Der Eiserne Vorhang ist gefallen

Erst die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain, dann der Sudan und jetzt Marokko. Die Liste der muslimischen Staaten, die ihren Frieden mit Israel machen, wird immer länger. Doch wie sieht das Verhältnis zwischen den neuen Partnern nun wirklich aus?

Von Ralf Balke

Die Wetten laufen bereits. Wer wird der nächste muslimische Staat sein, der seine Beziehungen mit Israel normalisiert. Nach den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Bahrain, dem Sudan und jetzt auch Marokko werden gleich mehrere Kandidaten gehandelt. Ganz oben auf der Liste steht der Oman. Das Sultanat an der Südostspitze der Arabischen Halbinsel gilt schon lange als das Land, das über kurz oder lang diplomatische Beziehungen aufnehmen wird. Viel ändern würde sich dadurch nicht wirklich. Denn beide Länder hatten in der Vergangenheit nie Probleme miteinander. Auch gab es bereits in den Jahren zwischen 1994 und dem Jahr 2000 in Maskat eine israelische Handelsvertretung. Und immer wieder waren ranghohe israelische Politiker wie die Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin oder Benjamin Netanyahu bei dem im Januar 2020 verstorbenen Sultan Qaboos bin Said al Said vor Ort zu Gast. Die offizielle Linie lautet zwar, dass man so lange keine Botschafter austauschen würde, bis ein unabhängiger palästinensischer Staat ins Leben gerufen werde. Aber diesen Satz hatte man schon öfters aus ganz anderen Ländern gehört. Und die haben jetzt alle ihren Frieden mit Israel geschlossen.

Der andere Kandidat, der ebenfalls seit längerem ganz oben auf der Liste steht, ist ein politisches Schwergewicht, nämlich Saudi Arabien. Seit Jahren bereits häufen sich Berichte über zahlreiche Kooperationen beider Staaten im Bereich Sicherheit. Mit Jerusalem vereint Riad die Einschätzung des Irans als größte Bedrohung in der Region, weshalb man bei der Eindämmung der expansionsfreudigen Mullahs schon länger gemeinsame Sache macht. Und weil die Türkei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan sowohl Israel als auch Saudi Arabien gegenüber zunehmend unfreundlich auftritt, hat man jetzt auch ein weiteres außenpolitisches Feld, wo sich die Interessen überschneiden. Israelische Politiker wie der damalige Energieminister Yuval Steinitz sprachen erstmals 2017 öffentlich über die bestehenden Kontakte und saudische Medien bemühten sich plötzlich sogar um Interviews mit Israelis, beispielsweise mit dem damaligen Generalstabschef Gadi Eisenkot. Bald auch öffnete Riad den Luftraum für israelische Flugzeuge und vor wenigen Wochen hatte sich Netanyahu wohl auch mit dem Kronprinzen in der neuen saudischen Retortenstadt Neom getroffen. Nur den letzten Schritt traut man sich noch nicht zu gehen. Kronprinz Mohammed bin Salman würde gewiss gerne die Beziehungen zwischen beiden Staaten ganz offiziell machen. Doch sein Vater, der greise saudische König Salman bin Abdulaziz al Saud, hat weiterhin dagegen Bedenken. Experten sprechen davon, dass wohl erst nach dem Tod des Monarchen eine solche Aufwertung der Beziehungen machbar sein wird.

