Im Land der Täter: Leben nach dem Überleben

Das jüdische Museum Frankfurt beleuchtet den jüdischen Neuanfang nach der Shoa

„Lediglich eine Handvoll Publikationen gibt es dazu, wie die jüdischen Überlebenden unmittelbar nach der Shoa lebten und sich organisierten“, erklärte die Leiterin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirjam Wenzel, gegenüber der Frankfurter Rundschau anlässlich der Ausstellungseröffnung und der damit verbundenen Vorstellung des umfangreichen Katalogs „Unser Mut. Juden in Europa 1945-48“. Auf der Internetseite des Museums wird noch nachgelegt, dort heißt es: „Was ihnen unmittelbar nach Kriegsende widerfuhr und wie sie ihr Leben nach dem Überleben gestalteten, wurde jahrzehntelang weder erforscht noch öffentlich thematisiert.“

Wenn man bei Amazon nach Literatur über die Scheerit Haplejta (Rest der Geretteten) sucht, werden gleich mehrere Dutzend solcher Publikationen allein in deutscher Sprache angeboten. Die Liste beginnt mit der bereits 1987 von Juliane Wetzel vorgelegten bahnbrechenden Arbeit „Jüdisches Leben in München 1945–51“ und dem wenige Jahre später von Angelika Königseder und Juliane Wetzel erschienenen Standardwerk „Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen DPs (Displaced Persons) im Nachkriegsdeutschland“; es folgen zahlreiche wissenschaftliche Regionalstudien und Monografien über einzelne Lager und Gemeinden, auch über das jüdische Camp in Frankfurt-Zeilsheim (2011).

Gleichfalls scheint in Frankfurt offensichtlich übersehen worden zu sein, dass beispielsweise das Jüdische Museum München schon 2011 die Ausstellung „Von da und dort – Überlebende aus Osteuropa“ und das Jüdische Museum Augsburg ein Jahr später die Schau „Gehen oder Bleiben. Lebenswelten osteuropäischer und deutscher Juden in der Nachkriegszeit“ präsentierten.

Es gibt also ausreichend Quellen, um in Frankfurt erfolgreich eine Ausstellung zum jüdischen Neuanfang nach der Shoa mitsamt einem Begleitband – im Rahmen eines vierjährigen (!) Forschungsprojekts – auf die Beine zu stellen. Der reichbebilderte Katalog, der in einer deutschen und englischen Ausgabe vorliegt, dokumentiert in der Tat die Vielfalt der jüdischen Erfahrungen kurz nach dem Zivilisationsbruch. Er berichtet von Menschen, die sich nicht nur als Opfer betrachteten, sondern als selbstbewusste Juden, die für ein sicheres und freies Leben kämpften, das für viele nur im eigenen jüdischen Staat zu verwirklichen war.

1947 zählte man in Deutschland, Österreich und Italien rund 250.000 Shoa-Überlebende, davon hielten sich etwa 200.000 in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands auf. Die meisten von ihnen hatten in der Sowjetunion überlebt und waren ab 1944 in ihre osteuropäischen Heimatländer zurückgekehrt, wo sie nicht willkommen waren. Hass und Missgunst, die teilweise in offene Pogrome umschlugen, lösten eine Flucht in Richtung Westen aus – unter den Schutz der West-Alliierten. In den selbstverwalteten „Assembly Centers“ kam es zu einer Wiedergeburt der fast vollständig vernichteten ostjüdischen Kultur. Es wurden Parteien und Sportvereine gegründet, weit über 100 jiddischsprachige Zeitungen verlegt, beispielsweise das Blatt „Undzer Mut“ in Zeilsheim, in den Camps entstanden eigene Schulen, Theater und Orchester, wie etwa die Happy Boys oder das Ex-Concentration Camp Orchestra. Bleiben wollte im „Land der Täter“ aber fast niemand; Israel, die USA, Kanada oder Australien waren die Sehnsuchtsorte der Überlebenden.

In informativen Beiträgen skizzieren renommierte Autoren die Lebensbedingungen in den „Wartesälen“ sowie die politische und soziale Realität aus einer gesamteuropäischen, transnationalen Perspektive sowohl in der Ausstellung als auch im Begleitband. Die Suche nach überlebenden Verwandten, die Organisation ihrer Ausreise werden ebenso beschrieben wie die Einforderung von Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Dabei werden auch wenig bekannte Aspekte, wie etwa der jüdische Neubeginn in Ost-Berlin beleuchtet. Der Band schlägt einen thematischen Bogen von Amsterdam über Budapest, Kielce, Reichenbach und Bari bis nach Frankfurt/Main. Warum München mit keinem Kapitel vertreten ist, bleibt ein Rätsel, war es doch die Hauptstadt und Drehscheibe der jüdischen DPs. Überall dort versuchten die Vertreter der Scheerit Haplejta ein neues Leben – wenn auch nur temporär – aufzubauen.

Die Essays bauen auf Vorträge der Konferenz „Building from Ashes. Jews in Postwar Europe“ auf, die das Jüdische Museum Frankfurt im Dezember 2017 ausrichtete. Als Überblickswerk und erste Annäherung an das DP-Thema ist die Publikation wie auch die Ausstellung zu empfehlen, machen sie doch Geschichte anschaulich erfahrbar, neue Forschungsergebnisse bieten sie allerdings kaum. – (jgt)

Kata Bohus u. a. (Hg.), Unser Mut – Juden in Europa 1945–48, ‎ Berlin 2020, De Gruyter Oldenbourg, 358 Seiten, 29,95 €, Bestellen?

Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. Januar 2022. Öffnungszeiten und weitere Informationen finden Sie hier https://www.juedischesmuseum.de/besuch/juedisches-museum-frankfurt/

Bild oben: Jüdische DPs demonstrieren in der Frankfurter Innenstadt für die Auswanderung nach Erez Israel, Foto: Beit Lochamei Hagetaot

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