Die Rettung in der Pizza-Schachtel

In Israel hat Lockdown Nummer Drei begonnen. Weil das Land als ‚Impf-Weltmeister‘ gehandelt wird, hoffen alle, dass dies der letzte sein wird. Doch bevor die Coronavirus-Pandemie endgültig Geschichte ist, wird den Israelis wohl noch viel Geduld abverlangt…

Von Ralf Balke

Corona-Versuchslabor Israel. In wohl keinem anderen Land liegen Licht und Schatten so eng beieinander wie im jüdischen Staat. Auf der einen Seite das eklatante Versagen der politischen Führung bei der Eindämmung der Pandemie und der Bewältigung ihrer Folgen im Sommer und Herbst. Auf der anderen Seite überraschte man alle Welt mit dem Tempo und der Effizienz, als es dann um das Impfen ging. Aber der Reihe nach: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag stolperte Israel erst einmal in den Lockdown, und zwar den dritten innerhalb von zehn Monaten. Zwei Wochen wird dieser wohl andauern. Denn wieder einmal drohte die Pandemie außer Kontrolle zu geraten. So war die Zahl der Neuinfizierten von wenigen hundert zu Beginn des Dezembers auf derzeit über 8.000 Personen pro Tag explodiert. Auch der Anteil der Covid-19-Positiven unter den Getesteten bewegt sich immer noch bei besorgniserregenden 6,2 Prozent und mehr. Erneut müssen also Schulen und Geschäfte, die nicht unmittelbar für die Versorgung der Bevölkerung notwendig sind, schließen. Und wer als Israeli aus Großbritannien oder Südafrika zurückkehrt, kann sich erst einmal in eigens dafür eingerichteten Hotels in Quarantäne begeben. Alle Einreisenden aus anderen Ländern müssen sich am Flughafen einem Corona-Schnelltest unterziehen, um dann ebenfalls möglichst isoliert einige Tage zuhause zu verbringen. Außerdem werden auf wichtigen Verbindungsstraßen Checkpoints eingerichtet, um dafür zu sorgen, dass die Beschränkungen des Bewegungsradius, unter anderem Fahrten von einer Stadt zur anderen ohne triftigen Grund, diesmal auch von allen beachtet werden.

Die Ursachen für den erneuten Lockdown sind weitestgehend die altbekannten. So zum Beispiel eine gewisse Nachlässigkeit, die viele Israelis mittlerweile an den Tag legen, wenn es um die Einhaltung der Abstands- und Hygieneempfehlungen geht. Damit unterscheiden sie sich in ihrem Verhalten wohl wenig von den Bürgern in den meisten anderen westlichen Staaten, bei denen ebenfalls eine Flexibilität im Umgang mit den Regeln zu beobachten ist. Unter den Haredim aber ist der Anteil dieser Personen besonders hoch. Sie ignorieren oftmals ganz bewusst Vorschriften und demonstrieren damit zugleich ihre Egal-Haltung gegenüber dem Staat, dessen Gesetze einige – wenn auch nicht alle – Gruppen innerhalb der Ultra-Orthodoxie als für sie völlig irrelevant betrachten. In Zeiten einer Pandemie hat dies tödliche Folgen und bringt das ohnehin gestresste Gesundheitssystem an seine Grenzen. „Seit einiger Zeit verdoppelt sich die Zahl der Infizierten jede Woche“, erklärte Ran Balicer, Vorsitzender des nationalen Expertenteams, das die Regierung berät, dieser Tage im Hinblick auf die Haredim. „Ich hoffe inständig und nehme an, dass die Oberhäupter in diesen Gemeinschaften das endlich verstehen und entsprechend handeln.“

