Antisemitische Verschwörungsmythen in Zeiten der Coronapandemie: Das Beispiel QAnon

Das American Jewish Committee Berlin hat heute im Rahmen einer Pressekonferenz mit Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und Benjamin Strasser MdB eine Untersuchung mit dem Titel „Antisemitische Verschwörungsmythen in Zeiten der Coronapandemie: Das Beispiel QAnon” vorgestellt. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (Bundesverband RIAS) hat die Untersuchung im Auftrag des American Jewish Committee Berlin Ramer Institute erstellt…

Historisch waren politische und ökonomische Krisen stets von einer Zunahme des Antisemitismus begleitet. Es ist daher keineswegs überraschend, dass dies auch während der Coronapandemie beobachtet werden konnte, so erreichte die Zahl antisemitischer Straftaten mit 2.351 den höchsten Stand seit dem Beginn ihrer Erfassung im Jahr 2001. Insbesondere mit Beginn der staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wurden antisemitische Stereotype und Ressentiments immer offener artikuliert.

Dr. Remko Leemhuis, Direktor des American Jewish Committee Berlin zur Gefährdungslage: „Wir können nur eindringlich davor warnen, dieses Protestgeschehen und seine Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu unterschätzen. Die Attentäter von Halle und Hanau, wie auch der Mörder von Walter Lübcke haben ebenfalls Verschwörungsmythen angehangen, wie sie seit Pandemiebeginn auf den sogenannten Hygienedemonstrationen oder im virtuellen Raum von den Protagonistinnen und Protagonisten geäußert wurden.”

Leemhuis weiter: „An dieser Stelle soll indes betont werden, dass, auch wenn die Proteste weitgehend von rechtsextremen Kräften dominiert worden sind, dort ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Zahl von Personen aus dem bürgerlichen Spektrum teilgenommen hat, die sich entweder am offensichtlichen Antisemitismus nicht gestört oder diesen sogar geteilt haben.”

Daniel Poensgen, wissenschaftlicher Referent des Bundesverbands RIAS, leitete die Erstellung der Studie. Er fasst die Entwicklungen folgendermaßen zusammen: „Antisemitische Verschwörungsmythen erlebten in Zeiten der Coronapandemie eine starke Konjunktur. Vorstellungen von einer geheimen Einflussnahme der Jüdinnen_Juden auf Politik, Medien und Wirtschaft wurden nicht nur im Zuge der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung, sondern auch jenseits davon artikuliert und von Jüdinnen_Juden in ganz alltäglichen Situationen wahrgenommen.”

Die Studie richtet ein besonderes Augenmerk auf den Verschwörungsmythos QAnon, der im Zuge der Pandemie besonders populär wurde. Doch nicht nur seine Verbreitung ist der Anlass, diesen Mythos näher zu betrachten. QAnon ist auch ein Beispiel dafür, wie sich antisemitische Ideen im Zeitalter der Sozialen Medien über Ländergrenzen hinweg verbreiten und wie sich ihre Anhängerinnen und Anhänger vernetzen. Es unterstreicht auch, dass die Bekämpfung des Antisemitismus ebenso grenzüberschreitend geschehen muss.
Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau plädiert: „Es bedarf der breiteren Aufklärung über die Mechanismen zur Verbreitung von Verschwörungsmythen und über die Gefahren, welche von ihnen für die Demokratie ausgehen. Wir alle müssen die Perspektive der Betroffenen viel stärker in den Blick nehmen. Dazu gehört auch, dass die Zivilgesellschaft nicht wegschaut, sondern den Verfassungsschutz im Wortsinne in die eigenen Hände nimmt. Die vorliegende Studie gehört genauso in die Aus- und Weiterbildung von Polizei und Justiz, wie auch von PädagogInnen.“

Benjamin Strasser, Bundestagsabgeordneter der FDP, sieht dringenden Handlungsbedarf: „Nicht erst seit den Corona-Protesten ist klar: Wo Verschwörungserzählungen verbreitet werden, ist meist Antisemitismus nicht weit. Dagegen muss jeder von uns aktiv werden und antisemitischen Erzählungen widersprechen, wo es nur geht.”

ZUR STUDIE

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