die gestern im Alter von 96 Jahren verstorben ist, die Ehre erweisen. 70 Jahre hatte ihre Regentschaft gedauert. Als sie 1952 den Thron besteigen sollte, war es gerade einmal vier Jahre her, dass man die britische Flagge im Mandatsgebiet Palästina eingeholt hatte und der Staat Israel gegründet wurde. Und als Elisabeth Alexandra Mary aus dem Hause Windsor am 21. April 1926 das Licht der Welt erblickte, befand sich Großbritannien auf dem Höhepunkt seiner Macht. London beherrschte damals rund ein Viertel der Welt – seit dem Ende des Ersten Weltkriegs auch das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan, das während Elisabeths Kindheit und Jugend zu einem Problemfall für das Empire werden sollte.

In all den Jahren auf dem Thron ist Elisabeth II. so oft unterwegs gewesen wie wohl kaum eine andere Monarchin vor ihr. Als Oberhaupt des 56 Staaten umfassenden Commonwealth, Lehnherrin der britischen Kronbesitzungen sowie weltliches Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche von England hatte sie unzählige Länder besucht – allein in Kanada war sie nicht weniger als 27 Mal zu Gast. Auch im nördlichen Afrika und im Nahen Osten machte sie mehrfach Station, war in Jordanien, Ägypten oder Saudi Arabien. Nur in einem Staat hatte sie sich nie blicken lassen, und zwar in Israel. Über die Gründe gibt es nur Vermutungen. Eine davon lautet, dass sie auf Anraten des britischen Außenministeriums nach dem Debakel des Suez-Kriegs von 1956, als Großbritannien, Frankreich und Israel versucht hatten, Ägypten in die Knie zu zwingen, jahrzehntelang jede Nähe zum jüdischen Staat vermeiden sollte. Man wollte so die Beziehungen zu den arabischen Ländern wieder auf eine bessere Ebene bringen. Deswegen wurde Israel für sie zu einer Art No-go-Area.

Anders dagegen ihr 2021 verstorbener Ehemann Prinz Philipp. In Gedenken an seine Mutter, Prinzessin Alice von Battenberg, die während der deutschen Besatzung Griechenlands in Athen eine jüdische Familie versteckt und damit gerettet hatte, weshalb sie von Yad Vashem geehrt wurde, hatte dieser Israel 1994 eine Privatvisite abgestattet. Eigentliche Premiere war dann die Reise von Elisabeths Enkel Prinz William im Jahr 2018 – es war der erste offizielle Besuch eines britischen Royals nach der Staatsgründung 1948. Angesichts dieser mageren Bilanz einer ansonsten doch recht reiselustigen Königsfamilie sprach man hinter vorgehaltener Hand von einem inoffiziellen Boykott Israels durch die Herrscher im Buckingham Palast – vor allem, nachdem laut eines Berichts der New York Times die Königin in Jordanien 1984 sich über die Notlage der Palästinenser ausgelassen hatte und Israels Vorgehen in der Region kritisiert haben soll.

Trotzdem genoss die britische Königin auch in Israel einen hervorragenden Ruf. Das beweisen die zahlreichen Beileidsbekundungen von Vertretern der israelischen Politik. „Im Namen der israelischen Regierung und des israelischen Volkes spreche ich der königlichen Familie und dem Volk des Vereinigten Königreichs mein Beileid zum Tod Ihrer Majestät Königin Elisabeth II. aus“, schrieb beispielsweise Ministerpräsident Yair Lapid auf Twitter. „Sie hinterlässt ein unvergleichliches Erbe. Möge ihr Andenken zum Segen werden.“ Staatspräsident Isaac Herzog sprach anlässlich des Todes der Königin vom „das Ende einer Ära“ und sagte: „Königin Elisabeth II. war weit und breit einfach nur als >Die Königin< bekannt. Gemeinsam mit der ganzen israelischen Nation trauere ich um diesen Verlust und spreche dem britischen Volk und allen Staaten des Commonwealths, die nun ihr Oberhaupt verloren haben, mein tiefstes Mitgefühl aus.“ Ähnliches war von Verteidigungsminister Benny Gantz zu hören: „Ich möchte dem Vereinigten Königreich und den Angehörigen Ihrer Majestät Königin Elisabeth II. mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Die Königin hat der internationalen Gemeinschaft über 70 Jahre lang gedient. In der Zeit ihrer Herrschaft sind die Beziehungen zwischen Großbritannien und Israel aufgeblüht. Meine Gedanken sind heute beim Vereinigten Königreich.“ Auch Oppositionsführer Benjamin Netanjahu verabschiedete sich von der Monarchin, die länger als jede andere in der britischen Geschichte im Amt war. „Meine Frau Sara und ich sowie das gesamte israelische Volk sprechen dem britischen Volk und der königlichen Familie unser Beileid zum Tod von Königin Elisabeth II. aus. Sie war eine legendäre Herrscherin, ein Leuchtturm an Integrität und eine Verwalterin eines zweiten elisabethanischen Zeitalters, an das man sich über die Jahrhunderte hinweg erinnern wird. Möge ihr Andenken gesegnet sein“ , schrieb er auf Twitter.

