Alles nur eine Frage der Zeit

Erdbeben und Flutkatastrophen hat es im Nahen Osten in der Vergangenheit schon oft gegeben. Auch in Israel kann man gelegentlich spüren, wie die Erde wackelt. Wissenschaftler warnen bereits seit Jahrzehnten, dass irgendwann einmal ein großes Beben das Land treffen könnte und kritisieren die mangelhafte Vorbereitung auf ein solches Worst-Case-Scenario.

Von Ralf Balke

Tsunami Warnschild in Tel Aviv, Foto: Avishai Teicher, CC BY-SA 4.0

Seit rund drei Jahren sind sie überall in der Nähe von Tel Avivs Küste zu sehen, und zwar Hinweisschilder mit einem Piktogramm, das ein Männchen auf der Flucht vor einer Riesenwelle darstellen soll. Darunter steht auf Hebräisch, Arabisch sowie Englisch: Tsunami Evakuierungsroute. Ein Richtungspfeil sowie Entfernungsangaben sollen Menschen dann schnellstmöglich zu den Stellen in der Stadt leiten, die im Falle einer solchen Katastrophe Sicherheit versprechen. Und dafür gibt es gute Gründe. „Wenn es um Tsunamis geht, haben Israel sowie einige Regionen des Mittelmeers, vor allem hier im Nahen Osten, eine lange Geschichte“, skizziert Dr. Beverly Goodman-Tchernov die Ausgangslage. „Es gibt hier alle Voraussetzungen dafür: tektonische Platten, die aufeinanderstoßen, regelmäßig Erbeben und ein Meer“, so die Expertin vom Institut für Meeresgeowissenschaften der Universität Haifa. Zugleich verweist sie darauf, dass Israel zuletzt 1956 von einem kleineren Tsunami heimgesucht wurde, der jedoch keine nennenswerten verursachte. „Wenn man wirklich nach etwas sucht, das größere Verwüstungen verursacht hat, dann muss man wohl 800 Jahre und mehr zurückschauen.“

Und selbstverständlich sind einige Schilder wie die in Tel Aviv kein richtiger Schutz für den Fall, dass es irgendwo im östlichen Mittelmeer wieder einmal zu einem Erdbeben kommt, das einen Tsunami auslösen könnte. Genau deshalb hat man 2018 angefangen, an drei Stellen entlang der israelischen Küste – bei Haifa, Hadera und Ashdod – radargestützte Frühwarnsysteme zu installieren, die jede ungewöhnliche Veränderung sofort registrieren und Alarm schlagen sollen. Aber nicht nur das. Alle drei sind verbunden mit einem ganzen Netz von Anlagen, das sich von Portugal über Griechenland bis hin nach Israel erstreckt. Ashdod ist dabei der südöstlichste Punkt, weil die nordafrikanischen Länder noch keine adäquaten Frühwarnsysteme aufgebaut haben. Es ist in der Lage, gefährlich erscheinende Aktivitäten des Wassers, beispielsweise übermäßig hohe Wellen oder Unregelmäßigkeiten in den Gezeiten sofort zu lokalisieren und dann eine Vorwarnung auszugeben. Verbunden ist das Ganze ebenfalls mit dem Sirenensystem von Pikud HaOref, zu deutsch Heimatfront-Kommando, das 1992 unterteilt in vier Regionalbereiche eingerichtet wurde, um die Zivilbevölkerung besser in Krisen- und Katastrophenfällen schützen zu können.

