Toxische Sprache und geistige Gewalt

Monika Schwarz-Friesel erklärt wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen

Von Andrea Livnat

„Das Gift heißt Judenfeindschaft, das Mittel ist die Sprache und der Tatort der Verabreichung ist die tagtägliche Kommunikation.“ Mit diesen eindringlichen Worten beginnt die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel ihr soeben erschienenes neuestes Buch, das antisemitische Sprachstrukturen mit ihrer Wirkung auf das kollektive Bewusstsein untersucht. Die Antisemitismus-Forscherin schließt damit nach „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert (mit Jehuda Reinharz) und „Judenhass im Internet“ eine Triologie zum Thema ab. Nach 20 Jahren Beschäftigung mit der Materie erlaube sie sich am Ende des Buches „den Konditional des Wünschens und Hoffens“. Nämlich dass die Erkenntnisse aus der Forschung nicht nur in der wahrgenommen werden, sondern dass diese Erkenntnisse vielmehr helfen, „unsere Gesellschaft vor Schaden zu bewahren und sie verständlicher, eventuell sogar besser zu machen.“

Auch Wissenschaftler sollten ab und an „mit Leidenschaft argumentieren, mit Zorn, Trauer und Sorge das Beobachtete darstellen“, so Schwarz-Friesel. Und das tut sie in diesem wichtigen Buch, das explizit für ein breites Publikum verfasst ist und auf komplexen Fachjargon verzichtet. Dass die Rolle der Sprache im Mittelpunkt von Antisemitismusbekämpfung stehen sollte, begründet sie damit, dass Sprache Realitäten eben nicht nur abbildet, sondern „auch maßgeblich erzeugt“. Dazu erläutert die Kommunikationswissenschaftlerin auch für Laien sehr gut verständlich wie „Sprache als Weltenerschafferin und Menschenzerstörerin“ funktioniert.

Aus dem Buch leiten sich einige Basiserkenntnisse ab, deren Verständnis für die Bekämpfung von Antisemitismus fundamental ist.

Zunächst ist der heutige Antisemitismus der alte Judenhass, der vor 2000 Jahren geboren wurde. Er ist immer nur eine Adaption des alten, es gibt keinen neuen Antisemitismus. Dafür erläutert Schwarz-Friesel wie die frühen Kirchengelehrten das Fundament für Judenhass legten, das bis heute weiter wirkt. Dass der frühe Christianisierungsprozess die radikale Judenfeindschaft als Ressentiment geistig schuf, werde aber „bis heute vielfach ignoriert, beiseite gedrängt und klein gehalten.“

Antisemitismus hat eine unikale Komponente, denn Judenfeindschaft ist auch Welterklärung. Sie erklärt Juden zum Bösen per se und stellt die Welt als einen besseren Ort in Aussicht, wenn es keine Juden darin gibt. Damit ist Antisemitismus nicht einfach Vorurteil, Antisemitismus kann nicht mit Stereotypen oder Rassismen gleichgesetzt werden. 

Vielleicht am Wichtigsten, im Hinblick auf die Debatten der letzten Jahre, ist der Hinweis darauf, dass unser Gehirn nicht unterscheidet, in welchem Kontext etwas gesagt wird. Es ist egal, ob der Sprecher tatsächlich Antisemit ist, ob er Neonazi oder linker Universitätsprofessor ist, wichtig ist vielmehr, ob die Äußerung antisemitische Inhalte transportiert. Dazu erklärt Schwarz-Friesel die Abläufe im Gehirn, die automatisch, wie ein Reflex funktionieren. Für die Wirkung ist es daher vollkommen egal, welche Intention hinter einer Aussage steht. „Judenfeindliche Rhetorik aktiviert automatisch neuronale Muster in Cortex und limbischem System.“ Je öfter diese Muster aktiviert würden, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie geglaubt werden.  

