Gedenken an den 9. November 1938

Die Gedenkveranstaltung in München zum 82. Jahrestag der Pogromnacht fand heuer infolge der Coronavirus-Pandemie in rein digitaler Form statt. Die Gedenkstunde im Saal des Alten Rathauses musste entfallen. In einer zum Gedenktag veröffentlichten Videofassung des Gedenkakts sprachen Oberbürgermeister Dieter Reiter und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Grußworte…

Der im Stadtarchiv München tätige Historiker Dr. Andreas Heusler und der Psychiater und Gründungsmitglied der Gedenkinitiative für die „Euthanasie“-Opfer Prof. Dr. Michael von Cranach hielten die Gedenkvorträge, mit denen in diesem Jahr insbesondere an die 191 jüdischen Patienten von Heil- und Pflegeanstalten sowie Behinderteneinrichtungen erinnert wurde, die am 20. September 1940 über die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Hartheim in Österreich deportiert und nach ihrer Ankunft ermordet wurden.

Oberbürgermeister Dieter Reiter betonte in seinem Grußwort, „wie zentral die Erinnerung an die Barbarei von damals für den Fortbestand unserer freiheitlichen Demokratie und unserer humanen Gesellschaft auf immer bleibt“. Reiter verwies auf den Anschlag von Halle im Oktober vergangenen Jahres sowie die gestiegene Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland, die für jüdische Einrichtungen Polizeischutz nötig machten. „Fest steht“, so der Oberbürgermeister: „Jüdische Menschen leben in Deutschland gefährlicher als andere.“

Reiter erinnerte an die Übergriffe auf den Gemeinderabbiner der IKG, Shmuel Aharon Brodman, sowie den Jugendtrainer des TSV Maccabi München, Max Brym, im Juli bzw. Mai dieses Jahres und warnte davor, dass gerade Rechtsextreme die aktuelle Corona-Pandemie für ihre Zwecke instrumentalisierten: Immer öfter „nutzen Rechtsextreme und Islamisten die Pandemie, um mit gezielten Verschwörungsfantasien den Judenhass weiter anzuheizen.“

In Erinnerung an die Pogromnacht vom 9. November 1938 unterstrich Reiter, wie wichtig ein zivilgesellschaftlicher Einsatz und das sprichwörtliche Hinschauen weiterhin blieben: „Die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war ein Akt von verordnetem Staatsterror, der eben gerade nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit verübt wurde, sondern ganz bewusst unter deren Augen und Einbeziehung. Auch in den Tagen nach dem Pogrom waren die Folgen der Zerstörung unübersehbar. Doch so beschämend und unfassbar das, was in dieser Nacht geschah, auch war: Ein öffentlicher Aufschrei der Empörung oder gar ein Eingreifen der Behörden blieben aus. Von keiner Seite wurde ein nennenswerter Protest gegen das Unrecht laut.“

Reiter zitierte aus der Rede, die der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin im Januar anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Bundestag gehalten hatte. Mit Rivlins Worten erinnerte er daran, dass der Kampf gegen Antisemitismus „kein Kampf ist, der ein für allemal gewonnen werden kann. Dies ist ein Kampf, den wir von Generation zu Generation weiterführen müssen, um das Übel bei der Wurzel zu packen, wo immer es wächst, Tag für Tag. Wir dürfen nicht nachgeben. Deutschland darf hier nicht versagen.“

Gerade deshalb, so Reiter weiter, reiche „es eben einfach nicht mehr aus, angesichts der ständigen Attacken auf Jüdinnen und Juden das Unheil nur ebenso regelmäßig öffentlich anzuprangern und dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Es kann und darf nicht sein, dass antisemitische Parolen im Alltag unwidersprochen bleiben und Jüdinnen und Juden bei antisemitischen Übergriffen alleingelassen werden. Nicht hinschauen oder wegducken ist ein für allemal vorbei!“

IKG-Präsidentin Dr. h.c. Charlotte Knobloch dankte in ihrem Grußwort dem Oberbürgermeister für seinen Einsatz für das Gedenken „auch heuer, und auch unter den aktuell erschwerten Umständen“. Sie hoffe, so Knobloch, „dass wir die aktuelle Herausforderung überwinden und diesen Gedenktag im kommenden Jahr wieder wie gewohnt begehen können: Gemeinsam, vor Ort (im Alten Rathaus), und vor allem: Mit vielen Gästen.“

Knobloch zitierte den israelischen Historiker und Holocaustüberlebenden Saul Friedländer, der in einer Rede im Jahr 2007 u.a. aus den Briefen seiner eigenen Eltern berichtet hatte, welche beide in Auschwitz ermordet wurden. Uns bewegten, so Friedländer im von Knobloch zitierten Abschnitt, „die Stimmen der Menschen, deren Vernichtung bevorstand, bis auf den heutigen Tag gerade wegen ihrer völligen Hilflosigkeit, ihrer Unschuld und der Einsamkeit ihrer Verzweiflung.“