Gehen entsprechende Meldungen ein, werden die Israelis aufgefordert, sich sofort von den Stränden zu entfernen. Wer unmittelbar an der Küste lebt, sollte wenn möglich ein höher gelegenes Areal aufzusuchen oder sich generell rasch in Richtung Osten bewegen. Maximal 20 Minuten hätte man dafür Zeit. „Denn Erdbeben wie die in Griechenland oder in der Ägäis können durchaus einen Tsunami auslösen, der in Richtung Israel zieht“, betonte ein namentlich ungekannter hochrangiger Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums kürzlich gegenüber Ynet. „Dieses Frühwarnsystem ist ebenfalls von großer Bedeutung, weil sich entlang der Küstenlinie viele wichtige Versorgungseinrichtungen wie das Reading-Kraftwerk in Tel Aviv oder das Rutenberg-Kraftwerk bei Aschkelon befinden sowie alle Meerwasserentsalzungsanlagen. Diese könnten durch einen Tsunami stark in Mitleidenschaft geraten“, erklärt er weiter. Auch Israels nationale Behörde für Notfallmanagement, die zum Verteidigungsministerium gehört, ist in diese Präventivmaßnahmen mit eingebunden – schließlich gehört nach den Einschätzungen ihrer Experten das Mittelmeer zu einem der am stärksten gefährdeten Regionen der Welt, wenn es um Tsunamis geht. So hätten sich dort in der Vergangenheit rund 25 Prozent aller dokumentierten Fälle ereigneten. Die Statistik würde belegen, dass sich vor allem in dessen östlichen Bereich alle 100 Jahre ein größerer Tsunami ereignet. Und alle 250 Jahre wird ebenfalls die Küste Israels dabei in Mitleidenschaft gezogen. Richtig verheerende Tsunamis ließen sich alle 700 Jahre beobachten. Einen davon konnten nun Archäologen nachweisen. Bei Ausgrabungen im spätbronzezeitlichen Tel Dor im Nordwesten Israels war anhand einer Schicht aus Meeresmuscheln und Sand erkennbar, dass vor über 9.000 Jahren eine Flutwelle, die bis zu 3,5 Kilometer ins Landesinnere vorgedrungen sein musste, der Siedlung eine jähes Ende bereitet hatte. Über 3.000 Jahre lang blieb dieser Küstenstreichen danach unbewohnt.

Tsunami-Warnungen gehen regelmäßig bei den Verantwortlichen ein, beispielsweise im Juli 2017, als ein Erdbeben die griechische Insel Kos heimsuchte. Dann müssen sie schnell darüber entscheiden, ob man die Bevölkerung in Israel informieren sollte, dass Gefahr im Anzug sein könnte oder besser nicht – ein ziemlicher Balanceakt. Denn einerseits sollte immer so früh wie möglich gewarnt werden, andererseits könnte schnell dadurch eine Panik ausgelöst werden. Zugleich sollen aber auch Gewöhnungseffekte vermieden werden, weil ständige Fehlalarme dazu führen, dass sie bald niemand mehr ernst nimmt. Im Juli 2017 entschied man sich dagegen. Ebenso vor wenigen Tagen, als sich unweit der Insel Kreta in einer Tiefe von 37 Kilometer ein Unterwasserbeben der Stärke 6,4 auf der Richterskala ereignete. Die Bewohner von Tel Aviv, Haifa oder Jerusalem konnten dieses gut spüren, weil es in Israel noch eine Stärke von 5,8 hatte. Selbst in Ägypten und dem Libanon wackelte deshalb die Erde noch leicht. Schäden wurden jedoch nirgends gemeldet. Auch hier entfiel eine Tsunami-Warnung.

Leichtere Erbeben sind die Israelis ohnehin gewohnt. Das Land liegt schließlich am syrisch-afrikanischen Graben, einem Riss in der Erdkruste, der entlang der Grenze zwischen Israel und Jordanien verläuft. Dieser ist wiederum Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs, der sich von Nordsyrien bis weit nach Mosambik erstreckt. Das letzte große Erdbeben in der Region hatte sich 1927 ereignet. Es hatte eine Stärke von mindestens 6,3 auf der Richterskala, andere Quellen sprechen sogar von 7,5. Über 500 Menschen kamen dabei in Jerusalem, Ramallah und Jericho ums Leben, weitere 700 wurden verletzt. Aber auch der Norden ist immer wieder von Erdstößen heimgesucht worden, beispielsweise Sefad 1837. Damals gab es in der Stadt sowie im Umland schätzungsweise 6.000 bis 7.000 Tote. Und im Kinneret bildete sich eine sogenannte Seiche, eine Art stehende Welle, die dadurch verursacht wird, wenn in Seen, Buchten oder Hafenbecken Wasser an den Rändern reflektiert und mit den Gegenwellen überlagert wird. Sie traf Tiberias mit voller Wucht und sorgte auch dort für Verwüstungen und Opfer.

