Studie zu Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen vorgestellt

Interviews mit Betroffenen, 1.611 Straftaten und 209 dokumentierte Vorfälle zwischen 2014 und 2018 zeigen Antisemitismus als alltagsprägende Kontinuität für Jüdinnen_Juden…

Im Rahmen eines Fachtages in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf wurde heute im Beisein der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, durch den Bundesverband RIAS e.V. und die Servicestelle SABRA die Studie „Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen. Wahrnehmungen und Erfahrungen jüdischer Menschen“ vorgestellt. Israelbezogener Antisemitismus ist demzufolge eine dominierende Form des Antisemitismus in NRW. Hierin weicht die untersuchte Wahrnehmung von Betroffenen, aber auch die Ergebnisse zivilgesellschaftlicher Dokumentation deutlich von der polizeilichen Kriminalstatistik ab, die Antisemitismus vornehmlich im Phänomenbereich Rechtsextremismus verortet.

Die Studie „Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen. Wahrnehmungen und Erfahrungen jüdischer Menschen“ wurde im Auftrag der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen durch SABRA – Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus gemeinsam mit Bagrut – Verein zur Förderung demokratischen Bewusstseins e.V., der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. und dem Bundesverband RIAS e.V. erstellt. Die Studie kann digital eingesehen werden.

Im Rahmen der Studie wurden zwischen Juli und Dezember 2019 Interviews mit 59 jüdischen Akteur_innen aus ganz Nordrhein-Westfalen geführt. Die Interviews zeigen, dass die Mehrzahl der Befragten sowie der Personen aus ihrem Umfeld im Alltag mit Antisemitismus konfrontiert sind. Dieser äußert sich in verletzendem Verhalten, Bedrohungen, aber auch vereinzelt in antisemitischen Angriffen. Alle Befragten erwähnten die Zunahme des israelbezogenen Antisemitismus, insbesondere in Verbindung mit antisemitischen Demonstrationen und Ausschreitungen im Sommer 2014.

Von 209 antisemitischen Vorfällen zwischen 2014 und 2018, die durch zivilgesellschaftliche Initiativen bekannt gemacht und in der Studie analysiert wurden, waren lediglich 54 Fälle auch in der PMK-Statistik aufgeführt: Etliche Vorfälle und Straftaten, die nach Einschätzung des Bundesverbandes RIAS antisemitisch waren, wurden entweder polizeilich nicht bekannt oder nicht als antisemitisch bewertet. Dies verweist auf eine Wahrnehmungsdiskrepanz zwischen Jüdinnen_Juden sowie den staatlichen Sicherheitsbehörden und die Notwendigkeit einer systematischen zivilgesellschaftlichen Dokumentation antisemitischer Vorfälle in Nordrhein-Westfalen.

Stimmen zur Veröffentlichung der Studie „Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen. Wahrnehmungen und Erfahrungen jüdischer Menschen“:

Sophie Brüss (Referentin für Antidiskriminierungsarbeit, Servicestelle SABRA):
„Die von uns in Kooperation mit der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und dem Bildungsverein bagrut e.V. erarbeitete Studie zeigt, dass Antisemitismus kein Rand-, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das kulturell tief verwurzelt ist und auch in die Institutionen wie z.B. Justiz oder Schule greift. Um Jüdinnen und Juden zu schützen und ihr Vertrauen in staatliche Institutionen und in die Zivilgesellschaft zurückzugewinnen, ist es umso wichtiger, tiefgreifende, umfassende und nachhaltige Maßnahmen zu ergreifen. Diese sollten im Idealfall dazu führen, dass Jüdinnen und Juden in Nordrhein-Westfalen angstfrei und offen ihre jüdische Identität ausleben können und als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft gesehen werden.

