Israelis als „Verhandlungsmasse“

Zwei israelische Zivilisten sowie die sterblichen Überreste zweier israelischer Soldaten befinden sich seit Jahren in den Händen der Hamas. Über ihre Freilassung und Überstellung wird seit Jahren hinter den Kulissen verhandelt – geschehen ist bis dato aber noch nichts. Denn der Preis, den Israel für sie zahlen müsste, wäre sehr hoch.

Von Ralf Balke

Immer wieder sind sie ein Thema in der Politik und den Medien. Die Rede ist von Hisham Al-Sayed und Avraham Mengistu. 2014 hätten die beiden israelischen Zivilisten die Grenze zum Gazastreifen freiwillig überquert, lautet eine Version der Geschichte. Letzterer soll zudem massive psychische Probleme gehabt haben, berichtet seine Familie. In einer anderen heißt es, die Männer wären von der Hamas auf israelischem Territorium entführt und in den Gazastreifen verschleppt worden. Bestätigt haben die dort regierenden Islamisten das jedoch nie. Darüber hinaus befinden sich die sterblichen Überreste von Hadar Goldin und Oron Shaul in den Händen der Hamas. Die beiden Soldaten wurden im Sommer 2014 während der Militäroperation „Protective Edge“ getötet und konnten damals nicht geborgen werden. Um die Freilassung der beiden lebenden Israelis und Überstellung der beiden Toten nach Israel wird seither verhandelt – zuletzt Anfang November diesen Jahres.

Mehrere arabisch-sprachige Medien berichteten jetzt darüber, dass man kurz vor einer Vereinbarung stehe. Es wäre nicht das erste Mal, dass so eine Meldung die Runde macht. Diesmal hieß es, dass Abbas Kamel, ein ägyptischer Nachrichtendienstchef in die Gespräche involviert sei, was auch nicht überrascht – schließlich ist Kairo bereits seit vielen Jahren in der Rolle des Vermittlers, wenn es zwischen Israel und die Hamas etwas zu verhandeln gibt. „Alles sei geklärt worden, strittige Punkte gibt es keine mehr“, berichtet die in London beheimatete Nachrichtenportal Al-Araby al-Jadeed. „Man warte nur noch auf grünes Licht aus Israel.“ Personen, die mit der Situation vertraut sind, erklärten ferner, dass die Gespräche zuvor ins Stocken geraten waren, weil rangniedrige Mitglieder der Izz al-Din al-Qassam-Brigaden der Hamas nicht in der Lage waren, mit ihrer Führung zu kommunizieren. Dieses Problem sei jedoch gelöst worden, nachdem sich ein hochrangiges Mitglied dieser Hamas-Miliz mit ägyptischen Vermittlern getroffen hatte.

Das Ergebnis solcher Verhandlungen ist im Voraus bekannt. Am Ende werden Palästinenser, die in israelischen Gefängnissen einsitzen, gegen israelische Staatsbürger – egal, ob lebend oder tot – ausgetauscht, manchmal mehrere hundert pro einem Israeli. Die eigentlichen Streitpunkte dieser Deals drehen sich immer um die Fragen, wie viele Israel aus der Haft entlässt und ob sich darunter Personen befinden, die an Terroranschlägen beteiligt waren. Je mehr Blut an ihren Händen klebt, desto größer der israelische Widerwille, sie in den Gazastreifen oder sonst wohin zu überstellen. Umgekehrt ist es für die Hamas eine Frage des Prestiges, genau solche Leute freizupressen. Israelische Geiseln sind für im Gazastreifen herrschenden reine „Verhandlungsmasse“, wie es Marwan Issa, stellvertretender Kommandeur der Izz al-Din al-Qassam-Brigaden im Juni gegenüber dem TV-Sender Al-Jazeera fomulierte. Und um die Sache im wahrsten Sinne des Wortes gespenstig zu machen, produziert die Hamas in regelmäßigen Abständen Videos, in denen die Geiseln verhöhnt werden und Druck auf die israelische Seite ausgeübt werden soll. So zeigt ein Clip vom Dezember 2016 einen gefesselten Oron Shaul, der vor einem Kuchen mit drei Kerzen sitzt, die die Jahre symbolisieren, die er bereits in Geiselhaft ist. Das Ganze war eine eher stümperhafte Animation. Auf den Körper einer lebenden Person, die mit ihren Fesseln kämpft, wurde das Gesicht des toten Soldaten montiert und im Hintergrund lief auf Hebräisch ein Geburtstagslied. Die Intention dahinter: Die Angehörigen der beiden Soldaten sollen so weiter gequält werden, damit sie Druck auf die Regierung ausüben, sich auf einen Gefangenendeal einzulassen.

