Israelbezogener Antisemitismus – Antisemitismus unter Muslimen?

Mittlerweile herrscht zwischen Israel und der Hamas im Gaza Streifen eine Waffenruhe. Unter der Oberfläche brodelt es allerdings weiter gewaltig, nicht nur in Israel, wie die antisemitischen Demonstrationen der vergangenen Woche gezeigt haben. Die Bestürzung war groß. Dabei war es vorhersehbar und das nicht erst seit der letzten israelischen Militäroperation 2014. Jüdinnen und Juden waren wenig überrascht, wohl aber vom Ausmaß und aggressivem Ton dieser Demos. Mit was genau haben wir es zu tun?

Ein Gespräch mit dem Extremismusexperten Armin Pfahl-Traughber

Was genau haben wir denn nun erlebt auf diesen Demos?

Es gab ja ganz unterschiedliche Demonstrationen, angemeldete wie nicht angemeldete, eindeutig antisemitische wie nicht so eindeutig antisemitische, alle aber dezidiert israelfeindlich ausgerichtet. Die letztgenannte Formulierung, also eben „israelfeindlich“, meint, dass hier nicht nur die gegenwärtige Politik der israelischen Regierung kritisiert wurde. Es gab darüber hinausgehende Aussagen, die man zumindest als Forderung zur Auflösung des Staates Israel lesen kann. Dies schließt die Parole „Palästina soll frei sein, vom Fluss bis zum See“ objektiv ein. In Gelsenkirchen kamen über hundert Personen zusammen und riefen mehrfach „Scheißjuden, Scheißjuden, Scheißjuden“. Eine Aufzeichnung davon findet man problemlos im Internet. Sie dokumentiert eindeutig Antisemitismus. In anderen Fällen wird eine solche Prägung eher indirekt deutlich. Viele Ansammlungen von Demonstranten fanden vor Synagogen statt. Doch was haben in Deutschland lebende gläubige Juden mit den Entscheidungen der israelischen Regierung zu tun? Es gibt nur die Gemeinsamkeit einer jüdischen Prägung. Und insofern macht die Auswahl von solchen Demonstrationsorten deutlich, dass hier objektiv die Fiktion von einem „Weltjudentum“ als zumindest latente Vorstellung präsent war. Es gab darüber hinaus aber auch Gewalthandlungen und Sachbeschädigungen. In Bonn warfen etwa drei junge Syrer gezielt Steine in den Eingangsbereich des dortigen jüdischen Gemeindezentrums. Bislang ist übrigens noch nicht so richtig klar, wer die Demonstranten in der Gesamtschau genau waren.

Es geht hier nicht um Einzelpersonen, sondern um Gruppen. Diesmal waren etwa auffällig viele türkische Flaggen zu sehen, was bei früheren Gelegenheiten so nicht der Fall war. Auch wenn Anhänger der rechtsextremistischen „Grauen Wölfe“ mit präsent waren, gab es wohl auch viele türkischstämmige Demonstranten ohne solche Zugehörigkeiten. In der Gesamtschau muss man wohl von einer heterogenen Zusammensetzung ausgehen. Diese Einsicht kann indessen nicht beruhigen, denn demnach kamen die Demonstranten aus unterschiedlichen Milieus.

Es scheint mir so, dass in Deutschland das Kind nicht gerne beim Namen genannt wird. Gibt es denn muslimischen Antisemitismus? Ist dieser Teil des israelbezogenen Antisemitismus oder als separate Ausprägung zu betrachten?

Leider richten auch Antisemitismusforscher ihren Blick nicht so intensiv in Richtung der Muslime, wofür es die unterschiedlichsten Gründe gibt. Dazu gehört auch, dass sie deren Diskriminierung in der Gesellschaft nicht indirekt befördern wollen. Außerdem bedient sich die AfD des Themas. Denn die rechtsextremistische Partei suggeriert, dass es Antisemitismus kaum noch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft geben würde, sondern ein Problem durch Flüchtlinge und Muslime sei. Indessen sollten sich Betrachter davon nicht abschrecken lassen, dass die AfD hier bedenkliche Entwicklungen für sich politisch zu instrumentalisieren versucht. Es gibt denn auch Antisemitismus unter Muslimen, der sogar in den individuellen Einstellungen dort stärker als der in der Mehrheitsgesellschaft ausgeprägt ist. Dies machen diverse Befragungen deutlich, die in unterschiedlichen europäischen Ländern durchgeführt wurden. Doch wie soll das Gemeinte genannt werden?