Benjamin Steinitz (Geschäftsführer, Bundesverband RIAS e.V.):
„Die Studie zeigt: Antisemitismus ist in Nordrhein-Westfalen ein enorm vielschichtiges, für die Betroffenen häufig ein alltagsprägendes Phänomen. Das wird in den Schilderungen der Interviewpartner_innen deutlich – es zeigt sich aber auch an der großen Zahl von 1.766 antisemitischen Straftaten und Vorfällen in nur fünf Jahren. Jeden Tag wird ein antisemitischer Vorfall in Nordrhein-Westfalen bekannt. Das Land Nordrhein-Westfalen benötigt dringend eine zivilgesellschaftliche Meldestelle, die Betroffene unterstützt und antisemitische Vorfälle aus Betroffenenperspektive kontinuierlich nach den vom Bundesverband RIAS entwickelten Standards dokumentiert!“

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen):
„Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich: Der Anteil antisemitischer Vorfälle im sogenannten Dunkelfeld ist riesig. Beschimpfungen, Schmähungen und Übergriffe werden in der Polizeistatistik nicht vollumfänglich erfasst, prägen aber den Alltag vieler Jüdinnen und Juden in unserem Land. Um diese Vorfälle ans Licht zu bringen und die Präventionsarbeit gegen Antisemitismus mit zielgerichteten Angeboten zu stärken, braucht es einen umfassenden Überblick über die antisemitischen Gefährdungen und deren Ursachen. Zentral ist dafür die Einrichtung einer leicht erreichbaren Anlaufstelle für betroffene Menschen. Eine Meldestelle zu antisemitischen Vorfällen in Nordrhein-Westfalen ist deshalb notwendig, die wir gemeinsam mit Partnern aus der Zivilgesellschaft und der Landesregierung umsetzen.“

Abraham Lehrer (Vorsitzender, Synagogen-Gemeinde Köln, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland):
„Ein niedrigschwelliges Meldesystem für antisemitische Vorfälle ist seit langem überfällig. Betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus unseren Gemeinden haben immer wieder über die fehlende Möglichkeit geklagt, sich jemandem zu öffnen oder geeignete Unterstützung und Hilfe in Ihrem Bemühen der Verarbeitung zu erhalten. Sowohl der Zentralrat der Juden in Deutschland, aber auch die Synagogen-Gemeinde Köln wurden von ihren Mitgliedern häufig auf diesen Missstand hingewiesen. SABRA und der Bundesverband RIAS e.V. sind mit Unterstützung und Beteiligung der Jüdischen Organisationen in diese Lücke gesprungen und leisten hier in NRW und bundesweit eine vorbildliche Arbeit.“

Inna Goudz (Geschäftsführerin, Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein):
„Die vom Bundesverband RIAS e.V. und SABRA durchgeführte und vorgestellte Studie zeigt das erschreckende Ausmaß des in Nordrhein-Westfalen vorhandenen Antisemitismus. Hier wird schwarz auf weiß bestätigt, was die in unserem Verband zusammengeschlossenen jüdischen Gemeinden uns seit langem berichten: Jüdische Menschen fühlen sich nicht mehr sicher und sind vermehrt antisemitischen Angriffen verschiedenster Art ausgesetzt. Die Studie zeigt aber auch, dass es von großer Bedeutung ist, jüdische Einrichtungen und Institutionen in die Strukturen zur Bekämpfung von Antisemitismus einzubeziehen. Dies unterstützen wir als Landesverband ausdrücklich und fordern die Politik auf entsprechend zu reagieren.“

Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Bundesverband RIAS) e.V. wurde im Oktober 2018 gegründet. Er verfolgt das Ziel, bundesweit eine einheitliche zivilgesellschaftliche Erfassung und Dokumentation antisemitischer Vorfälle zu gewährleisten. Das Projekt RIAS – bundesweite Koordination des Bundesverbands RIAS e.V. wird seit 2020 durch das Programm „Demokratie Leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

SABRA – Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus wurde 2017 in Trägerschaft der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf gegründet und bietet Einzelfallberatung bei Fällen von Antisemitismus und rassistischer Diskriminierung an. Weiterhin leistet SABRA umfangreiche Präventions- und Bildungsarbeit zum Themenschwerpunkt Antisemitismus und arbeitet in verschiedenen lokalen, landes- und bundesweiten Netzwerken mit. SABRA ist Mitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft des Bundesverbands RIAS und bietet die Möglichkeit, antisemitische Vorfälle zu melden und zu dokumentieren.

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