Und auch im Frühsommer kursierte wieder ein Video, das eine vermeintliche israelische Geisel in den Händen der Hamas zeigt – definitiv eine Fälschung. Denn weitere Personen befinden sich derzeit nicht in der Gewalt der Islamisten. „Israel weiß sehr wohl, was mit Hadar Goldin und Oron Shaul, seligen Angedenkens, geschehen ist“, so Yaron Blum, Chefunterhändler der Regierung für deratige Entführungsfälle. „Auch das Schicksal der beiden Zivilisten Avera Mengistu und Hisham Al-Sayed, die die Grenze überquert haben, als sie noch lebten, ist uns sehr wohl bewusst. Israel wird weiterhin mit Entschlossenheit und Verantwortung handeln, um sie alle zurückzubringen.“ Und die Mutter von Avera Mengistu erklärte bereits, dass die Stimme in dem neuen Video nicht die ihres Sohnes sei. Zudem tauchte nun auch auf Al-Jazeera bisher unveröffentlichtes Filmmaterial auf, das die Hamas von dem ehemaligen gefangenen Soldaten Gilad Schalit gemacht hat, der fünf Jahre lang ihre Geisel war und  2011 im Austausch gegen 1.027 Terroristen freigelassen wurde. Zu sehen ist, wie Schalit in einem spärlich eingerichteten Raum Liegestütze sowie Sit-ups macht und sich rasiert.

Israel wiederum versucht, auf anderer Ebene Druck aufzubauen, damit die Hamas die Geiseln freilässt. So erklärte Ministerpräsident Naftali Bennett bei seinem Treffen mit Joe Biden im August in Washington, dass jede Art von Erleichterung beim Wiederaufbau des Gazastreifens nicht nur von der Einstellung des Raketenbeschusses abhängig sei, sondern ebenfalls von der Frage, ob die Islamisten die Leichen der beiden Soldaten überstellen und die lebenden Geiseln freilassen. Genau diese Vorbedingung scheint für den US-Präsidenten nicht sonderlich relevant zu sein. Er forderte von Israel unabhängig davon eine Erleichterung der Versorgung des Gazastreifens. Diese will Bennett nicht so einfach ohne Gegenleistungen ermöglichen – dennoch begann man im Oktober überraschenderweise damit, 10.000 Palästinensern aus dem Gazastreifen eine Arbeitserlaubnis zu erteilen. Auf diese Weise will Israel verhindern, dass die Hamas erneut Raketen auf israelisches Territorium abschießt. Denn die wirtschaftliche und soziale Situation in der von den Islamisten kontrollierten Enklave spitzt sich täglich weiter zu, was wiederum zu Unruhen führen könnte. Jerusalems Rechnung lautet seit Jahren: Die Hamas soll erkennen, dass ihr eine Waffenruhe mehr Vorteile bringt als eine Rückkehr zum Raketenterror. Ob das Ganze aufgeht ist, darf bezweifelt werden. Denn umgekehrt ist auch Israel erpressbar, wie sich bereits mehrfach zeigte. Die Islamisten stellen beispielsweise Forderungen nach einer Erleichterung des Warenverkehr. Werden diese nicht sofort erfüllt, droht man mit Angriffen aus dem Gazastreifen. In diesem Kontext steht die Frage eines möglichen Gefangenendeals ohnehin nicht auf der Prioritätenliste, wie die Vergangenheit bewies.