Führende Vertreter des britischen Judentums brachten ebenfalls ihr Bedauern und ihre Trauer über das Ableben der Monarchin zum ausdruck. „Es gibt keine Worte, die das Ausmaß des Verlustes für unser Land beschreiben können“, betonte das Board of Deputies of British Jews in einer Erklärung. „Die Weisheit, das Wohlwollen und die Pflichttreue Ihrer Majestät waren eine Inspiration für Generationen britischer Bürger, auch für unsere Gemeinschaft. Möge ihr Andenken zum Segen sein.“ Und Ephraim Mirvis, der derzeitige Oberrabbiner des Vereinigten Königreichs, ergänzte, dass Elizabeth die jüdischen Gemeinden in den Ländern, über die sie regierte, immer viel Aufmerksamkeit entgegengebracht hatte. „Wir erinnern uns mit großer Wertschätzung an die herzlichen Beziehungen, die sie zur jüdischen Gemeinschaft gepflegt hatte. Und natürlich an ihr besonderes Engagement für den interreligiösen Dialog und das Gedenken an den Holocaust“, erklärte er in einer Videobotschaft. „Ich erinnere mich, wie sie meiner Frau und mir in Schloss Windsor einmal Gegenstände gezeigt hatte, darunter eine Torah-Rolle, die während des Holocausts aus der Tschechoslowakei gerettet wurde. Ihre Zuneigung zum jüdischen Volk war tief, und ihr Respekt für unsere Werte deutlich spürbar.“

Noch etwas verbindet die Royals mit dem Judentum: Seit dem 19. Jahrhundert lassen die Windsors ihre Söhne beschneiden – eine reichlich unübliche Praxis unter europäischen Monarchen. Auf der einen Seite mag das im Kontext der Legende stehen, dass die Briten von einem der verlorenen Stämme Israels abstammen würden. Königin Victoria selbst war wohl der Überzeugung, dass die Royals definitiv Nachfahren des biblischen Königs David seien, weshalb sie diese Tradition der eingeführt hätte. Andere Theorien besagen, dass das schon seit Generationen üblich gewesen sei bei den Windsors. Fakt aber ist, dass Königin Elisabeth einen ausgewiesenen Experten diesen Job bei ihren Söhnen erledigen ließ, weshalb sie einen Mohel namens Jacob Snowman damit beauftragt hatte. Doch nicht nur das kennzeichnet die engen Beziehungen zwischen der Königin und der jüdischen Community in Großbritannien. Nach ihrer Thronbesteigung 1952 schickte man ihr Geburtstagsgrüße, wofür sie sich beim damaligen Oberrabbiner sofort herzlich bedankte. Mehrere Oberrabbiner wurden von Königin Elisabeth in den Adelsstand erhoben, zwei von ihnen sogar in das House of Lords berufen.

Als die Monarchin 2016 ihren 90 Jahre Geburtstag feierte, gratulierte ihr auch der legendäre, 2020 verstorbene Oberrabbiner Großbritannien, Lord Jonathan Sacks. Er bezeichnete die Königin als eine Person, „deren Größe über ethnische und religiöse Grenzen hinweg spricht. Ihr Beitrag zur britischen Gesellschaft ist unermesslich, und der Respekt, den sie allen Religionen entgegenbringt, hat unser Leben bereichert.“ In der Tat brachten die britischen Juden der Königin weitgehend Loyalität und Dankbarkeit entgegen und äußerten Unmut oder Kritik allenfalls hinter verschlossenen Türen. Und im Jahr 1972 versprachen sie, anlässlich des 25. Hochzeitstages der Queen mit Prinz Philip eine Million Bäume in Israel zu pflanzen. Obwohl sich die Royals jahrzehntelang weigerten, nach Israel zu reisen, empfing die Elisabeth II. Dennoch zahlreiche israelische Politiker im Vereinigten Königreich, darunter den ehemaligen Präsidenten Ephraim Katzir im Jahr 1976. Und im Jahr 2008 wurde Shimon Peres auf Einladung der britischen Regierung von ihr höchstpersönlich zum Ritter geschlagen. Dem zweiten israelischen Gesandten im London, Eliahu Eilat, wurde 1959 sogar die Ehre eines der seltenen Abendessen und Übernachtungsbesuche auf Schloss Windsor gewährt.

Im Jahr 2000 sollte die Königin auch die erste Gedenkstätte, die an die Schoah erinnert, in Großbritannien einweihen. Ein Jahr später nahm sie jedoch aus Termingründen nicht am ersten offiziellen Holocaust-Gedenktag des Landes teil, schickte stattdessen Prinz Charles. Seit der Gründung des UK Holocaust Memorial Day Trust im Jahr 2005 fungierte sie als dessen Schirmherrin, bis sie diese Aufgabe 2015 an ihren Sohn delegierte. Und am letzten Tag ihres Staatsbesuchs in Deutschland im Jahr 2015 nahm sich die Monarchin auch Zeit für einen Besuch des von britischen Truppen befreiten Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Zudem hatte sie mit vielen Wohltätigkeitsorganisationen zusammengearbeitet, deren Aufgabe es ist, Überlebenden des Holocaust und Flüchtlingen zu helfen. Manche von ihnen traf sie auch persönlich, ließ sich deren Erlebnisse und Erfahrungen schildern. „Ich kam 1947 als Kind, das den Holocaust überlebte, nach Großbritannien und erinnere mich an die Aufregung, die mit der Krönung der Königin einherging“ erinnert sich Joan Slater, Mitglied des Order of the British Empire (MBE). „Für jemanden, der so viele Umwälzungen und Traumata erlebt hat, war die Königin für mich ein wichtiges Symbol der Weisheit und Stabilität.  Meine Gedanken sind in dieser schwierigen Zeit bei König Charles III. und seiner Familie.“

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