„1700 Jahre jüdisches Leben – Shalom in Pappenheim“

„Ich kenne meine Pappeneimer“, ist ein Zitat in Friedrich Schillers „Wallenstein“, der Trilogie, dem Drama, das 1799 am Weimarer Hoftheater aufgeführt wird. 

Von Christel Wollmann-Fiedler

„Als berühmtester Sohn des Adelsgeschlechts führt Feldmarschall Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim im 30-jährigen Krieg unter Wallenstein kaiserliche Truppen von Sieg zu Sieg“, lese ich in einer Broschüre der Stadt Pappenheim. Fast ein jeder kennt die Aussage Wallensteins. Doch gibt es Pappenheim überhaupt und wo liegt es? Eine wunderschöne Lage im Altmühltal, südlich von Nürnberg, ziemlich weit südlich, über siebzig Kilometer, in Mittelfranken.

Vor fünfundzwanzig Jahren klettere ich mit schweren Kameras behängt am Hang des Peterleinsbuck in der Rukwidstraße herum, um auf dem Jüdischen Friedhof zu fotografieren. Mit der Morgensonne von Osten ist das Licht optimal. Wenn es im Fränkischen neblig war, hatte ich Pech. Mit einer schweren Mittelformatkamera, mit Schwarz-Weiß-Filmen bin ich unterwegs, ganz zeitgemäß und selbstverständlich. Im Morgentau rutsche ich hin und her, steil ist der Hang auf dem der Jüdische Friedhof, der vor ungefähr 280 Jahren angelegt wurde.

Die Bewohner von Pappenheim und auch die Stadtverwaltung des Ortes interessieren sich damals vor fünfundzwanzig Jahren für das jüdische Erbe kaum. Ich, die Fremde, damals noch aus dem Südwesten kommend, komme oft und rutschte zu verschiedenen Jahreszeiten am Hang herum. Seit 2007 kümmert sich der Heimat- und Geschichtsverein nicht nur um die beiden Teile des Jüdischen Friedhofs, auch das jüdische Leben von damals in der Stadt wird aufgearbeitet. Viele Juden lebten in dem mittelfränkischen Residenzstädtchen, gehören zum Ort wie Protestanten, Katholiken, Atheisten und Andersgläubige. Renate Prusakow, die Vorsitzende des Vereins, ist mit hartnäckiger Selbstverständlichkeit dabei, Politikern und anderen dieses wichtige Erbe zu verdeutlichen, um finanzielle Hilfe für Projekte und Veranstaltungen zu bekommen. Leidenschaft gehört zu ihrem Tun!

Alljährlich lädt der Verein zu den „Jüdischen Tagen“ nach Pappenheim ein. In diesem Jahr geht es um „1700 Jahre jüdisches Leben – Shalom in Pappenheim“. Ein sehr schöner Willkommensgruß an der Altmühl. Das Programm ist reichhaltig über vier Wochen lang.

Zum Festwochenende bin ich angereist zu den Pappenheimern nach Mittelfranken. In ihrer engagierten Art führt Renate Prusakow die Gäste über den Jüdischen Friedhof diesseits der Straße. Nathanja Hüttenmeister, die Kennerin des jüdischen Lebens und der jüdischen Friedhöfe erläutert kenntnisreich hebräische Inschriften und Daten von Friedhofssteinen. Frau Hüttenmeister ist Judaistin und arbeitet wissenschaftlich am Ludwig-Steinheim- Institut in Essen, früher Duisburg. Ihr großes Wissen ist eine Fundgrube, gerne hört man ihr zu. In Kürze erfahre ich vorher nicht Gewusstes, erfahre, dass die Juden von der Herrschaft Grund und Boden für den Friedhof bekommen haben, erfahre, dass Regensburger Juden in Pappenheim beerdigt werden. Ihr Friedhof wird 1519 bereits zerstört und erst 1822 entsteht der neue Friedhof in der Stadt an der Donau, der Stadt der berühmten Regensburger Domspatzen. Auf dem „Judenweg – Jüdische Totenwege“ werden die Toten nach Pappenheim gebracht. Auch erfahre ich die Bedeutung der Symbole und Ornamente auf den Grabsteinen, über die Kohanim und Leviten spricht Frau Hüttenmeister. Aus Solnhofer Kalkstein sind die Grabsteine hier im Altmühltal, unweit von Solnhofen, unweit der berühmten Steinbrüche. Nicht immer werden Eheleute nebeneinander beerdigt, ab dem 18. Jahrhundert beschriften Steinmetze  Grabsteine bereits in Deutsch, manche Übersetzung ins Hebräische kommt auf die Rückseite des Steines, Lobesreden auf den Toten sind oft romantisch, so mancher Verstorbene wird idealisiert. Zitate aus der Bibel und Jahreszahlen sind noch heute zu lesen.