Die Angehörigen von Hadar Goldin und Oron Shaul melden sich ebenfalls öfters zu Wort und wollen ihre Söhne endlich beerdigen können. Sie stehen deshalb in Verbindung mit den politisch Verantwortlichen, also auch mit der neuen Regierung. „Meine Tür ist immer offen für euch“, erklärte denn auch Bennett dieser Tage. Und Hadar Goldins Mutter Leah begleitete vor wenigen Monaten Ex-Staatspräsident Reuven Rivlin bei seinem Abschiedsbesuch in den Vereinigten Staaten, wo sie unter anderem versucht hatte, bei den Vereinten Nationen auf ihre Geschichte aufmerksam zu machen. Zugleich fordert die Goldin-Familie von der israelischen Regierung aber auch, „auf keinen Fall die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und die Rückkehr der Soldaten und Zivilisten zu einer Vorbedingung für alles im Gazastreifen zu machen.“ Einen Deal, der die Freilassung von Mördern beinhaltet, die wie so oft geschehen, dann erneut Gewalttaten gegen Israelis begehen, wollen sie keinesfalls.

Spätestens mit dem Fall Gilad Shalit haben die Verantwortlichen erkannt, dass die gezielte Geiselname von Israelis zur Strategie der Hamas geworden ist. Nur allzu gut wissen die Islamisten, denen gemäß ihrer Ideologie der Tod immer lieber als das eigene Leben ist, um den Wert eines jeden israelischen Bürgers im Selbstverständnis des jüdischen Staates. Aber auch in der Armee gilt die Devise „Niemand wird zurückgelassen“, so dass selbst tote Soldaten in ihren Augen ein wertvoller Asset sind. Immer wieder versucht die Hamas deshalb, Israelis in ihre Gewalt zu bekommen. So zum Beispiel im Frühjahr 2014, als eine Terrorzelle der Islamisten im Westjordanland die drei Teenager Naftali Frenkel, Gilad Shaer und Eyal Yifrah an einem beliebten Ort zum Trampen aufgriff und später ermorden sollte. Seit Jahren wird daher allen Militärangehörigen eingebläut, auf keinen Fall per Anhalter unterwegs zu sein. Und die in der Vergangenheit entdeckten Tunnel aus dem Gazastreifen in israelisches Territorium hinein, dienten wohl ebenfalls dem Zweck, Israelis zu kidnappen.

Entsprechend wird die Armee auf solche Szenarios vorbereitet. Erst vor wenigen Tagen übten Soldaten, darunter Angehörige der Duvdevan- und Maglan-Eliteeinheiten, das überaus komplexe Aufspüren und Befreien von Geiseln, wobei sie ebenfalls darauf trainiert wurden, wie man in verschiedensten Situation bei einer solchen Mission agieren sollte, wenn beispielsweise ein Mob dieses zu verhindern versucht. Darüber hinaus hat man die nachrichtendienstliche Arbeit intensiviert sowie Hightech-Konzepte entwickelt, um potenziellen Entführern immer einen Schritt voraus zu sein. Nach Angaben des Militärs soll so eine drohende Gefahren besser erkannt, Anschläge womöglich in Echtzeit vereitelt und die Flucht von Terroristen verhindert werden. „Heute haben wir viel mehr Sensoren und andere Systeme, die eingesetzt werden können“, sagte Lieutenant Yossi Eliaz vom Rotem-Battalion der Givati-Brigade gegenüber der Presse. „So sind wir in der Lage, viele präzise Informationen zu sammeln und zu nutzen.“ Doch trotz dieser neuen Techniken und der Tatsache, dass es der Hamas seit dem Frühjahr 2014 nicht mehr gelungen war, israelische Staatsbürger als Geiseln zu nehmen, muss man auf alle möglichen Fälle vorbereitet sein. Denn die Hamas braucht stets neue „Verhandlungsmasse“, um ihre Leute aus den Gefängnissen in Israel freizupressen.

Oben: Hadar Goldin (l.) und Oron Shaul, unten: Avraham Mengistu (l.) und Hisham Al-Sayed

Kommentar verfassen