Saudia Arabien verfolgt offensichtlich eine ganz andere Politik, um seine Kontakte mit Israel als so normal wie möglich erscheinen zu lassen und dafür Sorge zu tragen, dass es keine größeren Verwerfungen gibt, wenn Riad eines nicht mehr allzu fernen Tages ganz offiziell diplomatische Beziehungen mit Jerusalem aufnehmen wird. Kronprinz Mohammed bin Salman motiviert erst einmal andere Staaten dazu, ihren Frieden mit Israel zu machen, so wie das benachbarte Bahrain. Der Ministaat mit seinen rund 1,6 Millionen Einwohnern auf einer Insel im Persischen Golf ist sicherheitspolitisch und auch ansonsten völlig von Saudi Arabien abhängig, weshalb die Entscheidung darüber, ob eine Annäherung an Israel stattfinden kann oder nicht, auf jeden Fall in Riad gefallen sein dürfte. Auch auf Marokko hatte der Kronprinz sanften Druck ausgeübt, mit Israel ins Reine zu kommen. Ähnlich dürfte es mit dem Oman aussehen. Riad würde ein Abkommen zwischen dem Sultanat und Jerusalem auf jeden Fall begrüßen.

Viel interessanter aber ist der Einfluss, der Saudi Arabien in Indonesien nachgesagt wird. Immerhin ist der asiatische Inselstaat mit seinen über 260 Millionen Einwohner das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung auf der Welt. Auch in Djakarta würden die Saudis zugunsten einer Aufnahme von Beziehungen mit Israel drängen. Zwar werden entsprechende Berichte über eine Annäherung mit Israel seitens indonesischer Offizieller immer wieder dementiert und die Solidarität mit den Palästinensern beschworen. Das Verhältnis zwischen Israel und Indonesien ist trotzdem relativ entspannt, Israelis dürfen genauso in den Inselstaat einreisen wie indonesische Pilger nach Israel. Auch hatte in den 1980er Jahren Djakarta schon mal ausrangierte Flugzeuge der israelischen Luftwaffe erworben und 1993 war Rabin mit Indonesiens damaligen Präsidenten Suharto vor Ort zusammengetroffen. Offene Feindschaft sieht anders aus. Und de facto steht das Land über sein Konsulat in Ramallah ohnehin im regelmäßigen Kontakt mit Israel.

Und dann ist da noch Pakistan, was darüber hinaus das einzige muslimische Land im Besitz von Nuklearwaffen ist. Immer wieder sickern Gerüchte über Gespräche zwischen Islamabad und Jerusalem durch. Und es dürfte kein Zufall sein, dass dieser Tage ausgerechnet die saudische Nachrichtenseite Arab News die Nachricht verbreitete, dass Mualana Muhammad Khan Sherani, ein hochrangiger pakistanischer Geistlicher und Politiker sich dafür ausgesprochen hätte. Der in Großbritannien beheimatete Thinktank Islamic Theology of Counter-Terrorism berichtete davon, dass ein enger Berater des pakistanischen Premiers Imran Khan kürzlich sogar zu Sondierungen nach Israel gereist war – eine Meldung, die die Regierung in Islamabad umgehend dementierte. Auch hier soll Riad ein gepflegtes Interesse haben, dass sich Israel und Pakistan irgendwie näher kommen. Das Kalkül dahinter hat natürlich nichts mit einer plötzlich erwachten Liebe zum jüdischen Staat oder Bekehrung zum Zionismus zu tun. Der Kronprinz sucht Verbündete für ein möglichst schlagkräftiges Bündnis gegen den Iran und wohl auch gegen die Türkei, deren neo-osmanische Ambitionen in Syrien oder Libyen ebenfalls zunehmend als Bedrohung empfunden werden.

Die Nahostpolitik des scheidenden US-Präsidenten Donald Trump war gleich in zweifacher Hinsicht ein Beschleuniger dieser Entwicklungen: Auf der einen Seite hatte Washington alte Prinzipien wie die Zwei-Staaten-Lösung munter über Bord geworfen, die Palästinenser weitestgehend ignoriert und durch seinen neuen Friedensplan für die Region die Karten neu gemischt, wodurch vieles plötzlich möglich wurde, was kurz zuvor noch als undenkbar galt. Zugleich aber provozierte die Trump-Administration mit ihrem Rückzug aus Syrien, Afghanistan und anderswo Ängste, dass der amerikanische Schutzschirm womöglich nicht von Dauer sein könnte. Aus der Perspektive der Verantwortlichen in Saudi Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emirate wurde es geradezu zwingend, sich auf die Suche nach neuen und starken Partner zu machen. Und spätestens als iranische Raketen aus dem Jemen eine saudische Aramco-Raffinerie trafen und Washington in keinster Weise zur Hilfe kam, war bei vielen Arabern am Golf der Groschen gefallen, dass sie im Ernstfall womöglich alleine dastehen. Und da kam halt Israel als einzige Macht, die ein Interesse daran hat, den Iranern Paroli bieten könnte, ins Spiel.

