„Wir waren frei und brauchten keine Angst mehr zu haben“

Ein jüdisches Kinderheim in Lüneburg 1945–48

Aus dem Internetlexikon „Jüdische DP Lager und Gemeinden in Westdeutschland“

„Heimatlos, abgemagert, vernarbt, ängstlich, beraubt, verbittert, Zeugen von schrecklichen Dingen – das waren die Kinder des befreiten Europas“, schreibt der im DP-Camp Landsberg geborene Direktor der American Jewish Archives, Abraham J. Peck. Daher war insbesondere für die wenigen jüdischen Jungen und Mädchen eine umfassende physische und psychische Versorgung wichtig. Denn mit ihrer Zukunft verband die Scheerit Haplejta, wie sich die Gemeinschaft der Shoa-Überlebenden nannte, zahlreiche Wünsche und Hoffnungen.

Im Herbst des Jahres 1945 suchte die britisch-jüdische Hilfsorganisation Jewish Relief Unit (JRU) nach einem Erholungsheim für Jungen und Mädchen, die dem NS-Genozid entkommen waren. Zunächst wollte die JRU die Kinder im größten DP-Camp innerhalb der britischen Besatzungszone in Bergen-Belsen unterbringen. Doch dieses Vorhaben stieß bei der Militärregierung auf Ablehnung. Daher fiel die Wahl auf Lüneburg, da sich dort schon eine kleine jüdische Nachkriegsgemeinde etabliert hatte, die bei der Betreuung der Kinder unterstützend mit einbezogen werden konnte.

Schon im November 1945 kamen die ersten Jungen und Mädchen aus dem zerstörten Berlin an, sie sollten in einer intakten Umgebung und bei besserer Versorgungslage den Winter in Lüneburg verbringen. Dabei handelte es sich nicht nur um Waisen. Doch das dafür vorgesehene Gebäude in der Uelzener Straße war noch nicht bezugsfertig und die Kinder mussten vorerst bei Mitgliedern der jüdischen Gemeinde einquartiert werden, die sich aufopferungsvoll um die Kleinen kümmerten. Gleichwohl scheint die Aktion übereilt und schlecht organisiert gewesen zu sein. Nach dem Ausbruch von Scharlach und dem Tod eines Mädchens kam es auch zu Protesten von Angehörigen. Aufgrund ihrer Traumata litten die Erwachsenen darunter, dass ihre Kinder nun erneut von ihnen getrennt waren. Beide hatte während der Zeit der Verfolgung Schlimmes durchgemacht, die Lager überlebt oder jahrelang voller Angst vor Entdeckung im Versteck oder in der Illegalität verbracht.

Im Januar 1946 konnte das Haus in der Uelzener Straße endlich bezogen werden. „Kürzlich wurde in Lüneburg ein jüdisches Heim für 31 Kinder eröffnet“, meldete das Informationsblatt der „Association of Jewish Refugees in Great Britain“. Auch die Lüneburger Landeszeitung berichtete: „In nur fünf Wochen ist aus dem verwohnten und verwahrlosten Haus ein freundliches Heim entstanden“, schrieb ein deutscher Journalist am 5. Februar 1946. Da etliche Jungen und Mädchen viele Jahre keine Schule besuchen konnten, wurden vordringlich ihre Lese- und Schreibkompetenz gefördert sowie Englisch- oder Hebräisch-Kurse angeboten. Doch für die Bewohner, „meist Waisen oder Halbwaisen“, währte die Freude über ihr vorübergehendes Zuhause nicht lange. Die Militärregierung erhob Anspruch auf das Gebäude, die Kinder mussten ausziehen und wurden vorübergehend im sogenannten Mönchsgarten einquartiert. Bald entstand eine neue Unterkunft im heutigen Lüneburger Ortsteil Ochtmissen.

Nachdem die erste Gruppe im Sommer 1946 nach Berlin zurückgekehrt war, bezogen zunächst Kinder aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet das Heim. Schon bald wurde die Einrichtung als streng koscheres Haus geführt. Einer Gruppe von zwölf jüdisch-orthodoxen Kindern folgten weitere erholungsbedürftige Jungen und Mädchen aus dem DP-Camp Bergen-Belsen, die in der Regel mindestens sechs Wochen in Lüneburg verbrachten. Doch auch als Sprungbrett für die Auswanderung nach Palästina wurde die Einrichtung genutzt. „Das Kinderheim in Lüneburg ist mehr oder weniger mit Belsen-Kindern belegt, obwohl es ein reges Kommen und Gehen zu geben scheint, seit jeden Monat die Transporte nach Palästina gehen“, berichtete ein JRU-Mitarbeiter. Seit Ende 1946 hatten nämlich die Briten einigen unbegleiteten Kindern die Einreise nach Erez Israel gestattet, im Frühjahr 1947 wurde das Programm, das unter dem Namen „Operation Grand National“ in die Geschichtsbücher einging, auch auf Erwachsene ausgeweitet. Von den rund 1.500 Einwanderungszertifikaten, die monatlich weltweit ausgestellt wurden, waren nun 375 für jüdische DPs aus der britischen Besatzungszone reserviert – darunter befanden sich viele Kinder und Jugendliche.

Ab Sommer 1948 zeichnete sich die Schließung des Kinderheims in Lüneburg ab, die Belegzahlen gingen deutlich zurück und sowohl die deutschen als auch die britischen Behörden zeigen Interesse an dem Gebäude. Anfang September 1948 lebten nur noch 13 Kinder im Heim, zum Ende des Monats hatte auch diese die Einrichtung verlassen. Trotz aller Probleme hat das Heim aber „gute Arbeit geleistet, trotz der vielen mühevollen Momente“, resümiert eine JRU-Mitarbeiterin. Sie sah es als ihre Pflicht an, den Kindern „zu helfen, ihre erschütterten Seelen wieder in Ordnung zu bringen“ und sie ins Leben zurückzuführen. – (jgt)

Bild: Entspannung und Erholung im Kinderheim Lüneburg. (Quelle/Source: Jüdisches Museum Berlin)

–> English version: A Jewish children’s home in Lüneburg 1945-48

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