Bayern München, die Liebe und der Fußball

Landauers Lebensbericht und Briefwechsel mit seiner Geliebten veröffentlicht

„Glaube mir geliebte Maria, wäre dieser unheilvolle 30. Januar 1933 nicht gewesen, wir wären niemals auseinandergekommen und wären weiterhin glücklich miteinander geblieben“, schrieb der langjährige Bayern-Präsident Kurt Landauer am 27. Januar 1947 an Maria Baumann. Ein halbes Jahr später kehrt er nach acht Jahren Exil in der Schweiz zurück nach Bayern. Landauer gehört zu den wenigen deutschen Juden, die sich entschieden hatten, einen Neuanfang in der alten Heimat zu wagen, obwohl sie von der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt, gedemütigt und verfolgt worden waren.

Kurt Landauer hatte Fußballgeschichte geschrieben. Als Präsident führte er den FC Bayern München 1932 zum ersten Mal zur Deutschen Meisterschaft. Seit Anfang der Jahrhundertwende gehörte er dem Verein an – zunächst als Spieler, später als Funktionär, der die Professionalisierung des Fußballsports vorantrieb.

Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten war Kurt Landauer gezwungen, seinen Posten als Fußballpräsident aufzugeben. Auch seine berufliche Existenz war ruiniert – er verlor seine Anstellung bei den „Münchner Neueste Nachrichten“. Landauer versucht sich als Versicherungsvertreter und kommt schließlich in einer Wäschefabrik unter. Am Morgen nach der Pogromnacht im November 1938 wird er ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Nach seiner Entlassung gelingt ihm mit Hilfe einer Freundin 1939 die Flucht in die Schweiz. Zurück muss er seine große Liebe lassen, das christliche Hausmädchen Maria Baumann. Die Beziehung zu ihr war mehr als schwierig, da über dem Paar stets das Damoklesschwert der „Rassenschande“ schwebt.

Im Exil beginnt Landauer einen Bericht über sein Leben zu schreiben, in dem er Maria Baumann bittet ihn zu heiraten. Dreimal beginnt er und verwirft oder korrigiert den Text, bis im Oktober 1944 die letzte Fassung entsteht. Ein 77-seitiger handschriftlicher Lebensbericht. Landauer skizziert zunächst die Geschichte seiner Familie, die sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Sein Vater erhielt 1884 das Bürgerrecht der Stadt München und eröffnete ein Textilgeschäft. Otto Landauer gehörte zum gutsituierten Bürgertum und pflegte Kontakte in die Kunst und Literaturszene. Sohn Kurt erlebte eine unbeschwerte Kindheit und kämpfte als deutscher Patriot wie so viele Juden im Ersten Weltkrieg. Bereits 1904 engagierte er sich als ehrenamtlicher Funktionär beim FC Bayern.

In seiner Amtszeit vervierfachte sich die Mitgliederzahl des Vereins von 400 bis Ende der 1920er-Jahre auf 1.600 – unter die katholische Mehrheit mischten sich nun Protestanten und auch jüdische Mitglieder. Als nichtreligiöser, assimilierter Jude stellte für Kurt Landauer die Nichtbeachtung der Schabbatruhe kein Problem dar. Somit gab es keine Konflikte mit dem Verein, da die meisten Spiele am Samstag stattfanden. Doch sein Bericht ist nicht nur ein interessantes zeitgeschichtliches Dokument, sondern erzählt vom Leben und Leiden eines jüdischen Emigranten: „Weißt Du, was es heißt, wenn man in reiferen Jahren plötzlich heimatlos geworden ist, wenn man seine Nationalität verlieren muss und nun auf einmal staatenlos geworden ist?“, wendet er sich fragend an Maria Baumann. „Weißt Du, was es heißt, in einem fremden Lande auf Ruf – und Widerruf – leben zu müssen, keine Möglichkeit zu haben, sich auch nur einen Groschen zu verdienen? Nein, Maria, das alles weißt Du nicht, dank’s Deinem Herrgott, dass Du eine Heimat hast, dass Du weißt, wohin Du gehörst und dass Du Herr Deiner selbst bist, wenngleich auch die Lebensbedingungen für Dich nur allzu oft unerträglich harte sind.“

Neben diesem biografischen Text sind 25 Briefe zwischen Kurt und Maria erhalten, in denen sich die Alltäglichkeit zweier Schicksale mit der Weltgeschichte verflechten. „Es war ein unglaublicher Moment für mich“, sagt die stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums München, Jutta Fleckenstein, im Gespräch mit haGalil, „als mir die Briefe von Kurt Landauer und Maria Baumann gezeigt wurden, ich war elektrisiert – ein ausgesprochener Glückfall für unser Haus!“ Über Landauers Leben wurde in den letzten Jahren viel berichtet – in Film, Funk und Fernsehen. Der Tenor dieser Veröffentlichungen war unisono, dass Landauer aufgrund seiner Leidenschaft für den Fußball und dem FC Bayern nach München zurückgekehrt sei. Weit gefehlt: Seine unbändige Liebe zu Maria, die er später dann auch heiratet, war der Grund für das Wagnis, sich ins Land der Dichter und Henker zu begeben. Vor seiner Abreise schreibt er an seine Geliebte: „Du, Maria, Du wirst mich niemals enttäuschen, Du nicht. Denn Du bist ein so feiner, so über alle Maßen im Denken und Handeln anständiger Mensch, dass man sich aufrichten kann an Dir und ich weiß auch, dass Du alles tun wirst, um mir das Einleben so leicht zu machen, als es nur gehen wird. Ich vertraue so restlos auf Dich, mein Gutes.“ Am 26. Juni 1947 kam Kurt Landauer nach München zurück. Noch im selben Jahr wurde er erneut zum Präsident des FC Bayern gewählt. Das Amt übte er bis 1951 aus.

Nun liegen diese Dokumente aus der Zeit der Verfolgung und des Exils in Buchform vor. Ein bemerkenswerter Briefwechsel, der neue intime Schlaglichter auf verbotene Gefühle in Zeiten des Nationalsozialismus wirft und die Verzweiflung eines Geflüchteten manifestiert. Die zärtlichen und hoffnungsvollen Zeilen aus der Feder Kurt Landauers zeichnen eine deutsch-jüdische Liebe nach, die trotz Ausgrenzung, Vertreibung und Emigration ein glückliches Ende im von der nationalsozialistischen Barbarei befreiten München findet. Jutta Fleckenstein hat in Kooperation mit der Gründerin der Literaturhandlung Rachel Salamander dieses Selbstzeugnis hervorragend auf der Basis ausgiebiger und akribischer Archivrecherchen kommentiert sowie editiert und führt den Leser mit sicherer Hand durch ein verdrängtes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein reichbebildertes, aufschlussreiches und spannendes Buch nicht nur für Bayern-Fans. – (lf)

Jutta Fleckenstein/Rachel Salamander (Hg.), Kurt Landauer – Der Präsident des FC Bayern: Lebensbericht und Briefwechsel mit Maria Baumann, Berlin 2021, 379 Seiten, 28 €, Bestellen?

Bild oben: Passbilder von Maria Baumann und Kurt Landauer, Fotos: Jüdisches Museum München

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