„Eine Entschuldigung sollte am Anfang stehen“

Zum armenischen Denkmal in Köln gibt es jetzt die Stellungnahme des Expert*innengremiums (Post)koloniales Erbe

Wir halten fest, dass ein derartiges Vorgehen der erklärten Absicht der Stadt Köln, die koloniale Vergangenheit umfassend aufzuarbeiten, diametral entgegengesetzt ist. (…) Eine Entschuldigung gegenüber der Initiative, der armenischen Community und allen Betroffenen sollte am Anfang stehen.“

Anfang Mai 2022 wurde von der Stadt Köln erneut das armenische Mahnmal am Fuße der Kölner Hohenzollernbrücke entfernt – zum wiederholten Male, seit 2018.

Der Grüne Bundesminister Cem Özdemir war wenige Tage zuvor gemeinsam mit der Grünen Landtagsabgeordnete Berivan Aymaz (Köln) zum armenischen Mahnmal gegangen. Gemeinsam hatten sie dort Blumen niedergelegt. Nach der erneuten Räumung des armenischen Mahnmals zeigte sich Cem Özdemir sichtlich erschüttert. Auf Twitter schrieb er dass das „ Zurückweichen der liberalen Demokratien, aus Angst vor den großen und kleinen Diktatoren und ihren hiesigen VertreterInnen endlich ein Ende haben“ müsse. Auf haGalil sprachen wir von der Schande von Köln

Die Initiatoren für das Armenische Mahnmal lassen sich nicht einschüchtern – und nicht entmutigen: An jedem 24. des Monats werden sie nun am Ort des abtransportierten armenischen Mahnmals am Rheinufer, unweit des städtischen Kaiser Wilhelm II. Reiterdenkmals, regelmäßig für einen dauerhaften Standort des armenischen Mahnmals an einem zentralen Ort in Köln einsetzen.

Bei der gestrigen ersten Mahnveranstaltung wurde die Stellungnahme des städtischen Expertengremiums „(Post)koloniales Erbe“ vorgestellt. Das Gremium besteht aus elf bekannten Experten und ist ein offizielles Gremium der Stadt Köln.

Auf der Website der Stadt Köln wird zu dessen Aufgaben und Selbstverständnis festgestellt:

„Das Expert*innengremium berät uns zum Umgang mit der Aufarbeitung des kolonialen Erbes und setzt dabei Schwerpunkte, die sich durch den Prozess des Projekts ergeben können. Außerdem entwickelt das Gremium Empfehlungen in Form eines Maßnahmenkatalogs für den Rat.

In seinen Beratungen und Überlegungen nimmt das Gremium Vorschläge aus Stadtgesellschaft und Politik auf, um diese fachlich und inhaltlich zu beurteilen. Gegebenenfalls gibt es diese Vorschläge an uns weiter oder überführt sie in den zu erstellenden Maßnahmenkatalog.“ 

Stellungnahme des Expert*innengremiums (Post)koloniales Erbe

Das Gremium zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes der Stadt Köln unterstützt die Forderungen und den offenen Brief der Initiative „Völkermord erinnern“. Wir halten fest, dass ein derartiges Vorgehen der erklärten Absicht der Stadt Köln, die koloniale Vergangenheit umfassend aufzuarbeiten, diametral entgegengesetzt ist. Für die Zukunft wünschen und fordern wir mehr Rücksicht, Achtsamkeit, Sensibilität und Respekt allen betroffenen Communities gegenüber, die sich für würdevolles Gedenken, sowie eine Aufarbeitung der Kölner und deutschen Geschichte einsetzen. Vor wenigen Tagen wurde die Niederlage Nazi-Deutschlands und „Befreiung“ vom Faschismus gefeiert. Vor diesem Hintergrund möchten wir auf die am 22. August 1939 von Adolf Hitler gehaltene Obersalzbergrede verweisen und zitieren, was er sagt nachdem er die Vernichtung der polnischen Bevölkerung rechtfertigte und ankündigte: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Wir erwarten eine Aufarbeitung des Prozesses der letzten vier Jahre, sowie des unverhältnismäßigen Einsatzes am Freitag, den 6. Mai. Eine Entschuldigung gegenüber der Initiative, der armenischen Community und allen Betroffenen sollte am Anfang stehen. Darüber hinaus erwarten wir Eigeninitiative von Seiten der Stadt sowie die ehrliche Bereitschaft, koloniale Strukturen und Schandmäler zeitnah zu entfernen.

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