„Uns kann das Schlimmste passieren“

Das Tagebuch des 14-jährigen Yitskhok Rudashevski aus dem Ghetto Wilna ist erstmals auf Deutsch erschienen…

Am Morgen des 24. Juni 1941 besetzten deutsche Truppen Wilna. Die heutige Hauptstadt Litauens mit damals etwa 70.000 jüdischen Einwohnern galt als das Jerusalem des Ostens, sie war wichtiges kulturelles Zentrum des osteuropäischen Judentums. Sowohl bedeutende Vertreter der rabbinischen Tradition wie auch Verfechter der Haskala, der jüdischen Aufklärung, lebten und wirkten in der Stadt. Hier erblühte die hebräische und jiddische Literatur; es entstand mit dem YIVO-Institut die erste akademische Einrichtung, die sich der wissenschaftlichen Erforschung der jiddischen Sprache und Kultur widmete. Mit dem Einmarsch der Deutschen endet diese Blüte jäh; wenige Monate später hatten die Nationalsozialisten rund die Hälfte der jüdischen Bevölkerung ermordet, die andere Hälfte in ein Ghetto gepfercht.

„Die Möbel der Juden werden konfisziert“, notiert der 14-jährige Schüler Yitskhok Rudashevski 1941 in seinem Tagebuch. „In der Nacht wurde die jüdische Bevölkerung aus den Gassen hinausgeführt, wohin, wir wissen es nicht.“ Als Mitglied der sowjetischen Jugendbewegung Komsomol war der Gymnasiast wissbegierig und vielseitig interessiert – an Geschichte, Literatur und Politik. Das machte ihn zu einem aufmerksamen Beobachter und Chronisten. „Die Lage wurde immer angespannter“, berichtet er einige Tage später über die Nacht vom 5. auf den 6. September 1941. „Morgen werden wir ins Ghetto geführt.“ Zuvor hatte man die jüdischen Bewohner, die auf dem für das Ghetto vorgesehenen Gebiet lebten, mit unbekanntem Ziel verschleppt. „Später wurde es bekannt: nach Ponar, wo sie erschossen wurden,“ notiert Yitskhok Rudashevski nüchtern.

Yitskhok, Wilna 1938, Repro: aus dem besprochenen Band (Beit Lochamei Hagetaot)

In Ponar, einer Massenexekutionsstätte vor den Toren Wilnas, fanden zwischen Juli 1941 bis Juli 1944 circa 100.000 Menschen den Tod – unter tätiger Teilnahme litauischer Helfer, aber in deutscher Verantwortung.

Während Rudashevski von Sommer 1941 bis Anfang Herbst 1942 nur wenige Einträge schreibt, zumeist längere Berichte ohne genaue Datierung, dokumentiert er das Leben im Ghetto ab September 1942 mit nahezu täglichen Notizen. Eine der letzten Zeilen aus diesem ersten Kapitel, die vermutlich im Frühjahr 1942 zu Papier gebracht wurde, ist von der Hoffnung geprägt, dass der NS-Terror bald vorbei sei. „Den einzigen Trost bieten jetzt die letzten Nachrichten von der Front“, schreibt er. „Weit im Osten hat die Rote Armee eine Offensive begonnen. Die Sowjets haben Rostow besetzt, haben von Moskau aus einen Schlag ausgeteilt und marschieren voran. Und immer scheint es so, als würde die Freiheit jeden Moment erfolgen.“

