Flucht in die Fantasie

Konzerte geflüchteter jüdischer Komponistinnen und Komponisten. In drei Programmen präsentiert die Konzertreihe LIVING MUSIC 2020 Werke von Ursula Mamlok, Chaya Arbel, Darius Milhaud, Matyas Seiber und anderen…

MITWIRKENDE: Mimi Sheffer (Kantorin/Sopran), Mirlan Kasymaliev (Klavier); deutsch-israelisches Else Ensemble mit Shelly Ezra (Klarinette); Detlef Bensmann (Saxophon), Itay Dvori (Klavier)

Die Konzertreihe LIVING MUSIC 2020 wächst – in diesem Jahr vor allem in die Tiefe. Aufgrund der Corona-Pandemie präsentiert sich die Musikreihe mit vier statt acht Konzerten.

Sind seit ihrer Gründung vor sechs Jahren mit jedem Jahr mehr Konzerte und erfolgreiche Happenings dazugekommen, liegt der Fokus in diesem Jahr auf Neuentdeckungen und generationenübergreifendem Dialog: Neuentdeckungen vergessener geflüchteter jüdischer Komponistinnen und Komponisten wie Chaya Arbel und Ilse Wunsch, Dialog mit Brandenburger Jugendlichen wie auch mit jungen Geflüchteten aus muslimisch geprägten Ländern, die mittels der Musik und der jüdischen Fluchtschicksale an ihren eigenen Erfahrungshorizont anknüpfen und so Vorurteile abbauen können.

Auch zeigt LIVING MUSIC 2020 unter dem übergreifenden Motto „Flucht in die Fantasie“ weitere Facetten der enormen künstlerischen Bandbreite bereits wiederentdeckter Musikerinnen und Musiker, darunter Erwin Schulhof, Rosy Wertheim und Else Wunsch.

Ursprünglich hatten wir acht Konzerte geplant sowie, nach dem Erfolg des vergangenen Jahres, auch wieder Happenings mit Filmen, Videoinstallationen, Lesungen und Tanz“, sagt die künstlerische Leiterin Mimi Sheffer.

Die Organisatoren haben nun wegen Corona umdisponiert und alles darangesetzt, die vier Konzerte und szenischen Lesungen unter strengen Hygienevorkehrungen mit umso mehr Inhalt und Intensität auszubauen.

Dabei herausgekommen seien laut Sheffer „drei bunte und aufregende Konzertprogramme“. Statt der Happenings wird es Vorkonzerte in Kooperation mit jungen Musikern geben, beide als Partnerschaft mit dem Projekt „Kaleidoskop“, einem Parallelprojekt des Vereins KOL – jüdische Musik beleben und erleben.

NEUJAHRSKONZERT. Offizieller Auftakt ist das traditionelle Neujahrskonzert zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana unter dem Motto „Ihre Stimme ruft – vertonte Gebete von Frauen“ am 11. Oktober in Potsdam – ein Programm, das in Fürstenberg nahe des früheren KZ Ravensbrück entstanden ist.

Mimi Sheffer und Mirlan Kasymaliev stellen darin bekannte jüdische Gebete vor, die von Frauen komponiert wurden, oder Gebete, die von jüdischen Frauen geschrieben und von jüdischen Komponistinnen vertont wurden, etwa ein Gebet von Berta Pappenheim, das die israelische Komponistin Anna Segal vertont hat. Hinzu kommen bekannte und beliebte jüdische Liturgien wie „Avinu Malkenu“ – in diesem Jahr jedoch unter strengen Hygienevorkehrungen ohne Vokalquartett und Neujahrsempfang.

SAXOPHON! Ein paar Tage zuvor, am 4. Oktober in Seelow, kommt bereits das dialogische Vermittlungsanliegen der Musikreihe zum Tragen: beim Konzert Saxophon! des Berliner Saxophonisten und Musikprofessors Detlef Bensmann, des Pianisten Itay Dvori und der Sopranistin Mimi Sheffer.

In einem Zwischenkonzert zu Saxophon! präsentieren Jugendliche aus Beeskow sowie drei Studenten der  Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ die Ergebnisse ihrer in einem vorangegangenen Workshop erarbeiteten künstlerischen Auseinandersetzung mit den Biografien und Kompositionen geflüchteter jüdischer Komponistinnen und Komponisten, darunter Ursula Mamlok und Peter Jona Korn. Ein weiteres Konzert samt Zwischenkonzert mit den jungen Brandenburger SaxophonschülerInnen findet am 5. Dezember in Beeskow statt.

Wir wollen damit noch stärker als bisher den Fokus auf generationenübergreifenden Dialog und Vermittlung legen, nicht nur dieser wunderbaren Musik, sondern auch der jüdischen Schicksale – um Vorurteile abzubauen, Austausch zu fördern, Antisemitismus entgegenzuwirken, Zukunft mitzugestalten“, begründet Mimi Sheffer den Schwerpunkt.

