Die gefährliche These vom Einzeltäter

Vor genau 40 Jahren verübte ein junger Neonazi einen blutigen Anschlag auf das Oktoberfest in München. Dreizehn Menschen, darunter der Attentäter, kamen dabei zu Tode. Der eigentliche Skandal: Über Jahrzehnte hinweg versuchte das Landesamt für Verfassungsschutz, das Landeskriminalamt und die bayerische Staatsregierung die politischen Hintergründe der Tat kleinzureden…

Von Ralf Balke

In Bayern ist man konsequent. Ein Oktoberfest in München wird nicht einfach abgeblasen, nur weil ein paar „halbverrückte Spinner“, wie sie der damalige Ministerpräsident Franz-Josef Strauß die Täter nannte, dort am späten Abend des 26. Septembers 1980, also vor genau 40 Jahren, einen 1,4 Kilogramm TNT-Sprengsatz zur Explosion gebracht hatten, der dreizehn Menschen tötete und rund 200 weitere verletzte. Nach den Aufräumarbeiten feierte man munter umgehend weiter. Zwar stellte das Bayrische Landeskriminalamt sofort eine „Theresienwiese“ benannte, anfangs 50-köpfige Sonderkommission auf die Beine, die mit der Spurensicherung und der Befragung von Zeugen begann. Doch gestalteten sich die Ermittlungen damals recht eigentümlich, wie sich Jahre später herausstellen sollte.

Weil der Anschlag nur wenige Tage vor der Bundestagswahl am 5. Oktober 1980 geschah und der amtierende Ministerpräsident von Bayern gegen den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt angetreten war, wurde das blutige Ereignis von München sogleich zum Wahlkampfthema. Denn die in Bonn regierende SPD war mit dem Slogan „Sicherheit für Deutschland“ ins Rennen gegangen – schließlich lag der sogenannte „Deutsche Herbst“, die Hochphase des Terrorismus der Roten Armee Fraktion (RAF), gerade einmal drei Jahre zurück. Sofort instrumentalisierte Strauß das Geschehen vom 26. September 1980, in dem er vom linken Terror sprach und unter anderem dem damaligen Bundesinnenminister Gerhard Baum (FDP) eine Mitschuld an dem Attentat attestierte. „Ja, Herr Baum hat schwere Schuld in zweierlei Hinsicht auf sich geladen“, wie er der „Bild am Sonntag“ gegenüber erklärte. „Erstens durch die ständige Verunsicherung und Demoralisierung der Sicherheitsdienste, die sich ja heute nicht mehr trauen, im Vorfeld aufzuklären und den potenziellen Täterkreis festzustellen. Zweitens durch die Verharmlosung des Terrorismus. Für mich ist Herr Baum als Innenminister eine Skandalfigur.“ Dabei läßt sich nicht nur aus heutiger Perspektive sagen, dass die eigentliche Skandalfigur der bayrische Ministerpräsident selbst gewesen ist. Denn schon damals zeichnete sich ab, wer die Hintermänner waren und welche Motive sie hatten. Aber auch das Landesamt für Verfassungsschutz des Freistaats, das Landeskriminalamt sowie weitere bayrische Politiker fielen nicht durch einen übermäßigen Ehrgeiz auf, die Mordtat als genau das zu untersuchen und zu bezeichnen, was sie war, und zwar als eine blutige Manifestation des deutschen Rechtsterrorismus.

