Foto: Brinkhoff/Mögenburg

What about us?

„Pierrot lunaire / La voix humaine“ an der Staatsoper Hamburg…

Von Miriam N. Reinhard

Oh, what about us?
What about truth? What about love? What about us? (PINK)

Mit ihrer Inszenierung „Pierrot lunaire/ La voix humaine“ setzt die Staatsoper Hamburg zwei unterschiedliche Werke in Konstellation zueinander – und öffnet so einen Raum, der die Grenzen der Sprache und des Verstehbaren und des Aushaltbaren ausloten kann.

Hinter ihm ist möglicherweise gar nichts. Zumindest nichts, wovon sich etwas sagen ließe. Das muss nicht beunruhigend sein.

In dem Gedichtzyklus „Pierrot lunaire“ von Albert Giraud geht es um die Reise des mondsüchtigen Pierrot; dieser ist eine Art Clown, ein Wandernder, ein Suchender, melancholischer Künstler und Kunst-Figur – und schließlich ist er auch ein Ankommender und Heimgekehrter.

Arnold Schönberg vertonte 1912 in atonaler Weise 21 der 51 Gedichte, dergestalt, dass – so formuliert es Theodor Adorno, die Musik „mit dem Ausdruck schiffbrüchigen Geborgenseins das Bild hoffnungsloser Hoffnung bewirkt.“

„Pierrot Lunaire ist nicht zu singen“, teilte Schönberg 1931 seinem Schüler Alexander Jemnitz mit. Und in der Tat bewegt die Stimme sich im Zwischenraum von Sprache und Gesang.

In Hamburg wird die Partie der „Frau“ auf drei Sängerinnen verteilt– und dabei ist der Sprechgesang der legendären Sopranistin Anja Silja natürlich ein ganz besonders herausragendes Ereignis.

Die Etappen, die Pierrot durchlebt, erhalten durch die Aufteilung der Partie eine Vielstimmigkeit, was auch bedeutet, dass das Subjekt – sofern seine Identität eben auch sich durch seine Stimme konstituiert – nicht dasselbe bleibt. Auch deswegen ist die Pierrot-Figur keine ins Melancholische gewendete Odysseus-Figuration, seine Wanderung ist nicht auf Rückkehr zum Selben angelegt und sie ist auch keine Ankunft, die sich im heimatlichen Boden erschöpft, sondern – wie Adorno es formuliert – eine Rückkehr in ein „gläsernes Niemandsland“. Die Reise von Pierrot festigt die Unheimischkeit des Subjekts, die in der empirischen Welt total geworden ist.

Der während der musikalischen Darbietung ablaufende computeranimierte Film von Videokünstler Luis August Krawen ist phantastisch – und entzieht sich ebenso wie der symbolistische Text einer unmittelbaren Deutung. Auch hier scheint es um Zwischenräume zu gehen: Um Grenzen zwischen Formen und Identitäten, es gibt eben kein eindeutiges Subjekt, das einer Außenwelt gegenübersteht, die sich ihm erschließen könnte. Es ist entgrenzt wie diese, mit ihr verloren, während es ihr zugleich zu entfliehen und in ihr anzukommen versucht.

Ganz klar verortet in einem deutlich begrenzten Raum, sich selbst verortend in ihrer Rolle, ihrer weiblichen Geschlechtsidentität und doch völlig entortet zugleich ist „Elle“ (sie), die Protagonistin des zweiten Werkes „La voix humaine“, einer „Monooper“ von Francis Poulenc aus dem Jahre 1985, nach einem Theaterstück von Jean Cocteau. Hier hat der Intendant der Hamburgischen Staatsoper, Georges Delnon, die szenische Einrichtung übernommen. Wir sehen Elle (mit erschütternder Eindringlichkeit von Kerstin Avemo verkörpert) in ihrer Wohnung, die dort allein mit ihrem Telefon ist. Das Telefon ist eine Verbindung zur Außenwelt und ist es doch nicht – denn es scheint, als sei die Leitung längst gekappt. Die verzweifelte Frau telefoniert mit ihrem Geliebten, der sie offenbar verlassen hat. Wir hören seine Stimme aber nicht, wir hören nur das, was sie ihm sagt. Ob da wirklich jemand ist am anderen Ende, oder sie eigentlich nur noch verzweifelt monologisiert, wissen wir nicht. Sie fährt alle Register auf, um den Geliebten zurückzugewinnen: Betteleien, Beschwörungen, Suiziddrohungen; ihre Fixierung auf das Telefon, das sie sogar mit ins Bett nimmt, ihre Selbstdegradation, ihre Selbst-Identifizierung mit ihrem Hund mitanzusehen und zu hören, ist kaum aushaltbar; sie ist eine Frau, die spricht und sich verspricht: Ihre Stimme ist ihr Medium, mit dem sie nichts mehr ver-mitteln oder über-mitteln kann; das Telefon hilft nicht, um Vermittlungsdistanzen zu überwinden, es verstärkt sie nur, so hat diese Frau eine Stimme, die nur noch das Sprechen selbst bezeugt. Die Stimme ist nur noch Spur eines Subjektes, das sich mit ihr zum Verschwinden bringt. Der Hund ist bereits tot, als Elle am Ende den Hörer fallen lässt.

Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Die Performance an der Hamburgischen Staatsoper fällt aus dem gewohnten Programm und ist damit gelungen. Sie ist kein Stück zur Entspannung, es gibt keine Versöhnung, man bekommt keine hübsche „Dekorationsoper“ zu sehen, aber auch keine ins Affirmative kippende Schock-Überspitzung von Widersprüchen, die uns Frank Castorf kürzlich mit „molto agitato“ dort präsentiert hat.

Mit „Pierrot lunaire/ La voix humaine“ erwartet das Publikum eine Darbietung, die keine der Fragen beantwortet, die sie aufwirft. Möglich, dass es genau das ist, was Kunst heute noch sagen kann, wenn sie so eindringlich auf Ungesagtes und Unsagbares verweist – und so an den Grenzen der Sprache noch nach einer Öffnung zum Anderen sucht.

What about us? Wenn der Ort der Rückkehr schon beim Aufbruch eine U-Topie gewesen ist … und am anderen Ende der Leitung vielleicht zu keiner Zeit irgendjemand sein wird, der einen An-Ruf erwartet?
Wovon werden wir sprechen? Von wo?
Werden wir uns dort weiter
versprechen?

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Bild oben: Anja Silja, Foto: Brinkhoff/Mögenburg

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