„Islamophobie“-Vorwürfe zur Immunisierung vor Kritik

Der bekannte französische Essayist Pascal Bruckner kritisiert in seiner Textsammlung „Der eingebildete Rassismus. Islamophobie und Schuld“, dass mit „Antimuslimischem Rassismus und „Islamophobie“ eine Immunisierung vor Kritik gegenüber dem Islamismus erfolge. Dabei kritisiert er auch bestimmte Einzelaussagen wie etwa die Gleichsetzung von Antisemitismus und „Islamophobie“. Der Autor argumentiert aus laizistischer und menschenrechtlicher Perspektive, neigt mitunter aber auch zu pauschalisierenden Übertreibungen. Gleichwohl ist er ein aufklärerischer Islamkritiker, kein ressentimentgeladener Muslimenfeind…

Von Armin Pfahl-Traughber

Er wolle den „Ausdruck Islamophobie madig … machen, ihn … delegitimieren, Zweifel und Unbehagen an ihm … verbreiten, ihn quasi in Anführungszeichen … setzen und dadurch schwächen“, das schreibt Pascal Bruckner gleich in der Einleitung zu seiner Essaysammlung, die entsprechend „Der eingebildete Rassismus. Islamophobie und Schuld“ betitelt ist. Der Autor gehört in Frankreich zu den bekanntesten Repräsentanten der Nouvelle Philosophie und ist demnach auch konsequenter Laizist und Menschenrechtler. Seine Auffassung entwickelt er aus einer aufklärerischen Islamkritik heraus, nicht aus einem fremdenfeindlichen Ressentiment. Diese Differenzierung ist auch wichtig und wird ebenfalls in der Einleitung schon betont, man dürfe nicht zwei verschiedene Intentionen gleichsetzen oder verwechseln: „einerseits die Verfolgung von Gläubigen, die ganz klar verdammenswert ist, und andererseits die Kritik an Religionen, wie sie in allen zivilisierten Ländern praktiziert wird“ (S. 10). Bruckner fordert auch gegenüber dem Islam diese Kritik ein.

Dabei empört er sich darüber, dass diese mit „Islamophobie“ und „Rassismus“ gleichgesetzt werden. Es handele sich hier um Bemühungen, aufklärerische Einwände zu diskreditieren. Die Ablehnung einer solchen Einstellung zieht sich dann wie ein „roter Faden“ durch die Texte, welche indessen bereits zuvor als Artikel erschienen oder als Reden gehalten wurden. Er formuliert dabei durchaus polemisch und scharf, insbesondere die politische Linke gerät dabei ins kritische Visier. Diese habe mit ihrem besonderen „Antirassismus“ auch gegenüber dem Islamismus eine apologetische Position eingenommen. Bruckner nennt immer wieder Fallbeispiele aus Frankreich, wo dann Anschläge mit dem früheren Kolonialismus relativiert werden sollen. Darüber hinaus kritisiert er die Identitätsdiskurse, welche wiederum zur Abdichtung von separierten Lebensräumen führten und formal Gemeinsamkeiten mit dem Rassismus hätten: „Im Namen des Antirassismus erneuern die Identitätspolitiken, die einst an Rasse oder Ethnizität festgemachten Voreingenommenheiten“ (S. 133f.)

Bruckner wendet sich auch dagegen, Antisemitismus und „Islamophobie“ gleichzusetzen. Damit ginge das Bemühen einher, kritische Einwände zu delegitimerien. Außerdem bestehe die Absicht, „die moralische Schuld Europas vom Juden auf den Moslem zu übertragen und sie durch das palästinensische Leid dem weißen Kolonialisator zurückzugeben. Der Westen wird so zum ewigen Schuldner der islamischen Welt“ (S. 103). Überhaupt instrumentalisierten die Islamisten das westliche Schuldgefühl, was Anspielungen darauf in einschlägige Diskurse zeigten. Entgegen möglicher Fehldeutungen heißt es, dass Muslime selbstverständlich Religionsfreiheit genießen: „Dass man Kulturen und religiöse Bekenntnisse schützen muss, ist richtig, doch unter zwei Bedingungen: dass sie sich dem Rahmen des üblichen Gesetzes einfügen und keine unverhältnismäßige rechtliche Bevorzugung erbitten“ (S. 142). Gegen solche Exklusivansprüche wendet sich der Verfasser. Bezüglich der Einstellung zu Religionen empfiehlt er eine „wohlmeinende Gleichgültigkeit“ (S. 210).

Was lässt sich bilanzierend zu dem Buch sagen? Bruckner schreibt als Essayist und legt eine Textsammlung vor. Dies erklärt sowohl die mitunter fehlende Struktur wie die polemischen Überspitzungen wie die gelegentlichen Wiederholungen. Er liefert immer wieder überaus gelungene Einschätzungen wie: „So stellt sich das Problem, wenn man jedwede Kritik des Islam mit Diskriminierung gleichsetzt“ (S. 119). Es gibt aber auch problematische Übertreibungen wie: „Wir sind Zeugen einer regelrechten Hexenjagd, die die Fundamentalisten und ihre ‚marxistischen‘ Verbündeten angestachelt haben …“ (S.34). Gerade Ausführungen im letztgenannten Sinne könnten zu Zerrbildern führen. Indessen argumentiert Bruckner als aufgeklärter Islamkritiker, nicht aus ressentimentgeladenen Vorurteilen heraus. Dies macht seine Ausführungen auch beachtenswert und reflexionswürdig. Indessen ist die Debatte darüber schon sehr emotionalisiert und polarisiert. Vielleicht wären Ausführungen mit der Kühle der Vernunft wirkungsreicher geworden.

Pascal Bruckner, Der eingebildete Rassismus. Islamophobie und Schuld, Berlin 2020 (Edition Tiamat), 237 S., 24 Euro, Bestellen?

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