FLUCHT IN DIE FANTASIE. Dass die Konzertreihe sich von Beginn an der Aufführung von Stücken geflüchteter jüdischer KomponistInnen verschrieben hat, deren Flucht- und Verfolgungserfahrung sich in ihrer Musik widerspiegelt, wird besonders bei dem Konzert am 14. Dezember deutlich. Das Else Ensemble und seine deutschen und israelischen Musiker werden eine Premiere präsentieren: vertonte Passagen aus dem „Tagebuch der Anne Frank“. Komponiert hat das Stück „Fragmente aus dem Tagebuch der Anne Frank“ Chaya Arbel, eine ebenfalls geflüchtete jüdische Komponistin.

In Zusammenarbeit mit „MitMachMusik“, einem Projekt zur Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen ebenso wie einheimischer Kinder aus sozial schwachen Familien durch gemeinsames Musizieren, stellt das KOL-Kooperationsprojekt „Kaleidoskop“ unter der Leitung von Babak Shafian dem Konzert eine Klanginstallation voran, bei der die Jugendlichen auf ihren Instrumenten spielen – Geige, Cello und Gitarre – und selbstverfasste Gedichte in verschiedenen Sprachen vorlesen. Im Zentrum stehen dabei nicht nur vertonte Texte aus dem Tagebuch des jüdischen Mädchens, sondern darüber hinaus auch der exemplarische Werdegang der Komponistin Ursula Mamlok.

Die Biografie der jüdischen KomponistInnen ist der Ausdruck zum ‚Willen zum Leben und Frieden‘“ sagt Kaleidoskop-Leiter Babak Shafian dazu. Ausgehend von diesem Motto werde im Rahmen der Workshops „eine Auseinandersetzung mit eigenen Biografien, eigenen Ausgrenzungserfahrungen und der damit verbundenen gesellschaftspolitischen Dimension ermöglicht. Dabei soll die Musik als Verständigungs- und Ausdrucksplattform dienen. Durch die Macht der Musik und des Musikmachens erlangen die Jugendlichen ein stärkeres Selbstbewusstsein, um als Subjekt eigener Geschichte neue Gestaltungsräume zu kreieren“, sagt Babak Shafian, der 2011 bereits das Musikprojekt „Sistanagila“ mit jüdischen und iranischen Musikern gründete.

Was die Teenager aus Syrien und Afghanistan mit Ursula Mamlok und Chaya Arbel verbindet, ist die Fluchtgeschichte“, erklärt Mimi Sheffer. Die auch eine Erfolgsgeschichte werden könne, wie das Beispiel Ursula Mamlok zeige. „Das ist unser Vorhaben mit LIVING MUSIC 2020: diese Biografien näherzubringen, eigene Erfahrungen und Traumata mit deren Hilfe sowie dem Mittel der Musik zu verarbeiten und Hoffnung zu geben – und nicht zuletzt, die wunderbare Musik dieser vielen Frauen und Männer einem größeren Publikum zu erschließen.“

KONZERTTERMINE 4. Oktober, 11. Oktober, 14. Dezember (verschoben), 5. Dezember.

Saxophon!

am 4. Oktober um 15 Uhr im Kreiskulturhaus Erich Weinert, Seelow, Erich-Weinert-Straße 13.
Mitwirkende: Detlef Bensmann, Saxophon; Itay Dvori, Klavier; Mimi Sheffer, Sopran; Zwischenkonzert mit Brandenburger Saxophon-SchülerInnen und StudentInnen der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“

Das jüdische Neujahrskonzert „Ihre Stimme ruft“

am 11. Oktober um 17 Uhr im Potsdam Museum, Am Alten Markt 9.
Mitwirkende: Mimi Sheffer, Kantorin; Mirlan Kasymaliev, Klavier

Konzert zum Gedenken an die Reichspogromnacht „Flucht in die Fantasie“

verschoben auf  14. Dezember im Potsdamer Nikolaisaal, Wilhelm-Staab-Straße 10-11.
19 Uhr: Klanginstallation „MitMachMusik“ in Zusammenarbeit mit dem KOL-Parallelprojekt „Kaleidoskop“
20 Uhr: Konzert Else Ensemble; Mimi Sheffer, Sopran

Saxophon! am 5. Dezember um 19 Uhr im „Burg Beeskow“, Beeskow, Frankfurter Straße 23.

Mitwirkende: Detlef Bensmann, Saxophon; Itay Dvori, Klavier; Mimi Sheffer, Sopran; Zwischenkonzert mit Brandenburger Saxophon-SchülerInnen und StudentInnen der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“

KOL – jüdische Musik beleben und erleben e.V.

www.kol-juedischemusik.com
facebook.com/JuedischeMusikreihe/

TICKETS

Seelow, 15€/€10  info@oderbruch-tourismus.de , Tel. 03346-849808
Potsdam Museum 15€/10€ Kartenreservierung unter Tel. 0331 – 2896868
Nikolaisaal Potsdam 20€/15€ https://www.nikolaisaal.de/service-abos/service/verkaufsstellen.html#c1807  Tel.: 0049-331-28 888 28
Burg Beeskow: 15€/10€ www.resevix.de Tel: 03366 352727