Doch die Erwartung erfüllt sich nicht. „Oh, wie eintönig und traurig ist es, im Ghetto eingeschlossen herumzusitzen.“ Es ist der Vorabend von Jom Kippur, der 20. September 1942: „Die Herzen, die im Griff des Ghetto-Leids zu Stein geworden sind und keine Zeit gehabt haben, sich auszuweinen, haben an diesem Abend der Klagen all ihre Bitterkeit ausgegossen.“ Trotz aller Gewalt, Entbehrung und Trostlosigkeit bewahrten sich die Todgeweihten gleichwohl ihre Menschlichkeit, indem sie ihre kulturellen und sozialen Traditionen lebten. Im Ghetto gab es Synagogen, Schulen, einen Sportklub, Theatergruppen sowie eine Bibliothek. Am 13. Dezember 1942 notiert Yitskhok Rudashevski: „Heute hat das Ghetto die 100.000ste Buchausleihe gefeiert.“ Begeistert wurde das Jubiläum mit einem künstlerischen Programm im Theatersaal gefeiert, der menschliche Geist triumphierte über die nationalsozialistische Barbarei. „Hunderte von Menschen lesen im Ghetto. Für mich ist das Bücherlesen das größte Vergnügen. Das Buch verbindet uns mit der Zukunft, das Buch verbindet uns mit der Welt.“ Die Bibliothek bestand bis zum 23. September 1943, jenem Tag, an dem das Ghetto liquidiert wurde.

Obwohl bis Herbst 1943 keine größeren „Aktionen“ mehr im Ghetto stattfanden, wurden doch immer wieder Menschen oder ganze Gruppen festgenommen und in Ponar erschossen. „Die Stimmung im Ghetto ist sehr gedrückt“, schreibt der mittlerweile 15-jährige Junge. Ab Ende März hatten die Deutschen begonnen, mehrere Schtetls in der Provinz Wilna zu liquidieren, auch das Ghetto in Kowno wurde geräumt. Tausende von Menschen wurden mit der Eisenbahn nach Ponar transportiert und dort ermordet. „Wir kennen jetzt alle entsetzlichen Einzelheiten“, ist unter dem Eintrag vom 6. April 1943 zu lesen. „Wie wilde Tiere vor dem Sterben, begannen die Menschen in tödlicher Verzweiflung die Eisenbahnwaggons aufzubrechen, … Hunderte wurden erschossen, als sie wegrannten.“

Dieser Eintrag ist der vorletzte in Yitskhok Rudashevskis Tagebuch, einen Tag später enden die Aufzeichnungen mit dem Satz: „Uns kann das Schlimmste passieren.“ Der Autor und seine Familie blieben jedoch noch ein halbes Jahr am Leben. Einige Tag nach Auflösung des Ghettos wurden Yitskhok und seine Familie in einem Versteck aufgespürt und in Ponar erschossen.

Nach der Befreiung Wilnas durch die Rote Armee wurde das Tagebuch auf einem Dachboden gefunden und dem von Überlebenden gegründeten Jüdischen Museum Wilna übergeben. Nachdem die sowjetischen Behörden das Haus 1949 geschlossen hatten, sorgte der Dichter Abraham Sutzkever dafür, dass das Tagebuch dem YIVO-Archiv in New York übergeben wurde. Der jiddische Literat regte auch die erste Veröffentlichung der Notizen in jiddischer Sprache an. Das „Togbukh fun Vilner Geto“ erschien 1953 in der von Sutzkevers verlegten Zeitschrift „Di Goldene Keyt“. Eine englische Ausgabe folgte erst 20 Jahre später; bis eine deutschsprachige Edition erschien, vergingen weit über 70 Jahre.

Es ist das große Verdienst des renommierten Berliner Metropol Verlags, dieses wichtige Zeugnis der Shoa, welches vom Herausgeber und Übersetzer Wolf Kaiser fachkundig kommentiert wurde, endlich dem deutschen Leser zugänglich gemacht zu haben. Ein authentisches Dokument: es bezeugt eindrücklich den Alltag des Grauens, das Überleben und Sterben im Ghetto Wilna. – (jgt)

Yitskhok Rudashevski, Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna. Juni 1941 – April 1943, 150 Seiten, Berlin 2020, ISBN: 978-3-86331-534-4, 16,00 €, Bestellen?

Bild oben: „Achtung Judenviertel! Seuchengefahr!“, warnt das Schild am Ghettoeingang Rudnickastr. in Wilna. Repro: aus dem besprochenen Band (Wikimedia/Public Domain)

 

 

 

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