Damit ist jedoch kaum zu rechnen. Zwei Beispiele aus der vergangenen Woche verdeutlichen die Problematik. So gab es in der überwiegend von Ultra-Orthodoxen bewohnten Kleinstadt Beitar Illit eine Hochzeit innerhalb der chassidischen und bekanntermaßen antizionistischen Toldos Aharon-Sekte mit gleich mehreren hundert Gästen, die weder Mundschutz trugen, geschweige sich an die Abstandsregeln hielten. Dabei waren schon vor dem Lockdown Nummer Drei alle Zusammenkünfte von mehr als zehn Personen in geschlossenen Räumen untersagt. Und ganz nebenbei ist der Ort auch noch einer der Virus-Hotspots in Israel. Auf 10.000 Einwohner kommen 145,5 Corona-Patienten und 26 Prozent aller Getesteten dort erweisen sich als Covid-19-positiv. Zwar tauchte irgendwann die Polizei auf, beendete die Veranstaltung, was nicht alle der Gäste einsahen, weshalb sie die Beamten mit Steinen bewarfen und ihre Fahrzeuge beschädigten. Zeitgleich aber holte sich ein hochrangiger Polizeioffizier mitten auf der Hochzeitsfeier, die er eigentlich beenden sollte, von einem der anwesenden Rabbiner einen Segen ab. Das wird wohl nicht ohne Konsequenzen für ihn bleiben, jedoch nur deshalb, weil ein Foto davon in den sozialen Netzwerken die Runde machte.

Aber auch in Bnei Brak ließen es über 700 Angehörige der ebenfalls chassidischen Erlau-Sekte auf einer Hochzeit ordentlich krachen. Die Polizei kam und ging wieder, die Feier lief weiter. Am Ende bekamen lediglich die Gastgeber ein Bußgeld in Höhe von 5.000 Schekel, umgerechnet rund 1.250 Euro, aufgebrummt, das war es auch schon. Ganz offensichtlich müssen Ultra-Orthodoxe seltener mit Konsequenzen rechnen, selbst wenn sie alle Regeln demonstrativ missachten oder Gesetze brechen. Die Ordnungskräfte und der Staat drücken stets ein Auge zu. Ebenso bei dem Thema Schulschließungen. Während die Mehrheit der Israelis von ständig neuen und sich widersprechenden Regeln, welche Klassen nun Präsenzunterricht haben sollen und welche nicht, reichlich genervt sind, lief bei den Ultra-Orthodoxen vielerorten alles so, als ob die Pandemie nicht existieren würde. „Sie werden keine Beamten sehen, die Kinder und Jugendliche aus den Yeshivot holen würden“ steckte kürzlich ein anonym bleiben wollender Polizeibeamter der Tageszeitung „Haaretz“. „Auch werden sie keine Beamten sehen, die in die Schulen und Synagogen gehen.“ Zwar hat Rabbi Chaim Kanievsky, einer der prominentesten Figuren innerhalb der Ultra-Orthodoxie, seine Anhänger dazu aufgefordert, den Vorgaben der Regierung Folge zu leisten. Ob sich das aber auch auf die Yeshivot bezog, das ließ er offen. Denn noch am Mittwoch hatte der Rabbi verkündet, dass diese trotz Lockdown ihren Betrieb keinesfalls einstellen sollten. Polizei und die Verantwortlichen in der Politik jedenfalls halten sich zurück – schließlich sind die politischen Vertreter der Orthodoxie Koalitionspartner, mit denen man keinen Streit vom Zaun brechen will. Erst recht nicht, wenn wie geplant Ende März Wahlen stattfinden sollen.

Der vierte Urnengang in nur zwei Jahren ist wohl auch einer der Gründe, warum bezogen auf die Gesamtbevölkerung Israel derzeit international als „Impf-Weltmeister“ gehandelt wird. Innerhalb von nur drei Wochen erhielten bereits knapp 1,7 Millionen Israelis den schützenden Piks. Und laut Gesundheitsminister Yuli Edelstein bekommen die ersten 115.000 davon jetzt auch die notwendige zweite Dosis verabreicht, die den Schutz vor COVID-19 dann weitestgehend perfekt machen soll. Laut Angaben seines Ministeriums haben aktuell mittlerweile 70 Prozent aller Israelis in der Altersgruppe über 60 die erste Spritze erhalten. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu will so auf jeden Fall als Macher beim Wahlvolk dastehen und den Vertrauensverlust, den nicht nur er, sondern so ziemlich alle Verantwortlichen in dem oftmals dysfunktionalen und zerstrittenen Corona-Kabinett sich einhandelten, wieder zurückgewinnen. Er selbst inszeniert sich dabei gerne als Macher. So liess er sich medienwirksam mit dem millionsten Israeli ablichten, der den Impfstoff vor einigen Tagen erhielt, und zwar mit Muhammad Abd al-Wahab Jabarin in der arabischen Stadt Umm al-Fahm. Dass der gute Mann zuvor wegen Gewalttaten 14 Jahre im Gefängnis verbracht hatte, wie die Medien später herausfanden, passte vielleicht nicht ganz so in sein Konzept.

