Paraschat haSchawua: Tsav

Der kommende Sonntag ist der erste Tag des Pessach, des Feiertags, der acht Tage dauert. Wie wichtig die Tradition für die Juden (vermutlich auch für die meisten Menschen) ist, kann man am besten am Vorabend des ersten Tages beobachten; wenn man die Autoschlangen sieht, die von Jerusalem nach Tel Aviv und in umgekehrter Richtung zur Familienfeier und zum großen Schmaus eilen. Ein fröhliches Beisammensein, mit viel Lob und Gesang und Dank für die Befreiung der Israeliten aus der Ägyptischen Knechtschaft und ihre Führung in die Freiheit und in ein eigenes Land.

Levitikus, Kap. 6-8 Parascha Tsav Schabbat 27. März 2021

Es bleibt auch nicht aus, dass mit großer Genugtuung der Strafen, die von Gott auf die Ägypter niedergegangen sind, die sogen. Plagen mit ihren Leiden, die man sich nur mit Schauern ausmalen kann, gedacht und Gott gedankt wird. Dass die meisten Teilnehmer an diesen ausgelassenen Feierlichkeiten säkulare Juden sind, ist lediglich deshalb erwähnenswert, weil da noch ein anderer Aspekt zu Tage tritt, wo meine Kritik ansetzt.

Der Aspekt der Behandlung von Fremden. Die Tora, oder jedenfalls die Autoren, die die Tora im Namen Gottes schrieben, fanden es wichtig zu erwähnen, dass man Fremdlinge nicht schlecht behandeln soll, da man ja in Ägypten selbst schlechte Erfahrungen machte. „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland,“ (Lev. 19, 33). Im Wortlaut ähnliche Ermahnungen findet man auch im 2., 4. und 5. Buch Moses. Ferner wird das Thema auch bei den Propheten in diesem Sinn behandelt. Offensichtlich ist es erforderlich, die Menschen an ihre schlechten Erfahrungen zu erinnern, damit sie andere von solchen verschonen. Die Menschen haben diesbezüglich offensichtlich ein kurzzeitiges Gedächtnis. Insbesondere gehören schlechte Erfahrungen der Gemeinschaft in der 2. und 3. Generation zur Vergangenheit und finden keinen Niederschlag im gegenwärtigen Seelenleben.

Das kann man täglich vor Augen geführt bekommen, macht man sich die Mühe, die Nachrichten aus Israel zu verfolgen. In Israel als Nicht-Jude und ohne israelische Staatsangehörigkeit zu leben, kann unangenehm, unter Umständen riskant werden (dazu gehört auch ein exotisches Aussehen). Man muss zugeben, dass dieses Verhalten nicht ausschließlich bei israelischen Juden anzutreffen ist. Das ist auch anderswo zu beobachten.

Dass unangenehme Erfahrungen und Erinnerungen eines Volkes innerhalb von wenigen Generationen verdrängt werden, war offensichtlich auch den alten Gelehrten bewusst. R. Gamaliel sagt bereits im ersten Jahrhundert im Talmud: „Der Mensch muss sich wiederholt in jeder Generation so sehen, als ob er selbst aus Ägypten herausgekommen wäre“. Nicht die historische Tatsache des Auszugs und die Befreiung aus der Knechtschaft sind von Bedeutung, sondern vielmehr das eigene Bewusstsein, die eigene Erkenntnis des Leids unter den Bedingungen einer nationalen oder religiösen Minderheit soll zur Zurückhaltung führen, wenn man selbst in die Rolle des Stärkeren und Mächtigeren geraten ist.

Zu diesem Spruch von R. Gamaliel gab es und gibt es besonders jetzt Interpretationen, die den Sinn in das Mythische und religiös Spekulative verlegen. Maimonides (12. Jhdt.), der hervorragendste unter den theologischen Interpretatoren, verstand, was damit implizit gemeint war. Er fügte zum klaren Verständnis das folgende Zitat aus den Zehn Geboten aus dem Deuteronomium hinzu: „Denk daran, dass du Knecht in Ägyptenland warst und Gott dich von dort herausführte…“ (5. Moses 5, 15).

Erst wenn man sich jederzeit vergegenwärtigt, dass man keineswegs ein hochwertigerer Mensch ist als der andere, gehöre er auch einer anderen nationalen oder religiösen Gemeinschaft an, sei er in der gesellschaftlichen oder sozialen Skala noch so viel niedriger gestellt, kann man davon ausgehen, dass die Absicht der Tora, einen besseren Menschen aus dem ehemaligen Knecht zu schaffen, sich verwirklichen lassen wird.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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