Gesichter der Antimoderne

Der von Martin Jander und Anetta Kahane herausgegebene Sammelband „Gesichter der Antimoderne. Gefährdungen demokratischer Kultur in der Bundesrepublik Deutschland“ enthält 16 Aufsätze zum Thema, worin verschiedene Erscheinungsformen der Antimoderne thematisiert und häufig ihre Kontexte mit dem Antisemitismus untersucht werden…

Von Armin Pfahl-Traughber

Demokratien der Gegenwart sind vielfältigen Gefahren ausgesetzt. Fragt man nach den gemeinsamen Merkmalen einschlägiger Positionen, so könnten diese zumindest teilweise in der Frontstellung gegen die Moderne gesehen werden. Diese Einsicht dürfte den Historiker Martin Jander und Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung zur gemeinsamen Herausgabe eines Sammelbandes zum Thema motiviert haben. Dieser wurde mit „Gesichter der Antimoderne. Gefährdungen demokratischer Kultur in der Bundesrepublik Deutschland“ überschrieben. In der Einleitung bleibt indessen etwas unklar, was genau mit Moderne gemeint wird. Es soll erkennbar auch um eine kulturelle und nicht nur um eine technische Moderne gehen. Erst in einem späteren eigenen Beitrag nennt Kahane diverse Merkmale, wozu sie Abstraktion, Individualität, Kosmopolitismus oder Universalismus zählt. Die Ablehnung derartiger Auffassungen durch ganz verschiedene Protagonisten wird danach in dem Sammelband mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten thematisiert.

Dabei betonen die Herausgeber, dass es einen Einklang von Judentum und Moderne gebe und Antimoderne und Antisemitismus häufig miteinander einhergingen. Diese Auffassung erklärt, warum viele der 16 Aufsätze sich eben auch mit der Judenfeindschaft in unterschiedlichen Kontexten beschäftigen. Indessen gehen nicht alle Beiträge auf dieses eigentliche Thema ein, was aber ein grundsätzliches Problem vieler Sammelbände ist. Denn viele Autoren lassen sich durch Herausgeber nur eingeschränkt „disziplinieren“. So steht es ebenfalls in diesem Fall, wo einzelne Autoren sich dezidiert an derartigen Fragestellungen abarbeiten, andere aber auf ganz andere Themenfelder rücken. Darüber hinaus hat man es mit unterschiedlichen Beiträgen zu tun, der wissenschaftliche Aufsatz steht neben der essayistischen Betrachtung und der wiederum neben dem journalistischen Kommentar. Auf alle Beiträge kann in einer Rezension ohnehin nicht eingegangen werden. Daher soll es mit einem Blick auf die Themen zunächst nur um einen Überblick gehen. So wird die inhaltliche Vielfalt deutlich:

Die Herausgeberin Kahane selbst erörtert das der Antimoderne eigene Unbehagen am Jüdischen, was für einen interessanten Deutungsansatz für die Frontstellung gegen die Moderne steht. Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn untersucht die Einstellung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit zum westdeutschen Rechtsterrorismus, womit der Aufsatz sich doch weiter vom Kernthema des Sammelbandes entfernt, was indessen nicht gegen seine Qualität spricht. Der Journalist Alan Posener betrachtet die „merkwürdige Liebe der Rechten zu Israel“, ignoriert dabei aber die dafür mit entscheidende Muslimenfeindlichkeit. Mehrere Beiträge, die von der Sozialwissenschaftlerin Susanne Bressan, dem Kulturhistoriker Tobias Ebbrecht-Hartmann, dem Politologen Martin Kloke oder dem Historiker Ulrich Schuster stammen, beschäftigen sich mit einem häufig ignorierten Thema: der Antimoderne und dem Antisemitismus bei den Linken, wobei man sich aber zu sehr auf den historischen Linksterrorismus konzentriert.

Es werden auch eher ungewöhnliche Betrachtungen angestellt: So geht Kloke in einem weiteren Text auf die „christlichen Zionisten“ ein. Der Soziologe Ido Zelkovitz behandelt die Aktivitäten der „Generalunion Palästinensischer Studenten“ als deutschem Arm der Fatah, die darüber ihre Infrastruktur auch in anderen europäischen Ländern aufbaute. Und der Historiker Ismail Küpeli deutet den türkischen Nationalismu als antipluralistische Position, würden doch ansonsten Bedrohungen nur eingeschränkt auf den Islamismus gesehen. All diese Beiträge stammen von guten Kennern der Materie, die mit ihren Fallstudien die Kenntnisse zu antimodernen Potentialen erhöhen. Nicht alle Abhandlungen passen zum eigentlichen Sammelbandthema. Insofern müssen sich Interessierte immer thematische Rosinen herauspicken. Es gibt genügend darin! Irritierend ist eine Anmerkung auf dem Klappentext, wonach man die Ansätze der Extremismusforschung zurückweise. Der analytische Blick auf eine Frontstellung gegen die politische Moderne entspricht dem doch genau.

Martin Jander/Anetta Kahane (Hrsg.), Gesichter der Antimoderne. Gefährdungen demokratischer Kultur in der Bundesrepublik Deutschland, Baden 2020, 347 S.

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