„Es ist mir sehr wichtig, dass der arabische Sektor in Israel schnell die Impfung erhält“, erklärte Netanyahu bei dieser Gelegenheit. „Das rettet Leben.“ Die gleichen Worte sagte er ebenfalls in Tira, einer anderen arabischen Kommune. Auch das ist dem Wahlkampf geschuldet. Denn neuerdings wirbt der Ministerpräsident, der in der Vergangenheit nicht gerade durch freundliche Töne gegenüber der arabischen Minorität in Israel aufgefallen ist, offensiv um ihre Stimmen. Daher die Auftritte in Umm al-Fahm oder Tira. Selbstverständlich werden ihm nun nicht unbedingt die Herzen der Araber zufliegen. Aber vielleicht, so wohl sein Kalkül, können seine Auftritte in arabischen Ortschaften sowie die äußerst erfolgreiche Impfstrategie einen Beitrag dazu leisten, dass die israelischen Araber nicht aus Protest gleich wieder der Vereinten Arabischen Liste ihre Stimme geben, sondern vielleicht am Wahltag eher zuhause bleiben wie früher auch.

Zudem lässt sich Israel die Impfungen Einiges kosten. Für den Wirkstoff von Pfizer und BioNTech zahlt man wohl pro Dosis 30 Dollar, ungefähr das Doppelte, was andere dafür hinlegen. Und auch bei den Bestellungen bei Moderna waren die Israelis bereits im Juni ganz früh dabei. Gesundheitsminister Edelstein betonte, dass sich die höheren Ausgaben rechnen würden, weil man so deutlich schneller aus dem Teufelskreis von Shutdown und Lockerungen wieder herauskäme. Außerdem köderte man die Pharmaproduzenten mit einem weiteren Argument. „Wir haben Pfizer, Moderna und den anderen gegenüber erklärt, dass wir mit die Ersten sein wollen, die mit den Impfungen beginnen.“ Auf diese Weise könnten die Pharmaunternehmen auch die Wirkungen ihrer Produkte zeitnah unter die Lupe nehmen, weil Israel ein kleines Land ist. „Es ist eine Art von Win-Win-Situation für alle Beteiligten.“ Weitere Deals mit AstraZeneca und anderen Herstellern sorgten dafür, dass der Impfstoffstrom wohl nicht abreissen wird, was viele zuvor befürchteten. Auch für die wichtige zweite Dosis scheint nun vorgesorgt.

Und so erreichten die ersten Ampullen bereits am 9. Dezember das Land. Israelische Teams packten die Inhalte der ultragefrorenen Paletten in Isolierboxen von der Größe einer Pizzaschachtel um, was auch die Verteilung geringerer Stückzahlen an entlegenere Standorte recht einfach machte. Für dieses Verfahren hatte man sich eigens von Pfizer grünes Licht geholt. Zudem gelang es, mehr Dosen aus jedem Fläschchen herauszuholen, als angegeben. Die Vakzine wurden von SLE, dem Logistiker von Teva Pharmaceutical Industries, in einer unterirdischen Anlage in der Nähe von Israels Hauptflughafen gelagert. Dreißig große Gefrierschränke, die Temperaturen von Minus 70 Grad ermöglichen, können fünf Millionen Dosen gleichzeitig aufnehmen. SLE verpackte sie dann in Pakete mit bis zu 100 Dosen, die schließlich an etwa 400 Impfzentren geliefert werden. All das scheint das Geheimnis des israelischen Erfolgs zu sein. Kleinere und größere Kliniken im ganzen Land verabreichten schließlich 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche die Spritze. Das erklärt die enorm hohe Zahl von 150.000 Personen, die täglich dieses System durchlaufen konnten. Am Donnerstag verkündete Netanyahu ferner, dass Israel wohl das erste Land auf der Welt sein werde, das bis Ende des Monats März ebenfalls alle Bürger in der Altersgruppe ab 16 Jahren geimpft haben werde. „Vielleicht sogar schon früher.“ Wahlen können also auch positive Nebenwirkungen haben.

Bild oben: Premier Netanyahu bei seiner zweiten Impfung am Samstag Abend, die ebenfalls live übertragen wurde, Screenshot KAN Twitter

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