Kulturgut Europas

Zuweilen ist in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus zu lesen, dass das Erinnern an die Shoah der Schlüssel hierfür sei. Ja. Die Erinnerung an die Shoah ist wichtig und elementar, weil sie zeigt, wohin Antisemitismus geführt hat. Ich lese dann zwischen den Zeilen, wenn man nur genug und richtig der Shoa erinnere, würde es irgendwann keinen Judenhass mehr geben. Ist dem so?

Ein Kommentar von Sigmount A. Königsberg

Judenhass ist keine Erfindung des 19./20. Jahrhunderts. Er war auch nach 1945 nie weg, er war immer präsent. Ja, auch und gerade in Deutschland.

Wir leben mit ihm seit 2000 Jahren, wenn nicht mehr.

Judenhass ist auch nicht etwas starres, Fixes, sondern passt sich chamäleonartig den gesellschaftlichen Erfordernissen an. 

Antisemitismus ist die älteste Sammlung von Verschwörungsmythen überhaupt. Kleine Auswahl? Bitte sehr:

Gottesmord, Kindesmord, Brunnenvergiftung, Wucher, Welt-/Geld-/Medien-/Politik-Beherrschung, Kapitalismus, Bolschewismus, Kolonialismus, Rassismus. Und nur Jüdinnen*Juden sind für den ungelösten Nahostkonflikt verantwortlich. Aktuell kommt Corona hinzu. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig.

Zu jeder aktuellen politischen & gesellschaftlichen Situation gibt es das passende antisemitische Mythos. Diese Mythen sind mit Bilder verbunden, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergetragen wurden und werden, mit im Grunde genommen nur geringfügigen Transformationen. Friedrich Hollaender textete vor rund 100 Jahren das zynisch-satirische Couplet „An allem sind die Juden schuld!“

Antisemitismus ist alter Wein, der immer wieder in neuen Schläuchen gereicht wird – und gehört somit zum Kulturgut Europas. Sozusagen zur kulturellen DNA Europas. 

Erst wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt und dann die entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden, um sowohl diese Mythen als auch Bilder anzugehen, könnte es vielleicht eine Chance geben. Dazu müssen die Menschen als Ganzes angesprochen werden. Das bisherige, rein kognitive Vorgehen war offensichtlich nicht zielführend.

Sigmount A. Königsberg (geb. 1960), Studium der Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Politikwissenschaft an der FU Berlin, ist Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen Antisemitismus.

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