Mein unruhiges Leben

Der 9. November ist ein Tag des Erinnerns, ein Gedenken an die vielen Familienschicksale während des Holocausts. Familie Murlakow ist eine davon…

Nahum Murlakow, der Familienvater, arbeitete in der Rüstungsfabrik von Oskar Schindler, sein Name stand auf Schindlers Liste. Er überlebte.  David Murlakow, einer der Söhne, hat seine eigene Geschichte. Er überlebte den Holocaust nach fast 5 Jahren in acht Arbeits- und Konzentrationslagern, oft auf wundersame Weise.

Am 5. Mai 1945 befreite ihn die Amerikanische Armee in Österreich. Viele Familienangehörige lebten nicht mehr.

Mit seinem starken Lebenswillen baute David sich, zuerst in Israel und später in Deutschland, ein neues Leben auf. Viele Kontakte zu Politikern und Künstlern verhalfen ihm auf seinem Weg ein erfolgreicher Unternehmer zu werden.

Interview: G. Wedel 

GW: David, der Name Ihres Vaters stand auf Schindlers Liste, wann haben Sie erfahren, dass er noch lebt?

David M.: 1946, hab ich durch meinen Bruder Josef erfahren, dass unser Vater lebt. Ich arbeitete im Krankenhaus in Ebensee, als mein Bruder Josef mich dort aufsuchte. Das Rote Kreuz hatte ihm geholfen meine Adresse ausfindig zu machen. Er erzählte mir, dass unser Vater lebt, sein Name stand auf Schindlers Liste und, dass er bei meinem Bruder in der Tschechoslowakei wohnt.

GW: Haben weitere Familienangehörige den Holocaust überlebt, was ist mit Geschwistern und Ihrer Mutter?

David M.: Unsere Mutter wurde im September 1939 in das Krankenhaus von Lemberg eingeliefert. Das war das letzte Mal, dass wir sie lebend gesehen haben. Meine Sorge und Vermutung ist, dass alle Patienten, durch gezieltes Einwirken der deutschen Besatzung, ermordet wurden.  1942 wurde meine Schwester Sarah, im Alter von 27 Jahren, mit ihren drei Kindern, das jüngste Kind war erst sechs Monate alt, in Viehwaggons mit hunderten von jüdischen Menschen eingezwängt, abtransportiert. Die dreitägige Fahrt ging nach Treblinka oder Majdanek, eine genaue Ortsangabe ist nicht mehr möglich, dort wurden sie vergast. Meine Schwester Klara, 14 Jahre alt, wurde von deutschen Soldaten und ukrainischen Polizisten ermordet, sie fanden Klara in unterirdischen Verstecken in den Karpaten.  Anfang 1943 erschoss die Gestapo meinen Bruder Elias, im Alter von 29 Jahren, in Boryslaw. Überlebt hat außer mir, nur mein Bruder Josef, mit seinem sechsjährigen Sohn Richard, ihr Versteck war in den Wäldern der Karpaten.

GW: Drei Wochen nach der Staatsgründung Israels, am 6. Juni 1948, sind Sie mit Ihrer Frau nach Israel eingereist. Sie dienten in der israelischen Armee, leiteten ein Kibbuz am See Genezareth, arbeiteten bei der Kolonisation des Staates Israel mit und engagierten sich politisch. Wo leben Ihre Kinder?

David M.: Zwei Töchter mit ihren Kindern leben in Deutschland. Mein Sohn Eli und eine weitere Tochter leben mit ihren Kindern und Enkeln in Israel.

David wohnt heute in Hamburg und ist trotz seines hohen Alters immer noch sehr aktiv.  Sein neues Buch erscheint in den nächsten Tagen im Handel. Ein Buch, in dem er über seine Erlebnisse, aus den verschiedenen Arbeits- und Konzentrationslagern und sein Leben nach dem Holocaust, berichtet.

GW: David, was hat Sie motiviert dieses Buch zu schreiben?

David M.: Die heutige Situation dieser Welt, Streit der Religionen und ein neues Aufkommen des Antisemitismus, nicht nur in Deutschland. Dies zwang mich über die Grausamkeiten und die Vernichtung von 6 Mio. Juden gerade, wegen der jungen Leute, zu schreiben. In der Hoffnung, dass meine Berichte sie berühren.

GW: Welche schmerzhaften Erlebnisse haben Sie in den Lagern erlebt? Können Sie von einer Situation erzählen?

David M.: Den ganzen Tag schwere Arbeit, bei mangelnder Ernährung, unter Schlägen des Wachpersonals der SS. Mit der Dauer des Krieges wurde es, in den unterschiedlichen Lagern, immer dramatischer.

GW: Viele Holocaustüberlebende konnten lange Zeit überhaupt nicht über ihre schmerzlichen Erlebnisse berichten. Wie ist es Ihnen ergangen?

David M.: Es fiel mir lange Zeit sehr schwer über diese Leidenszeiten zu sprechen, aber meine Kinder und Freunde haben mir geraten über diese Schrecknisse zu berichten.

GW: Lieber David, vielen Dank für dieses Gespräch. Ich wünsche Ihnen, dass viele Herzen durch Ihr neues Buch berührt werden. Shalom.

Mein unruhiges Leben. Als Jude aus Galizien durch die Schoah nach Israel und ein erfolgreiches Leben in Deutschland, Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn, Hartung-Gorre Verlag Konstanz, ISBN 978-3-86628-681-8

© Foto: David Murlakow

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