Für Israel selbst haben die Ereignisse der vergangenen Monate den Stellenwert der Erfüllung eines alten Traums. Nach über 70 Jahren scheint man in der Region endlich akzeptiert zu werden. „Für mich fühlt sich das an, als wäre der Eiserne Vorhang gefallen“, bringt es eine israelische Touristin in Dubai auf den Punkt. Vor allem die Beziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten werden aus israelischer Sicht als so etwas wie das neue Eldorado wahrgenommen. Innerhalb weniger Wochen besuchten über 70.000 Israelis Dubai und Abu Dhabi, plötzlich gibt es am Golf 150 Restaurants mit koscheren Speiseangeboten und in den glitzernden Malls hört man überall Hebräisch. Die Tatsache, dass Israelis aufgrund der Pandemie-bedingten Einreisebeschränkungen kaum nach Europa reisen können, war neben der Neugier ein zusätzlicher Treiber dieses Booms. Und um keine Verstimmungen aufkommen zu lassen, ordnete das israelische Außenministerium umgehend die Erstellung einer Art „Knigge für die Emirate“ an. „Die Emiratis können sehr sensibel reagieren, und Israelis wissen manchmal nicht, wie sie man sich korrekt benimmt“, so Außenminister Gabi Ashkensi, der Bedenken aussprach, dass Israelis dort ihre „hässliche Seite“ zeigen könnten und es zu diplomatischen Verwicklungen käme.

Und anders als nach dem Frieden mit Ägypten und Jordanien scheinen auch die Emiratis keine Berührungsängste zu haben. Besucher von dort brauchen im Unterschied zu den Staatsbürgern anderer arabischer Staaten für Israel kein Visum, was die Sache enorm erleichtert. Investoren aus dem Vereinten Arabischen Emiraten zeigen darüber hinaus ein enormes Interesse an israelischem Know-how in den Bereichen Cybersecurity, Medizin- oder Agrartechnolgie. Hadassah Medical Organisation beispielsweise berichtet davon, dass man sich darüber im Gespräch befinde, eine Niederlassung in Dubai aufzumachen. Dabei wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Von 1.000 Hadassah-Mitarbeitern, die dort mit ihren Familien stationiert werden könnten, ist die Rede, Die Emiratis verfügen über das benötigte Kapital dafür, das in Israel in dieser Hinsicht manchmal mangelt. Und Israelis werden neuerdings gleich scharenweise zu Messen vor Ort eingeladen, wie jüngst zur Gulf Information Technology Exhibition (Gitex), wo ein eigener UAE-Israel Future Digital Economy Summit stattfand. Schlagzeilen machte jüngst auch eine Investition des Scheichs Hamad bin Khailifa al-Nahyan, immerhin ein Mitglied der königlichen Familie von Abu Dhabi. Mit 300 Millionen Schekel, umgerechnet etwa 75 Millionen Euro, beim Fussballvereins kaufte er sich bei Beitar Jerusalem ein, ausgerechnet den Club, der vor allem durch eine lange Vorgeschichte rassistischer Ausfälle gegen Araber aufgefallen. In Sachen Chuzpe scheinen die Emiratis sich die Israelis wohl als Vorbild genommen zu haben.

Bild oben: Meir Ben-Shabbat (rechts) und Jared Kushner beim Treffen mit dem Außenminister der VAE, Gargash. (c) MFA

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