Ich hatte daher ganz bewusst von „Antisemitismus unter Muslimen“ gesprochen. Handelt es sich dabei um einen „islamischen Antisemitismus“ oder um „einen islamisierten Antisemitismus“ oder dann doch um einen „muslimischen Antisemitismus“. Hinter der jeweiligen Begriffswahl stehen auch Deutungskonflikte und Relativierungen. Denn der Blick auf die ideengeschichtliche Entwicklung des Islam zeigt, dass ihm von Anfang an – ebenso übrigens wie dem Christentum – eine judenfeindliche Dimension eigen war. Diese wurde ab Mitte des 19. Jahrhundert durch inhaltliche Bestandteile des europäischen Antisemitismus aufgeladen und ab 1948 durch eine israelfeindliche Komponente verstärkt. Der Antisemitismus unter Muslimen ist indessen nicht nur durch die Frontstellung gegen den jüdischen Staat geprägt. Diese Ausrichtung geht mit vielen anderen Bestandteilen anderen Formen der Judenfeindschaft einher, etwa bezogen auf eine angebliche „jüdische Macht“ mit einschlägigen Verschwörungsideologien. Jüngst kann man sogar rassistische Aussagen im klassischen Sinne hören, wenn etwa im Blut der Juden die Ursache für ihr angebliches Vernichtungsdenken gesehen wird.

Woher kommt der Antisemitismus in der muslimischen Community? Bei jenen, die schon in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben? Wieso wird der Hass auf Israel in Deutschland weiter gepflegt?

Es gibt die erwähnten judenfeindlichen Prägungen aus der Frühgeschichte des Islam. Sie beziehen sich auf die Deutung der Konflikte, die Mohammed mit drei jüdischen Stämmen gehabt haben soll. Daraus leiten sich auch abwertende Aussagen gegen Juden aus dem Koran ab. In den Hadithen findet man darüber hinaus noch ganz andere judenfeindliche Stereotype. Diese müssten keineswegs allen Gläubigen direkt bekannt sein, gleichwohl werden entsprechende kulturelle Prägungen latent oder manifest über die Zeit weiter gegeben. Das kennt man auch aus der Geschichte der christlich geprägten Judenfeindschaft. Und aus einer latenten Einstellung wird dann mitunter eine manifeste Handlung, wenn es einen Bezugspunkt auf den Nahost-Konflikt mit Israel als angeblich Schuldigem für viele Verwerfungen geht. Wie es um die Entwicklung von Einstellungen der zweiten und dritten Generation der muslimischen Einwanderer steht, lässt sich darüber hinaus mangels entsprechender quantitativer Studien nicht sagen. Hier gibt es in der Forschung großen Nachholbedarf. Ganz allgemein ist aber feststellbar, dass Israel wie in vielen arabischen Ländern als ein bequemes Feindbild dient. Man kann viele selbstverschuldete Probleme auf den Staat schieben und somit von den eigentlichen Verantwortlichen ablenken.

Welche Rolle spielen die Türkei und der Iran in diesem Zusammenhang?

Bekanntlich hat der Iran nach der „islamischen Revolution“ in Israel den „kleinen Satan“ gesehen. Die Auffassung, Israel solle vernichtet werden, gehört zur dortigen Staatsdoktrin. Und dann fördert man auch gewaltorientierte Gruppen wie etwa die Hizb‘ Allah im Libanon, aber mittlerweile auch die Hamas, obwohl diese eine sunnitische Prägung hat. Indessen eint die Israelfeindlichkeit. Und daher kommt dem Iran hier schon eine hohe Relevanz bei der Verschärfung zu. Bei der Türkei verhielt es sich lange anders, obwohl der dortige Islamismus auch eine antisemitische Prägung aufwies, gleichwohl nicht so stark wie in den arabischen Ländern. Dies verstärkte sich aber in den letzten Jahren, wo judenfeindliche Stereotype immer mehr in Medien und Öffentlichkeit vorkamen. Einen weiteren Höhepunkt hierzu lieferte jüngst Erdogan. Er erklärte Israel zum „Terrorstaat“. Dessen Agieren gegen die Palästinenser liege „in der Natur“ der Israelis: Sie seien Mörder, sie töteten Kinder, die fünf oder sechs Jahre alt seien. Sie seien erst zufrieden, wenn sie ihr Blut aussaugten. Zutreffend kritisierten die USA Erdogans Äußerungen als antisemitisch. Da er nun unter den in Deutschland lebenden Türken eine noch größere Wertschätzung als in der Türkei selbst genießt, können derartige Aussagen eine fatale Langzeitwirkung zugunsten von judenfeindlichen Vorurteilen haben.

Prof. Dr. phil. Armin Pfahl-Traughber, Politikwissenschaftler und Soziologe, ist hauptamtlich Lehrender an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl und gibt ebendort das „Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung“ heraus. Er gehörte den beiden „Unabhängigen Expertenkreisen Antisemitismus“ des Deutschen Bundestages an.