Knobloch verwies darauf, dass diese Stimmen auch nach vielen Jahrzehnten nicht in Vergessenheit geraten dürften: „Dafür kommen wir am 9. November, aber auch an vielen anderen Tagen der Erinnerung zusammen: Um den Überlebenden, aber auch uns selbst und schließlich den jungen Menschen – den nachfolgenden Generationen, die die Verantwortung einst erben werden – diesen Grundpfeiler unserer Gesellschaft näherzubringen. Wir versammeln uns, um immer wieder, mit erneuerter Kraft und mit lauter Stimme zu sagen: Wir vergessen nicht.

Knobloch, die wie Oberbürgermeister Reiter ihr Grußwort im „Gang der Erinnerung“ vor einer Wand mit den Namen von 4500 vom NS-Regime ermordeten jüdischen Münchner Bürgern sprach, erinnerte an die Grausamkeit des NS-Regimes und daran, „wie die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zwischen 1933 und 1945 ausgegrenzt, ausgeraubt und schließlich beinahe ausgelöscht wurde. Wir vergessen nicht, wie heute vor 82 Jahren auch hier in München die Scheiben klirrten, wie die Synagoge brannte und wie jüdische Menschen misshandelt, verschleppt und ermordet wurden.“

Ebenso wie die Gedenkredner Dr. Heusler und Prof. Dr. von Cranach erinnerte auch Knobloch an die 191 jüdischen Anstaltspatienten, die am 20. September 1940 aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar deportiert und in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet wurden: „Wir erinnern an diese Menschen, um (…) mit Friedländer zu sprechen, in ihrer völligen Hilflosigkeit, ihrer Unschuld und der Einsamkeit ihrer Verzweiflung.“

Der Antisemitismus, der das Morden damals angetrieben habe, sei auch heute noch nicht überwunden. Vielmehr sei der Hass „seitdem stets derselbe geblieben. Er betäubt das menschliche Mitgefühl heute noch ebenso potent wie vor sechzig, siebzig oder auch achtzig Jahren.“ Vor dem Hintergrund der zahlreichen Anschläge der vergangenen Wochen und Monate warnte Knobloch vor einem wachsenden Extremismus aller Schattierungen. „Die jüdische Gemeinschaft“, so Knobloch weiter, „bleibt unverändert primäres Ziel für alle diese Gruppierungen – ganz egal, aus welchem Teil des Spektrums sie kommen. Ob rechts- oder linksextrem oder Islamisten: Der Judenhass als kleinster gemeinsamer Nenner bleibt.“

Dagegen brauche es ein stärkeres politisches und gesellschaftliches Engagement, so Knobloch abschließend: „Die Schreie der hilflosen Opfer hallen bis heute nach – umso mehr am 9. November. Wir müssen sie hören, immer und immer wieder. Wir dürfen nicht taub sein für sie – so, wie wir nicht blind sein dürfen für die neuen alten Gefahren in unserer Gesellschaft. Den Feinden jüdischen Lebens, den Feinden der Demokratie, den Feinden von allem, was unser Leben gut und lebenswert macht, müssen wir mit der Kraft des Gedenkens entgegentreten.“

Der Historiker Dr. Andreas Heusler unterstrich die Bedeutung der Pogromnacht vom 9. November als Auftakt für den Zivilisationsbruch des Holocaust: „Wir wissen heute, dass mit den Novemberpogromen die antijüdische Gewalt eine neue Dimension erreichte, eine Dimension, die wir als unmittelbare Vorstufe für millionenfachen Mord, für die industriell betriebene Vernichtung der europäischen Juden bezeichnen müssen. Mit den nächtlichen Gewaltexzessen vom November 1938 wurde das Tor nach Auschwitz aufgestoßen.“

Dass es so weit habe kommen können, so Heusler, sei auch eine Folge der ausgebliebenen Kritik auf den Abriss der Münchner Hauptsynagoge im Juni 1938 gewesen – „ein barbarischer Akt der Zerstörung, der seinesgleichen sucht“ und der auch für damalige Verhältnisse eine Grenzüberschreitung dargestellt habe. Und trotzdem: „Der ausbleibende Aufschrei der Entrüstung ist aufschlussreich und für das Regime ein willkommenes Signal – ein Signal, das Zweifel  ausräumt und dazu ermuntert, die perfiden Maßnahmen vor allem gegen die jüdische Minderheit noch weiter zuzuspitzen.“

Zwar habe nach den Zerstörungen der Pogromnacht niemand mehr Unwissenheit vorschützen können – „(d)ie verwüsteten Geschäfte bilden ein unübersehbares Menetekel im Straßenbild“ – und einige zeitgenössische Quellen legten, so Heusler weiter, durchaus den Schluss nahe, dass viele Münchner der Gewalt kritisch gegenüberstanden hätten. Doch öffentliche Missfallensbekundungen habe es auch nach dem Pogrom nicht gegeben.

