Adam, wo bist du?

„Stellen Sie sich vor, Jesus hätte 1938 während der NS-Zeit gelebt. Was wäre mit ihm geschehen?“ Mit dieser fiktiven Frage lädt die Künstlerin Ilana Lewitan uns zu einer Reise durch ihre raumgreifende Installation ein. Was bedeutet selbstgewählte Identität? Und welche Identität wird jemandem von außen zugewiesen? Mit diesen Fragestellungen weist die Künstlerin auf Gemeinsamkeiten und Bruchstellen zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen In- und Ausländer*innen, zwischen Migrant*innen und Einheimischen, zwischen Privilegierten und Benachteiligten hin.

Adam, wo bist du? ist ein Experiment, bei dem Besucher*innen sich neu erfahren können. Die Kunstinstallation war zuletzt im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München zu sehen. Trotz der Pandemie haben 10.000 Besucher*innen die Ausstellung in München gesehen. Anläßlich des Festjahres #2021 Jüdisches Leben in Deutschland kommt die Ausstellung ab 11. Oktober, begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm, auch nach Berlin.

Im Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ blickt Ilana Lewitan auf ihre eigene Geschichte als Jüdin in Deutschland. Und nicht nur das. Bekannte Persönlichkeiten anderer Glaubensrichtungen finden ebenso einen Platz in der künstlerischen Auseinandersetzung zu Diskriminierung und „Andersartigkeit“, darunter Düzen Tekkal, Ahmad Mansour und Wolfgang Huber.

In ihrer 10 Stationen umfassenden Installation verknüpft die Künstlerin Vergangenheit und Gegenwart und stellt das Thema der Identität in den Kontext einer zeitgemäßen und zukunftsgewandten Erinnerungskultur. Die eigens für die Ausstellung komponierte Musik ist ein musikalischer Dialog zwischen dem französischen Elektrokomponisten Philippe Cohen Solal (Gotan Project) und dem israelischen Dirigenten und Akkordeonisten Omer Meir Wellber.

„Menschen wurden und werden aufgrund ihrer Identität vertrieben, verbannt, vernichtet. Mir geht es bei dieser Ausstellung um existenzielle Fragen: Bin ich frei, meine Identität selbst zu bestimmen, oder wird sie mir auferlegt? Verhalten sich Menschen solidarisch, wenn jemand ausgegrenzt und verfolgt wird? Wer zeigt Zivilcourage, wenn Grundrechte verletzt werden? Diese Themen sind für mich als Tochter von Shoah-Überlebenden und als Künstlerin von zentraler Bedeutung. Menschen, ebenso wie die Kunst, haben ein Recht auf freie Entfaltung.“ Ilana Lewitan im Gespräch mit Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des Tagesspiegels

Parochialkirche, Berlin Mitte
12. Oktober bis 14. November 2021

Während der Ausstellung wird ein umfangreiches Begleitprogramm mit Künstlerführungen und Podiumsdiskussionen angeboten.

BEGLEITPROGRAMM
Montag, 11. Oktober
18.00 bis 18.45 Uhr: Führung mit der Künstlerin durch die Ausstellung

19.00 Uhr: DISKUSSION SCHWERPUNKT „KUNST“
„Wie weit darf, wie weit muss Kunst gehen?“
Identität und Fiktion in Ilana Lewitans Kunstinstallation „Adam, wo bist du?“
Gäste: Sherry Hormann, Film- und Fernsehregisseurin; Dr. Cathrin Klingsöhr-Leroy, Direktorin Franz Marc Museum; Ilana Lewitan.
Moderation: Florian Illies, Kunsthistoriker, Journalist und Buchautor

Sonntag, 24. Oktober
11 Uhr: DISKUSSION „DREI GENERATIONEN IM DIALOG“
Ein Gespräch u.a. mit Dr. h. c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern; Anna Staroleski, Präsidentin der Jüdischen Studierenden­union Deutschland (JSUD), Ilana Lewitan.
Moderation: Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des Tagesspiegels

Dienstag, 2. November
18.00 bis 18.45 Uhr: Führung mit der Künstlerin durch die Ausstellung
19 Uhr: DISKUSSION SCHWERPUNKT „RELIGION“
Gäste: Rabbiner Prof. Walter Homolka, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Huber, Düzen Tekkal (angefragt) Ilana Lewitan.
Moderation: Evelyn Finger, DIE ZEIT

Mittwoch, 3. November
15.30-16.30 Uhr: Führung mit der Künstlerin durch die Ausstellung
Parochialkirche

17.30 Uhr: DISKUSSION
Urania Berlin
„Das Schicksal Jesu 1938 im Deutschen Reich?“
Dr. Manfred Osten im Gespräch mit Ilana Lewitan.

Eintritt frei. Einlass jeweils 30 min vor Beginn.
Anmeldung erbeten unter: berlin@ilana-lewitan.de
Weitere Veranstaltungen folgen.

Ilana Lewitan wurde 1961 in München geboren. Als Tochter polnischer Shoah-Überlebender kennt sie die Zufälligkeit von selbstbestimmter und zugewiesener Identität: Im Gegensatz zu ihren Eltern hatte sie das Glück, zufällig „in der richtigen Zeit“ geboren zu sein, in der ihre jüdische Religionszugehörigkeit kein Problem oder gar ein Risiko darstellte. Dennoch wurde sie sich bald der Zuschreibungen von außen bewusst, umso mehr, als ihr klar wurde, dass der ans Kreuz genagelte Jesus ein Jude war, wie eng sich Christentum und Judentum aufeinander beziehen. Daraus entstand der Gedanke zu dieser Installation.

Ilana Lewitan studierte Innenarchitektur und Architektur an der TU München. Von 1988 bis 1992 arbeitete sie als Architektin und freie Illustratorin in New York, u.a. bei Richard Meier Architects & Partners und Dakota Jackson. Anschließend studierte sie bei Hans Daucher und Markus Lüpertz Malerei. Seit 1995 ist sie freischaffende Künstlerin. Seit 2012 ist sie auch als Dozentin tätig. Ilana Lewitan lebt und arbeitet in München.

Weitere Informationen zur Ausstellung:
https://www.ilana-lewitan.de/de/installationen/adam-wo-bist-du-berlin/

Fotos: © Ilana Lewitan, Fotograf: Wolf-Dieter Böttcher

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