Jude ist kein Schimpfwort

Bücher zu Antisemitismus erscheinen gerade im wöchentlichen Takt. Das ist einerseits erfreulich, andererseits wird es schwierig den Überblick zu behalten. Und nicht alle Bücher bringen neue Erkenntnisgewinne. Definitiv zu empfehlen ist das neue Buch der Wiener Journalistin und Autorin Alexia Weiss mit dem treffenden Untertitel „Zwischen Umarmung und Ablehnung“, das sich zwar vorwiegend dem jüdischen Leben in Österreich widmet, aber auch Lesern in Deutschland sehr empfohlen sei…

„Dieses Buch ist kein Buch über Antisemitismus. Oder: Es ist kein Buch ausschließlich über Antisemitismus, denn leider gibt es ihn und leider kann man ihn sich nicht einfach wegdenken. In diesem Buch will ich vor allem über die vielen kleinen Dinge erzählen, denen Juden und Jüdinnen in Österreich in ihrem Alltag begegnen“, so Alexia Weiss zu Beginn. 

Auch in Österreich melden jüdische Gemeinden vermehrt Belästigungen und Anfeindungen. Der Staat reagiert mit vermehrten Sicherheitsmaßnahmen und Gedenkveranstaltungen. Wie ist das mit einem normalen Leben für die Jüdinnen und Juden im Land zu vereinbaren? Wie schon der Untertitel verrät, legt die Autorin auch einen Schwerpunkt auf die besonderen Ambivalenzen, mit denen sich Jüdinnen und Juden im Land konfrontiert sehen. Zum einen gibt es eine übertriebene Sensibilität, fast schon Angst davor, diskriminierend zu agieren, aber zum anderen auch offenen Hass, der immer wieder auch in tätliche Übergriffe umschlägt.

Die Stärke des Buches liegt in den vielen persönlichen Aspekten und Geschichten, von Alltagssituationen und ihren Dilemmata, die die Autorin kurzweilig erzählt und die die ganze Problematik verständlich machen. Zusätzlich sind im Buch sieben Interviews mit unterschiedlichen jüdischen Persönlichkeiten enthalten, die ihrerseits verschiedene Strategien im Umgang mit Anfeindungen gefunden haben.

Immer wieder verweist und vergleicht Alexia Weiss auch mit dem jüdischen Leben in Deutschland. Für deutsche Leser und Leserinnen wird der Perspektivenwechsel einige interessante Aspekte bieten. So wie es etwa Rabbiner Schlomo Hofmeister im Interview zusammenfasst: „Ich empfinde es als noch nicht so unverkrampft, wie ich es mir wünschen würde, aber wesentlich natürlicher als in Deutschland. Das hat aber wiederum den Nachteil, dass antisemitisches Gedankengut weniger tabuisiert wird und in der Folge auch gesellschaftsfähiger“.

Unbedingte Leseempfehlung!

Alexia Weiss, Jude ist kein Schimpfwort. Zwischen Umarmung und Ablehnung. Jüdisches Leben in Österreich, Kremayr & Scheriau 2021, 192 S., Bestellen?

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