Am Abend referiert Nathanja Hüttenmeister über eine jüdische Familiengeschichte aus dem 17. Jahrhundert. Der gestorbene Rabbiner Samuel in Pappenheim hinterlässt Frau und mehrere Kinder. Vormünder bekommen die Kinder und sie, die Witwe Zyrlein, streitet mit ihnen am Gericht und auch mit Nachbarn um unterschiedliche Belange und Wünsche. Streitbar ist sie, lässt sich nichts gefallen. Für die damalige Zeit ein recht ungewöhnliches Verhalten, noch dazu von einer Frau. Fast zum Schmunzeln ist die Geschichte und kaum zu glauben, wenn Nathanja Hüttenmeister die Texte nicht in Gerichtsunterlagen entdeckt und herausgefischt hätte. Kurzweilig und hochinteressant referiert die Wissenschaftlerin aus Essen. Talmud und Allerley Gewürz ist der Titel der interessanten Veranstaltung.

Natürlich werden auch Reden gehalten. Bürgermeister Florian Gallus empfängt auf dem Marktplatz vor dem Rathaus Politiker und die Gäste. Gegenüber des Rathauses erbaute Leo von Klenze, der Baumeister und Architekt aus München, 1822 das Neue Schloss mit anschließendem Englischen Landschaftsgarten für die Marschälle von Pappenheim, ein Altes Schloss inmitten der einstigen Residenzstadt ist beim Rundgang zu sehen, die mittelalterliche Burg thront oberhalb der Stadt mit wehender Fahne auf dem Schlossberg. Ursula Gräfin zu Pappenheim wohnt bis zu ihrem Tod im Jahr 2018 im Neuen Schloss an der Altmühl, dem Flüsschen. Noch vor Jahren nahm sie an allen Veranstaltungen mit Begeisterung teil. Sie fehlt!

Die Stadtkapelle musiziert volkstümliche Weisen. Auch der Landrat Manuel Westphal von Weißenburg-Gunzenhausen und Frau Ruth Ceslanski, 1. Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Franken e.V., stehen auf dem Podium, die Rabbinerin Frau Dr. Antje Yael Deusel aus Bambeg reist kurzfristig nach Israel und hat leider abgesagt.

Der Schirmherr des diesjährigen Pappenheimer Projekts ist der Antisemitismusbeauftragte des Freistaates Bayern Dr. Ludwig Spaenle. Er ist aus München angereist und erklärt klar und deutlich, für jeden verständlich und sehr eindringlich das Jüdischsein und den Antisemitismus damals und heute.

Die jüngsten Ereignisse – vor allem die Coronapandemie – hat deutlich gemacht, wie schnell sich antisemitische Vorurteile in der Gesellschaft wieder ausbreiten. Dieser Entwicklung müssen wir entschieden entgegentreten. Die besten Mittel im Kampf gegen Antisemitismus sind Bildung und Wissen über jüdisches Leben. Mit der Veranstaltungsreihe „Shalom in Pappenheim“ im Rahmen des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ machen Sie die jüdische Geschichte lokal und regional sichtbar und setzen so auch ein Zeichen gegen Antisemitismus.“ (Dr. Spaenle)

Den 99-jährigen vitalen Herrn Hans Navratil erblicke ich im Kreise der Ehrengäste. Zum Ehrenbürger des Städtchens wurde er. Geforscht hat er in den Jahren und so manche Wissenslücke in und um Pappenheim geschlossen.

Dr. Regina Plaßwilm kommt aus Köln, der Stadt, in der der römische Kaiser Konstantin 321 Juden in städtische Ämter zuließ. Frau Plaßwilm ist Geschäftsführerin von 321-2021: 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland e.V. In einer sehr persönlichen Rede hören wir von ihr: „In diesem Jahr feiern Juden und Nicht-Juden ein gemeinsames Festjahr: Dass das Judentum Europa maßgeblich geprägt hat und auch für Deutschland konstitutiv war, dass Jüdinnen und Juden seit mindestens 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands leben – das wird in diesem Jahr bundesweit gewürdigt. 2021 soll jedoch nicht nur in die Vergangenheit geschaut, sondern der Blick vor allem auf die Gegenwart gerichtet werden…Vielfach wird über Jüdinnen und Juden nur als Opfer gesprochen und nicht als lebendiger Teil unserer Geschichte und heutigen Gesellschaft. Natürlich bleibt es weiterhin unsere Verantwortung, der Shoah, dem größten Zivilisationsbruch der Menschheit, als Mahnung und Auftrag zu gedenken. Dazu gehört aber auch die Begegnung mit dem heutigen Judentum. Vor allem jüngere Jüdinnen und Juden möchten in Deutschland als LEBENDE und nicht als ÜBERlebende wahrgenommen werden“….1969 schrieb Theodor W. Adorno den berühmten Satz: „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“.

