Einwände gegen die Shoah-Relativierung im Post-Kolonialismus  – ein neues Jahrbuch

In der ersten Ausgabe der „Hallischen Jahrbücher“ sind „Die Untiefen des Postkolonialismus“ das Schwerpunktthema, wobei insbesondere die Gleichsetzung von Kolonialverbrechen und Shoah kritisch untersucht wird. Man findet darüber hinaus aber auch noch zahlreiche andere reflexionswürdige Beiträge, die auch, aber nicht nur um die identitätspolitische Debatte kreisen und hier für kritische Stimmen von links stehen.

Von Armin Pfahl-Traughber

Die Auffassung, dass die Shoah ein historisch singuläres Verbrechen war, hat nichts mit Opferkonkurrenzen zu tun. Dies legen aktuell diverse Akteure aus dem Bereich des „Post-Kolonialismus“ nahe. Denn ihnen geht es darum, eine Gleichsetzung der deutschen Kolonialverbrechen mit eben der späteren Shoah vorzunehmen. Dagegen sprechen zahlreiche historische Detailaspekte, die eben nichts mit politischen Bekenntnissen zu tun haben. Gleichwohl gibt es aktuell eine Relativierung der Singularitätsthese, diesmal politisch nicht von rechts, sondern von links. Aus dieser politischen Blickrichtung gibt es daran aber auch inhaltliche Kritik, wovon viele Beiträge des ersten Bandes der „Hallischen Jahrbücher“ zeugen. Der Titel mag für eine Zeitschrift irritieren. Denn zwischen 1838 und 1841 erschienen solche Bände unter der damaligen Herausgeberschaft von Arnold Ruge, einem frühen Kompagnon von Karl Marx. Sie verstanden sich als kritisches Forum, welches Beiträge aus Gesellschaft und Politik mit Literatur und Unterhaltung verband.

Ähnlich ausgerichtet sind die neuen „Hallischen Jahrbücher“. Deren erste Ausgabe erschien unter der Herausgeberschaft des Historikers Jan Gerber – und zwar zum Schwerpunktthema „Die Untiefen des Postkolonialismus“. Zahlreiche Beiträge thematisieren die erwähnte Debatte, die um Kolonialismus und Shoah im Zusammenhang kreist. Dabei formulieren die Autoren gegenüber den post-kolonialen Diskursen kritische Stellungnahmen, insbesondere aber weil sie den Antisemitismus relativeren und stereotype  Israelbilder vermitteln. Dies geschieht durchweg von guten Kennern der Materie, die beachtenswerte Argumente vortragen und nicht nur Polemiken aneinander reihen. Der Herausgeber formuliert die kritische Linie gegen die post-koloniale Linke wie folgt: „Damit reduzieren sie den Antisemitismus auf eine Spielart des Rassismus. Zugleich signalisieren sie, dass die Fähigkeit schwindet, zwischen Antisemitismus und Rassismus, dem Nationalsozialismus und den Kolonialregimen, dem Holocaust und anderen Verbrechen zu differenzieren“ (S. 26).

Dann folgen mal längere Aufsätze, mal kürzere Beiträge zu solchen Inhalten, wobei hier der Hinweis auf die jeweiligen Themen als Überblick genügen mag: Es geht um Antisemitismus und Rassismus im Verhältnis, die post-kolonialtheoretischen Deutungen des Holocaust, die Frage der Kontinuität von kolonialen und nationalsozialistischen Lagern oder Achille Mbembes Sicht auf Judentum und Shoah. Man findet darüber hinaus auch viele Beiträge, die Randaspekte dieses Themas streifen. So werden etwa Auszüge aus einer Broschüre über den Mufti von Jerusalem nachgedruckt, also jenen Kollaborateur mit den Nationalsozialisten, der dann auch ein erklärter Feind des noch jungen Staates Israel wurde. Oder es erfolgt eine interessante Analyse des Buchs „Orientalismus“ von Edward Said, gilt dies doch als Gründungsdokument des Postkolonialismus, aber mit auffälligen Leerstellen zur deutschen Orientalistik. Die Deutung dazu muss man nicht in der Gesamtheit teilen, gleichwohl leigt hier wie mit vielen anderen Beiträgen ein reflexionswürdiger Text vor.

Dies gilt auch für andere Aufsätze, etwa den Übersetzungen. Dazu gehört auch eine Abhandlung von Vivek Chibbers, einem bekannten US-Marxisten, der dem Postkolonialismus gegenüber dem Universalismus einen philosophischen Verrat vorwirft. Auch die zum identitären Antirassismus enthaltenen Kritiken von Cedric Johnson und Adolph Reed Jr. liegen so erstmals auch in deutscher Sprache vor. Die polarisierte Debatte kann durch solche wichtigen Stimmen nur bereichert und versachlicht werden. Ob man indessen auch die abgedruckten Erzählungen und Gedichte in das Jahrbuch hätte aufnehmen müssen, das kann mit guten Gründen kritisch hinterfragt werden. Ähnliches gilt für manche eher kürzeren Kommentare. Dabei verdient aber der Beitrag besonderes Interesse, der sich auf den islamistischen Anschlag in Dresden auf zwei Homosexuelle bezieht. Berechtigterweise beklagt der Autor das öffentliche Desinteresse daran, gab es doch von der Linken wie von der Politik nur wenige Resonanzen. Auch auf so etwas weist das Jahrbuch kritisch hin.

Jan Gerber (Hrsg.), Die Untiefen des Postkolonialismus, Hallische Jahrbücher #1, Berlin 2021 (Edition Tiamat), 426 S., Bestellen?

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