Getes Faust, Schilers Rojber un Mans Zojberbarg

Deutschsprachige Literatur in jiddischer Übersetzung

Von Jim G. Tobias

Im Herbst 1929 bekam Thomas Mann den Nobelpreis für Literatur verliehen. Ein Jahr später erschien sein Roman Zauberberg in einer jiddischsprachigen Ausgabe. Kein Geringerer als Isaac B. Singer, der rund 50 Jahre später ebenfalls mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hatte den „Zojberbarg“ übersetzt.

Elke-Vera Kotowski, Kulturwissenschaftlerin am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam, hatte diese jiddische Ausgabe vor einigen Jahren eher zufällig in der Nationalbibliothek von Wilna gefunden. „Das war ein Schlüsselerlebnis, ich war elektrisiert“, erzählt sie im Gespräch mit haGalil. Sie suchte weiter nach ins Jiddische übersetzten Ausgaben und wurde in vielen osteuropäischen Bibliotheken fündig. Oft wussten die Verantwortlichen nichts von den in ihren Magazinen schlummernden Schätzen. Letztlich gelang es der Wissenschaftlerin rund 250 Titel ausfindig zu machen – „eine kulturelle Sensation, die auch mit dem verqueren Klischee über das Ostjudentum von Kaftan, Pejes, Klezmer und Schtetl aufräumt“, sagt Kotowski.

Denn: Deutsche Literatur stand bei vielen Ostjuden hoch im Kurs; doch sie wollten diese Bücher in ihrer Muttersprache, in „Mameloschn“ lesen – und das war nicht nur der Wunsch des intellektuellen Bürgertums. „Wenn einer bildungsbeflissen war“, schrieb der Journalist Rudolf Olden im „Berliner Tageblatt“, dann „las er Goethe, er las Schiller, er las Kant und Schopenhauer“. Nicht nur deutsche Klassiker wurden verschlungen, auch zeitgenössische Romane, wie etwa Erich Maria Remarques Bestseller „Im Westen nichts Neues“, den Isaac B. Singer unter dem Titel „Ojfn majrew Front kejn najes“ in einer jiddischen Übersetzung vorlegte, fanden großes Interesse. Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels schätzte 1930, dass davon rund 25.000 jiddische Bände in Umlauf waren – während die deutsche Auflage zu dieser Zeit rund 450.000 Exemplare betrug.

Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand die verächtlich als „Jargon“ bezeichnete Alltagssprache der Ostjuden Eingang in die Literatur. Schriftsteller wie Scholem Alejchem, Isaak Leib Perez oder Mendele Mojcher Sforim verfassten ihre Romane und Erzählungen in der Sprache ihres Volkes. Damit entwickelte sich das Jiddische als identitätsstiftendes Instrument einer Minderheit, avancierte zu einer Kulturbewegung und stand für neues jüdisches Selbstbewusstsein. Auf der 1908 von Nathan Birnbaum einberufenen Czernowitzer Sprachkonferenz wurde das Jiddische zur nationalen Sprache ausgerufen und sollte fortan auch als Gelehrten-, Unterrichts- und Literatursprache dienen. Diese Tagung gilt als Geburtsstunde des wissenschaftlichen Jiddischismus, der 1925 in die Gründung des YIVO Instituts mündete, einer akademischen Einrichtung zur Erforschung der Sozial- und Kulturgeschichte des osteuropäischen Judentums.

Zentren der jiddisch sprechenden Gemeinden waren die großen Städte wie etwa Wilna, Kiew, Warschau, Odessa und später auch Berlin, in denen sich Verlage gründeten, die jiddische Übersetzungen deutscher Bücher verlegten. Zu einem der ersten zeitgenössischen Autoren zählt beispielweise Gerhart Hauptmann. Sein gesellschaftskritisches Drama über den Weberaufstand wurde bereits wenige Jahre nach der Originalausgabe 1906 parallel in Warschau und Wilna veröffentlicht. Aber auch politische Werke, darunter Theodor Herzls Judenstaat oder das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels erreichten in jiddischen Ausgaben hohe Auflagenzahlen. Letzteres Werk wurde insbesondere bei Anhängern des sozialistischen „Algemejner jidiszer Arbeter-Bund“ begierig gelesen. Diese Vereinigung sprach sich gegen die zionistische Bestrebung aus, Hebräisch als die neue Muttersprache aller Juden zu etablieren und warb stattdessen für die Nationalsprache Jiddisch.

Auch die schöne Literatur war sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern äußerst beliebt. Die Märchen der Brüder Grimm erschienen unter dem Titel „Majselechen“, Aschenputtel hieß „Schlumperl“ und Wilhelm Hauffs Geschichte vom Kalifen Storch wurde zu „Di Majse mit Kalif Buschl“. Max und Moritz verwandelten sich zu „Notl und Motl“ und der Struwwelpeter zu „Pinje Schtrojkop“. Während die älteren Leser wohl eher zu gehobener Literatur griffen, wie etwa Thomas Manns „A Bintel Derzehlungen“, Franz Werfels „Di ferzik Teg fun Musa Dag“, Friedrich Schillers „Di Rojber“ oder gar zu dem anspruchsvollen „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe.  

Viele jiddische Autoren und Übersetzer hielten sich nach dem 1. Weltkrieg in Berlin auf – oft als Zwischenstation auf ihrem Weg nach Nordamerika. Die deutsche Hauptstadt wurde daher zu einem vorübergehenden Zentrum der jiddischen Welt. In den 1920er Jahren produzierten Verlage und Druckereien rund 200 jiddischsprachige Bücher und 14 Zeitschriften, die in Buchhandlungen und Leihbüchereien für hebräische und jiddische Literatur erhältlich waren.

Spätestens mit der gewaltsamen Machtübernahme der Nationalsozialisten endete die ostjüdische Präsenz in der Stadt. Im Rahmen der „Polenaktion“ wurden Tausende nach Osten abgeschoben. Wer sich nicht in die Emigration retten konnte, fiel dem NS-Massenmord zum Opfer – die Bücher wurden verbrannt. In deutschen Bibliotheken finden sich daher heute so gut wie keine jiddischsprachigen Werke mehr.

Der reich bebilderte Band „… a thejl fun jener Kraft“* versetzt den Leser in eine unbekannte, faszinierende und leider vernichtete Welt – eine Zeitreise, bei der ein vergessenes Kapitel der europäischen Kultur vor unserem geistigen Auge zum Leben erweckt wird. Elke-Vera Kotowskis literarische Spurensuche ist einfach sensationell – ein zum Schmökern gewordener Glücksfall. Dem hervorragend edierten Band ist ein breites Lesepublikum zu wünschen!

* aus dem Faust, Mephistopheles: „A thejl fun jener Kraft / dos schdendig wil dos Schlechte / un dos Gute schtendig schaft.“

Elke-Vera Kotowski, „… a thejl fun jener kraft“/„… ein Teil von jener Kraft“. Jiddische Übersetzungen deutschsprachiger Literatur in der Zwischenkriegszeit (1919-1939), Leipzig 2020, 281 Seiten, 24,90 €, Bestellen?

Bild oben: Vom Jiddischen PEN-Club in Warschau ausgestellte Mitgliedskarte von Isaac B. Singer. Repro: aus dem besprochenen Band (Public Domain)

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