 Auch Regina Plaßwilm ist schon lange, wie so manch anderer Gast, mit Pappenheim und Renate Prusakow verbunden. Im ehemaligen „Leinweberhaus“ in der Deisinger Straße, der Hauptstraße von Pappenheim, sind Ausstellungen zu sehen. In sehr frühen Jahren war die Deisinger Straße die „Judengasse“, die 1936 zur Wilhelm-Deisinger-Straße wurde. Großformatige Fotos gehören zum Thema „Juden ohne Wiesn“. Zu sehen sind Frauen mit dem berühmten Münchner Dirndl und die Männer mit den ebenso berühmten „Krachledernen“, der Lederhose, die sich allesamt für die „Wiesn“, das Oktoberfest, in München begeistern. Die Münchner Fotografin Lydia Bergida ist die Fotografin dieser jüdischen Münchner Männer und Frauen, die in unterschiedlichen Ländern geboren wurden, die nun zu München gehören und sich zur Münchner Tradition bekennen. Katrin Diehl schrieb die interessanten Texte. Im schmalen Gang nebenan sind Schwarz-Weiß- Fotos mit dem Titel „Die jüdischen Grabsteine des jüdischen Friedhofs Pappenheim sprechen“ ausgestellt. Im Raum daneben ist die Familiengeschichte des jüdischen Brauereibesitzers Joseph Schülein und seines Sohnes Hermann zu lesen. Eigentlich ist es eine Thalmässinger Familiengeschichte, denn Joseph Schülein wird in Thalmässing geboren, einem Marktflecken bei Roth. Er kauft später eine bankrotte Brauerei in München, gründet daraufhin eine eigene Brauerei, Gasthäuser und auch der große Kindl-Keller in Haidhausen kommen hinzu. Ein regelrechtes Imperium baut er auf und wird ein angesehener wohlhabender Münchner Bürger mit hohem sozialen Engagement. 1916 gar wird er Eigentümer von Schloss Kaltenberg, wo er 1938 stirbt. Gegen sein „Judenbier“ wird in der Nazizeit gehetzt. Sein Sohn Hermann Schülein besucht die Universität, schreibt eine juristische Doktorarbeit in Erlangen und wird nach der Fusion der väterlichen Unionsbrauerei und Löwenbräu Generaldirektor in der weltbekannten Löwenbräu A.G. in München bis er 1935 in die USA geht und sein Leben vor den Nazis in Deutschland rettet.

„Auswandern nach Amerika“ – Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven ist nicht unbedingt ein fränkisches Thema, doch schon vor 300 Jahren verlassen Auswanderer Europa. Vom Hafen in Bremerhaven gehen sie in die „Neue Welt“ oder auf andere Kontinente und in andere Länder. Eleonore Dehne-Seer erzählt eine wahre Familiengeschichte, erzählt von ihrem Vater, einen Amerika-Auswanderer und Rückkehrer aus Nordholz in Niedersachsen. Eleonore Dehne-Seer kommt aus Ostfriesland nach Pappenheim.

In der Graf-Carl-Straße steht das Schuhhaus Lenk, sehr verlassen und fremd sieht es aus. Ich denke an Erika Lenk, die nicht mehr lebt und gerne unter uns wäre. Einen Stein lege ich auf ihren Grabstein.

Viel Schönes mehr gäbe es zu erzählen, doch nur zwei Tage bin ich zu Gast und sehe und höre über das Judentum in Pappenheim. Renate Prusakow, die engagierte Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, berichtet vom früheren regen jüdischen Leben in Pappenheim. Doch schon im 19. Jahrhundert verlassen Juden ihre Heimat, verlassen die Stadt aus unterschiedlichen Gründen, auch in Nordamerika kommen sie an.

Eine Jüdische Gemeinde gibt es seit 1920 nicht mehr in dem ehemaligen Residenzstädtchen. 1936 verlässt die letzte jüdische Familie Pappenheim und emigriert nach Palästina, neunundzwanzig Pappenheimer Juden werden in den berüchtigten Konzentrationslagern umgebracht.

Ruhig ist es im Naturpark Altmühltal am Sonntagmorgen. Nach frischem Gras duftet es. Ich laufe zum Bahnhof an der Weidenkirche, der Naturkirche, vorbei, die an Christi Himmelfahrt im Jahr 2007 in der Flussaue eingeweiht wird. In diesen Wochen sind die Kunstwerke der Künstlerin Renate Gehrke in dieser Naturkirche zu sehen. Die farbigen Werke flattern von oben herab und sind mit Licht, Farbe und Wind betitelt.

Ich stehe am Bahnsteig, außerhalb der Ortschaft. Der Zug von München nach Nürnberg kommt und ich sage Shalom Pappenheim!

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