„Wir feiern das Leben und die Liebe!“

Sharon Brauners und Karsten Troykes großartiges Balagan-Konzert in Düsseldorf…

Von Roland Kaufhold
Zuerst erschienen in: Jüdische Allgemeine v. 13.08.2020

„Als geborener Düsseldorfer kenne ich hier jeden Stein. Und ich freue mich immer wieder ganz persönlich, wenn ich Sharon Brauner und Karsten Troyke hier in Düsseldorf erleben und begrüßen darf!“ Michael Rubinstein, als Nachfolger von Michael Szentei-Heise seit April neuer Gemeindedirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs, traf in seiner Begrüßungsansprache die Atmosphäre des jüdischen „Balagan“-Open Air Konzertes im Musikpavillon im Hofgarten. Seine erste Begegnung mit Sharon Brauner sei eine „musikalische Liebe auf den ersten Blick“ gewesen.

Dass penibel auf die Corona-Regeln geachtet wurde, ohne die begeisterte Atmosphäre bei den mehreren Hundert Besuchern einzudämmen, verstand sich von selbst.

Der Düsseldorfer Oberbürgermeister Geisel, bei Tel Aviver Temperaturen von 39 Grad „in Zivil“ erschienen, freute sich in seiner Begrüßungsansprache sichtlich über das Balagan Konzert des international renommierten Quartetts um Sharon Brauner und Karsten Troyke: „Endlich mal wieder raus kommen“, gemeinsam musikalisch zu feiern, „verantwortungsvoll Musik zu genießen“, das sei ein wirkliches Erlebnis. Für ihn, betonte OB Geisel, sei dies einer der Höhepunkte der Hofgartenkonzerte. Und Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, sprach von einem Tel Aviver Sommer, „den wir heute gezaubert haben.“   

Sharon Brauner und Karsten Troyke, ergänzt durch den souverän aufspielenden, familiär aus Budapest sowie aus Australien gebürtigen Daniel Weltlinger (Violine) und Harry Ermer (Piano), wussten vom ersten Augenblick an Atmosphäre und Begeisterung zu verbreiten: „Wir sollten viel mehr miteinander Feiern. Und deshalb spielen wir zuerst ein Lied vom Rabbi“, rief die grazile Sharon Brauner dem Publikum zu.

Für den in Ostberlin aufgewachsenen Karsten Troyke, der seit 1980 als Chansonsänger und Sprecher auf der Bühne steht, dessen Name jedoch vor allem mit jiddischen Liedern verbunden wird, war es ein besonderer Tag, nach sechs Monaten coronabedingter Bühnenabstinenz: „Wir spielen natürlich „Abi gesint“ (Hauptsache gesund), einen frühen jiddischen Hippie Song, genauso wie ‚NATURE BOY/Shveig mein Herts’, das in der Version von Nat King Cole weltberühmt wurde, und von Leonard Cohen “Dance Me To The End Of Love“ in meiner jiddischen Version“, teilte er der Jüdischen Allgemeinen bereits zwei Tage vor ihrem Balagan-Event mit.

Die Corona-Krise habe sich auch für sie verheerend ausgewirkt. „Die medizinische Gefahr nehmen wir wahr“, und doch wollten sie wieder eine eingeschränkte Normalität wagen. „Alles, wirklich alles war abgesagt“, so der vitale, mit seiner typischen rauchigen Stimme das Düsseldorfer Publikum begeisternde Sänger gegenüber der JA. „Wir haben aber im Moment keine echten Pläne für die Zukunft.“ Dennoch: Ein Lebenskünstler wie Karsten Troyke lässt sich nicht unterkriegen, das spürte das Publikum den ganzen Spätnachmittag lang.

Auf das Motto ihres Auftrittes – „Balagan“ – kamen die beiden Ausnahmetalente mehrfach zu sprechen. Das hebräische Balagan bezeichnet Chaos, Unordnung, Verwirrung. Das sei auch ihr musikalischer Wunsch: „Noch wichtiger als Gesundheit ist Glück!“, rief Sharon Brauner, bei der man keine Spur von Aufregung bemerken konnte“, dem Publikum – darunter ein sehr großer Anteil von Düsseldorfer Gemeindemitgliedern – zu; „a bissl Glick“, danach sehnten sie sich so sehr und gerade heute.

Die erfahrene Musikerin und Schauspielerin Sharon Brauner, Tochter des Filmherstellungsleiters Wolf Brauner und Nichte Artur Brauners, hatte bereits als Dreijährige auf der Bühne gestanden und blickt auf mehr als 50 Fernseh- und Kinoproduktionen zurück. Immer wieder vermochte sie, in engem musikalischem und gestischen Kontakt zu ihren Mitmusikern, in ihrer liebenswürdig lebenszugewandten Art das sichtlich begeisterte Publikum zu rühren.

Es folgten noch Liebeslieder und Folkloresongs. „Einige verjiddischten Songs habe ich früher im Schrank meiner Eltern gefunden“, erzählte Brauner. Diese hat sie sich zeitlebens, mit außergewöhnlichem Talent und innerer Freude, in eigener Weise angeeignet und musikalisch kultiviert. Eine Form der jüdischen Identitätsbildung, die auch musikalisch höchsten Respekt  abfordert.

Am Rande verriet Karsten Troyke dann doch noch einen kleinen Hoffnungsschimmer, trotz Corona: „Unser nächster Plan: Singer‘s Festival der Shalom Foundation in Warschau, 29.-31. August.“

Fotos: R. Kaufhold