Über Jahre hinweg insistierten sie alle, dass es sich bei dem Anschlag um die Tat eines Einzelnen gehandelt haben soll. Denn am Ort des Geschehens wurde der Personalausweis des aus Donaueschingen stammenden 21-jährigen Geologie-Studenten Gundolf Köhler gefunden, der ebenfalls dort zu Tode gekommen war. Auch hatten mehrere Zeugen gesehen, wie er mit einem kleinen Koffer sowie einer Plastiktüte auf dem Oktoberfestgelände unterwegs sein war. Damit zeichnete sich für die Ermittler rasch ab, wer wohl als Urheber des Anschlags infrage kam. Eine Hausdurchsuchung ergab dann, dass Gundolf Köhler nicht nur eifrig Nazi-Devotionalien – unter anderem hing ein Hitler-Bild über seinem Bett – gesammelt hatte, sondern ebenfalls reichlich Chemikalien zum Bau von Sprengsätzen bunkerte. Nur über die Motive rätselten man noch. Dabei hatte die Generalbundesanwaltschaft herausgefunden, dass Köhler schon 1975 Kontakt zur Wehrsportgruppe Hoffmann aufgenommen hatte, einer neonazistischen Vereinigung, die 1973 von dem Grafiker Karl-Heinz Hoffmann gegründet wurde und in Bayern beheimatet war. Darüber hinaus gab es Kontakte zur NPD, Gundolf Köhler war unter anderem Mitglied der „Wiking-Jugend“ gewesen. Alle diese Informationen sollten der Öffentlichkeit bereits ein Tag nach dem Anschlag bekannt sein, weil die Illustrierte „Quick“ dank der Indiskretion seitens eines ermittelnden Beamten davon Wind bekam.

Am 28. September schließlich erklärte auch Generalbundesanwalt Kurt Rebmann: „Nach den bisherigen Ermittlungen kommt als Täter der 21-Jähriger Geologiestudent Gundolf Köhler aus Donaueschingen in Betracht. Er kam bei dem Attentat ums Leben. Wir nehmen nicht an, dass Köhler als Alleintäter gehandelt hat, die Ermittlungen haben ergeben, dass Köhler Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann war.“ Dann geschah das eigentlich Erstaunliche: Trotz all dieser Indizien zeigten die bayrischen Behörden wenig Neigung, die rechten Strukturen näher unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, in welcher Form Gundolf Köhler mit wem in Kontakt stand. Denn für einige CSU-Politiker wäre dies recht peinlich geworden, Stichwort Verharmlosung. Beispielsweise spottete Strauß noch Anfang des Jahres 1980 gegenüber französischen Journalisten, die ihn zum Thema Wehrsportgruppe explizit befragt hatten: „Mein Gott, wenn ein Mann sich vergnügen will, indem er am Sonntag auf dem Land mit einem Rucksack und mit einem mit Koppel geschlossenen Battle-Dress spazieren geht, dann soll man ihn in Ruhe lassen.“ Denn der von ihm im September 1980 so gescholtene Bundesinnenminister Baum hatte zu diesem Zeitpunkt ein Verbot der Wehrsportgruppe Hoffmann erlassen, was Strauß wiederum als völlig überzogen abtat. Dabei fand die Polizei bei ihren Durchsuchungen der Treffpunkte ihrer Mitglieder jede Menge Waffen, Handgranaten und ein paar Militärfahrzeuge. Und nur ein Jahr zuvor hatte Bayerns Innenminister Gerold Tandler auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion ebenfalls erklärt, dass es sich beim „Wehrsport“ nicht um eine strafbare Sache handeln würde und er keinerlei Gründe sehe, warum die Organisation rund um Karl-Heinz Hoffmann nun verboten werden sollte. Also bestand man in Bayern nun umso mehr auf der Einzeltäter-These, sprach von einer „sexuell frustrierten Person“, die ihre Umwelt hasste. Auch durch die damals bereits bekannten Fakten wie Hinweise darüber, dass Köhler einen solchen Sprengsatz niemals hätte alleine bauen können, einem von mehreren Zeugen beobachteten Streit mit zwei anderen Männern kurz vor dem Anschlag am Tatort sowie die vielfältigen Verbindungen des Geologie-Studenten zur neonazistischen Szene ließ man sich nicht beirren. Und so stellten im Mai 1981 zuerst das bayrische Landeskriminalamt und dann im November 1982 die Generalbundesanwaltschaft alle Ermittlungen ein, weil der Täter, also Gundolf Köhler, ja bereits tot war und weitere Tatbeteiligte nicht existent seien.