Genau deshalb warnen Geologen seit Jahren, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Region erneut von einer derartigen Katastrophe betroffen sein werde. Die Bilanz wäre verheerend. In einem Bericht des Heimatfront-Kommandos aus dem Jahr 2016 heißt es, dass in Israel im Fall eines Erdbebens der Stärke 7,5 schätzungsweise 7.000 Menschen getötet, 8.600 verletzt und 377.000 obdachlos werden könnten. Hinzu würden sich Schäden in Höhe von bis zu 200 Milliarden Schekel, also mehr als 50 Milliarden Euro, addieren. Ferner gehe man davon aus, dass 28.600 Gebäude zerstört und 290.000 Gebäude leicht beschädigt werden, wobei über 170.000 Menschen langfristig ihr Zuhause verlieren. Auch die Infrastruktur wäre stark betroffen. Sowieso entsprächen 80.000 Gebäude, darunter viele Schulen und Krankenhäuser, die mehr als drei Stockwerke hoch sind und vor 1980 gebaut wurden, nicht einmal den Minimalstandards, wenn es um Erdbebensicherheit geht. Eigentlich müsste man diese 80.000 Gebäude mit etwa 300.000 Wohnungen sofort abreißen, weil sie bei leichtesten Erschütterungen ohnehin in sich zusammenfallen könnten, wie kürzlich der Fall eines Wohnhauses in Holon zeigte, das gerade noch rechtzeitig von seinen Bewohnern verlassen werden konnte, bevor es dann einstürzte.

Alle wissen seit Jahrzehnten um die Missstände und die desolate Bausubstanz vieler nicht nur älterer Häuser. Doch geschehen ist bis dato wenig. Zwar hatte das Wohnungsbauministerium im August 2020 großspurig verkündet, dass man nun 5 Milliarden Schekel, ungefähr 1,3 Milliarden Euro, bereitstellen würde, um die Strukturen von Gebäuden zu verstärken und damit erdbebensicherer zu machen. Doch bis dato sind nur sieben Millionen Schekel, also nicht einmal 1,8 Millionen Euro, für entsprechende Maßnahmen ausgegeben worden. Und das Ministerkomitee, das über die Vorbereitungen für einen solchen Ernstfall zu bestimmen hat, kam das letzte Mal 2014 zusammen – auch das ein Indiz für das mangelnde Bewusstsein für die Gefahren auf Seiten mancher Verantwortlicher. „Wir brauchen weniger Worte und Warnungen, wir brauchen sofortiges Handeln“, forderte denn auch vor wenigen Tagen Verteidigungsminister Benny Gantz auf einem Treffen der Nationale Behörde für Notfallmanagement. Anders als im Fall der Corona-Pandemie lägen die Fakten seit vielen Jahren auf dem Tisch – doch bei der Konzeption und Umsetzung von Schutzmaßnahmen hapert es weiterhin gewaltig. Mit eine Ausnahme: 2019 konnte das „Truah Projekt“ vollendet werden. Dabei handelt es sich um ein Erdbebenfrühwarnsystem mit 120 Stationen entlang einer 400 Kilometer langen Linie vom Nord entlang des Toten Meeres bis hin in den Süden.

Und eines weiß man ebenfalls. Sollte sich wirklich in den kommenden Jahren das ganz große Beben ereignen, dann gibt es nicht nur einige Tausend Tote und Verletzte sowie unzählige Obdachlose. Es steht viel mehr auf dem Spiel, nämlich die Existenz des Staates selbst. Denn sollte danach wirklich vielerorten die Infrastruktur zerstört sein, wovon alle Experten ausgehen, könnte das einige Feinde Israels, allen voran den Iran, auf den Plan bringen, diese Situation auszunutzen, um durch gezielten Terror oder militärische Interventionen seiner Marionetten Hisbollah und Hamas das Land entscheidend zu schwächen. Die Ignoranz von heute gegenüber Naturkatastrophen wie Tsunamis oder Erdbeben würde sich dann bitter rächen.

Bild oben: Ein zerstörtes Gebäude im russisch-orthodoxen Kloster St. Eleon am Ölberg in Jerusalem nach dem Erdbeben am 11. Juli 1927

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