Israelbezogenen Antisemitismus bezeichnet Schwarz-Friesel einerseits als vorherrschend in der öffentlichen Debatte, andererseits werde aber gerade diese Ausprägung besonders verleugnet. Dabei weise der israelbezogene Antisemitismus „alle Kennzeichen des klassischen Judenhasses auf, De-Realisierung, Differenzkonstruktion, Stereotypprojektion und kollektive Entwertung.“

Abwehr und Bagatellisierung als Meinungs- oder Kunstfreiheit stellt die Autorin explizit auch als größtes Problem in der Bekämpfung von Antisemitismus dar.

Die insgesamt 17 Kapitel unter prägnanten Überschriften führen unzählige Beispiele, Zitate aus antisemitischen Zuschriften und andere antisemitische Äußerungen auf. Besonders erhellend ist auch das Kapitel über Schweigen und Verschweigen als antisemitische Sprachhandlungen, ein Thema das bisher wenig erforscht ist und dabei gerade im Bereich Vermittlung zu jüdischem Leben von besonderer Relevanz ist.

Im übrigen gibt es kein Zaubermittel gegen Antisemitismus, auch nicht von einer erfahrenen Expertin wie Monika Schwarz-Friesel. Sie fordert jedoch eine Ethik der Kommunikation. Denn im Grunde ist es ganz einfach: „Judenfeindliche Äußerungen müssen ohne Ansehen der Person und ohne Wenn und Aber ohne Ausnahme angesprochen, kritisiert und zurückgewiesen werden.“ Und nein, man muss nicht erst noch ausführlich darüber diskutieren, was genau Antisemitismus eigentlich ist. Hier ist Schwarz-Friesel sehr deutlich: „Wir wissen in der Antisemitismusforschung, wie sich Judenfeindschaft als Ressentiment verbal und non-verbal manifestiert und können aufgrund der immer gleichen sprachlichen Muster und Mittel klar Auskunft geben, wann eine Äußerung antisemitisch ist.“ Es gibt also keine Ausreden.

Es ist ein Buch, das jeder lesen sollte. Jeder Politiker, Kurator und Musikmanager. Damit wir Sätze wie gerade eben von der Documenta Leitung nicht mehr hören müssen. Denn nein, eine freie Welt muss das nicht ertragen. Jeder Richter, denn die Praxis der Strafverfolgung im Bereich Volksverhetzung bei nonverbalen Formen der Gewalt versagt leider noch oft. Jeder Lehrer, der sich mit antisemitischen Sprüchen auf dem Schulhof konfrontiert sieht. Und natürlich auch sonst jeder. Damit niemand sagen kann, er hätte nicht gewusst, wie Antisemitismus transportiert wird.

Monika Schwarz-Friesel, Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen, Narr Francke Attempto 2022, 228 S., Euro 17.99, Bestellen?

Bild: Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, © JFDA

Wann ist es Antisemitismus?
Wissenschaftliche Klassifikationskriterien

Judenhass im Internet
Die Antisemitismusforscherin und Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friedel untersuchte in einem großangelegten mehrjährigen Forschungsprojekt wie Antisemitismus im digitalen Zeitalter kommuniziert wird und welche Rolle das Internet bei der Verbreitung und Radikalisierung von Judenhass spielt. Die Ergebnisse sind sowohl erschütternd wie auch wenig überraschend zugleich.

„Die Mitte ist nach wie vor die Quelle“
Anlässlich des Jahrestags der Befreiung des KZ Mauthausen erinnerte das österreichische Parlament am vergangenen Donnerstag an die Opfer des Nationalsozialismus. Als Hauptrednerin sprach die Antisemitismus-Forscherin Prof. Monika Schwarz-Friesel (TU Berlin). Ihre eindringliche Rede zum Antisemitismus heute dürfen wir hier vollständig wiedergeben.

„Verbesserungsvorschläge“ für Juden? ­– Eine gefährliche Hybris
Der Fall Mbembe aus Sicht der empirischen Antisemitismusforschung

Bild: Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, © JFDA

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