Zweimal wurde in den Jahren danach seitens der Opfer des Anschlags, ihrer Angehörigen oder einem Bündnis aus Gewerkschaftlern sowie einzelnen Politikern versucht, das Verfahren wieder aufzunehmen, beide Male wurden die Anträge abgelehnt. Erst 2014, nachdem immer mehr Ermittlungspannen und Ungereimtheiten bekannt wurden, ordnete Generalbundesanwalt Harald Range eine erneute Untersuchung an und beauftragte das Bayrische Landeskriminalamt mit dieser Aufgabe. Nach über 1.000 Vernehmungen sowie der Auswertung von mehr als 300.000 Seiten Akten erfolgte am 20. Juli 2020 die Entscheidung des Generalbundesanwalts. Es gäbe keine ausreichenden Hinweise auf eine Beteiligung weiterer Personen am Anschlag auf das Oktoberfest. Nur über die Motive wäre man jetzt besser im Bilde: Köhler hätte aus einer rechtsextremen Einstellung heraus gehandelt und wollte mit der Tat die Bundestagswahl von 1980 beeinflußen. Der Anschlag sollte den Linken in die Schuhe geschoben werden, um so Strauß zum Wahlsieg zu verhelfen. Letztendlich aber lautete das Ziel des Geologie-Studenten die Errichtung eines Führerstaats nach nationalsozialistischen Vorbild.

Dass es auch bei zweiten Anlauf nicht klappen sollte, dafür sind keinesfalls nur die vielen Ermittlungspannen der Vergangenheit Schuld. So wurden damals Zeugen nicht richtig oder gar nicht erst vernommen. Viel schlimmer aber war das spurlose Verschwinden eines am Explosionsort entdeckten Fragments einer Hand sowie eines Laborbuches in den Jahren danach. 1997 wurden schließlich – angeblich aus Platzmangel – 504 Asservate vernichtet, wie zum Beispiel die 48 Kippen von gleich sechs verschiedenen Zigarettenmarken aus dem Aschenbecher von Gundolf Köhlers Fahrzeug, wodurch mittels DNA-Analysen womöglich Verbindungen zu anderen Personen hätten belegt werden können. Und da ist noch ein weiterer Fall, der sehr wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Anschlag auf das Oktoberfest in München steht, und zwar der Doppelmord an Shlomo Lewin, dem ehemaligen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke in Erlangen. Am Tatort fand sich eine Brille, die keinem der beiden Opfer gehörte, aber von einem im Nachbarhaus von Karl-Heinz Hoffmann sich befindlichen Optikerladen in Heroldsberg stammte und der Hoffmann-Freundin Franziska Brinkmann gehörte. Auch damals fielen die Behörden durch eine eklatante Nachlässigkeit auf. „Es hat den Anschein, als seien die Ermittler in diesem Mordfall mit Blindheit geschlagen“, war 1984 im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zu lesen. „Noch über Monate hinweg suchte die Polizei den Lewin-Mörder keineswegs im Spektrum von Rechtsaußen, sondern unter Angehörigen der jüdischen Gemeinde.“ Dann gab es doch einen Tatverdächtigen, und zwar Uwe Behrendt, auch er ein enger Vertrauter von Karl-Heinz Hoffmann. Nur konnte den keiner mehr befragen, weil Behrendt im Libanon Ende 1980 Selbstmord begangen hatte. Auch lässt sich dieser Doppelmord bis heute nicht wirklich aufklären, weil das Bundesamt für Verfassungsschutz die Freigabe der Akten verweigert.

Viele Pannen, Fehleinschätzungen sowie das auffällige Vernichten von Beweisstücken kommen einem auch aus jüngerer Zeit bekannt vor, die Rechtsterroristen des NSU lassen grüßen. Eine weitere Parallele ist die beharrliche Weigerung der Verantwortlichen in der Politik, über die Involvierung von möglichen V-Leuten sowohl damals auch auch in der Gegenwart in derartige Verbrechen aufklären zu wollen. Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung noch 2017 explizit dazu aufgefordert, genau diese aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann zu nennen. Und dass 40 Jahre nach dem Anschlag dieser Tage der bayrische Innenminister Joachim Herrmann von einem Fehler von Franz Josef Strauß bei der Einschätzung der rechten Terrortruppe spricht, klingt heute ein wenig wie Hohn.

Bild oben: Screenshot BR

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