Heusler betonte abschließend, dass das Wissen um diese Geschehnisse Grundlage für aktive Erinnerung sein müsse – und diese für konkretes Handeln: „Erinnerung und Gedenken sind zentrale Kategorien einer humanitären Ethik. (…) Wir sind jeden Tag gefordert, die Stimme und die Hand zu erheben, wenn Unrecht geschieht, andere diffamiert werden und das humanitäre Fundament unseres Gemeinwesens zerstört wird.“

Der Psychiater und Gründungsmitglied der Gedenkinitiative für die „Euthanasie“-Opfer Prof. Dr. Michael von Cranach ging besonders auf das Schicksale der 191 jüdischen Anstaltspatienten ein, die am 20. September 1940 aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Hartheim deportiert und dort ermordet wurden. Insgesamt wurden mehr als 2.500 jüdische Anstaltspatienten in den Tötungsanstalten der »Aktion T4« mit Kohlenmonoxid ermordet.

Von Cranach zeichnete in seinem Vortrag die stetige Verschlechterung der Lebens- und Pflegebedingungen jüdischer Patienten nach 1933 nach, die als Juden und Anstaltspatienten doppelt diskriminiert wurden. Kleinere Einrichtungen hätten, so von Cranach, im Bestreben, „judenfrei“ zu werden, ihre Patienten in große staatliche Heilanstalten verlegt, wo ihre Pflegesituation sich weiter verschlimmerte.

Von Cranach zitierte aus den verzweifelten Schreiben des damals erst 18-jährigen Helmuth Silberberg, eines Cousins von Herschel Grynszpan, dessen Anschlag auf den deutschen Botschaftsattaché Ernst vom Rath wenige Tage zuvor dem NS-Regime als Vorwand für die Pogromnacht dienen sollte. Auch Silberberg wurde 1940 deportiert und ermordet.

Nicht nur die Patienten hätten gelitten, so von Cranach weiter, auch ihre Familien seien vor unmögliche Entscheidungen gestellt worden: „Auswandernde Juden konnten in der Regel, aufgrund der Einwanderungsbestimmungen der aufnehmenden Länder, ihre psychisch erkrankten oder behinderten Familienangehörigen nicht mitnehmen. Sie mussten für diese zurückgelassenen Angehörigen eine finanzielle ‚lebenslängliche Sicherstellung‘ hinterlegen.“

Von Cranach zeichnete nach, wie jüdische Patienten nach dem sogenannten Euthanasie-Erlass vom 1. September 1939 zunächst in Sammelanstalten verlegt und schließlich ab September 1940 in die reichsweit sechs „Tötungsanstalten“ deportiert und ermordet wurden. Die Familien hätten, so von Cranach weiter, erst mit mehrmonatiger Verspätung vom Tode ihrer Angehörigen erfahren. „Wieso die verspätete Benachrichtigung? Die Verwaltung der Euthanasie-Maßnahmen in Berlin brauchte Geld und stellte noch Monate nach dem Tod der jüdischen Wohlfahrtspflege oder den Angehörigen die täglichen Pflegekosten in Rechnung.“

Von Cranach betonte weiter, nach 1945 habe es in der deutschen Gesellschaft lange Zeit kaum Interesse an der Aufklärung dieser Morde gegeben. „Erst in den 80er Jahren begann eine zaghafte, punktuelle Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen und es sollte noch weitere zwei Jahrzehnte dauern, bis diese auch eine größere Öffentlichkeit erreichte. Erst 2017 hat der Bundestag in einer Feierstunde im Rahmen des Holocaustgedenktages dieser Opfergruppe gedacht.“

Von Cranach betonte abschließend, die Erinnerung an die vormals vergessenen Opfergruppen müsse in Zukunft weiter verstärkt werden: „Wir nennen ihre Namen, um sie aus der Vergessenheit wieder in unser Gedächtnis zurückzubringen. Auch um Familien einen Weg zu weisen, ihre ermordeten Angehörigen im familiären Gedächtnis wieder lebendig werden zu lassen.

Wenn wir ihre Namen nennen, teilen wir ihnen, aber auch uns allen mit, dass sie Opfer waren. Dass sie nicht ‚lebensunwert‘ waren, ausgesondert und diskriminiert, sondern Menschen mit einer besonderen Empfindlichkeit, deren Würde auch besonders schützenswert ist.“

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