Massada, Kibbuz Lotan und Gespräche über Frieden

In der Regel reise ich von Jerusalem aus über den Highway Nummer 1 und die Jordansenke in den Süden. Im September 1995 war das anders. Ich habe diese Geschichte bereits erzählt und wiederhole mich. Unter der erfahrenen Leitung meines Freundes Jacob aus Berlin wollen wir von Eilat aus in den Sinai. In Jerusalem holte uns ein Busfahrer ab. Er nahm den umständlichen Weg in Richtung Tel Aviv, dann auf den Fernstraßen Nummer 40 und 31 über Arad weiter bis nach En Bokek am Toten Meer und auf der Straße Nummer 90 zur Festung Massada…

Von Wolfgang Frindte
Aus meinem israelischen Tagebuch

Die Festung Massada, dieses Symbol jüdischer Widerstandskraft, liegt auf einem Felsplateau am Toten Meer. Glaubt man den Erzählungen von Flavius Josephus (Flavius Josephus; Ausgabe 1978, S. 489), so hat der Hohepriester Jonathan und König von Juda (103-76 v. Chr.) als erster auf diesem Plateau eine Burg errichtet. König Herodes baute die Burg aus, versah sie mit dicken Mauern, Türmen, Vorratskellern und einem Palast; auch eine Synagoge, Mikwaot (rituelle Tauchbäder) und Wasserspeicher befanden sich zur Zeit des Jüdischen Krieges (66-74 n. Chr.) auf dem Berg. Danach muss sie in der Hand römischer Besatzer gewesen sein. Während des Jüdischen Krieges haben die Zeloten (die „Eiferer“) die Festung erobert und sich mit mehr als 970 Menschen, Soldaten, Frauen und Kindern dort verbarrikadiert.

Blick in die Synagoge (aufgenommen 2012).

Erst im Jahre 74 n. Chr. gelang es römischen Truppen die Festung nach langer Belagerung einzunehmen. Man geht davon aus, dass zirka 8000 römische Soldaten die Festung belagerten. Mit Hilfe jüdischer Gefangenen bauten die Römer eine riesige Rampe auf der Westseite der Festung. Über diese Rampe gelang es den Römern das dortige Tor zu zerstören und in die Festung einzudringen.

Die auch heute noch vorhandene Rampe an der Westseite der Festung (aufgenommen 2014).

Und, wie ich bereits an früherer Stelle erzählt habe, berichtet Flavius Josephus, dass die Belagerten beschlossen, lieber als freie Menschen zu sterben, als den Römern in die Hände zu fallen. Per Los wurden einige Soldaten ausgewählt, die anderen, mehr als 970, Menschen zu töten und anschließend sich selbst.

Als die römischen Legionäre die Festung schließlich stürmten, fanden sie nur noch zwei Frauen und fünf Kinder lebend vor. Durch diese Überlieferung wurde Massada zum Symbol des jüdischen Freiheitswillens.

Im 6. Jahrhundert n. Chr. siedelten wohl Mönche auf dem Festungsberg. Dann versank Massada und der Mythos zunächst in den Tiefen der Geschichte. Erst im 19. Jahrhundert wurden die Ruinen der Festung wiederentdeckt und in den 1950er Jahren begannen Wissenschaftler/innen der Hebräischen Universität in Jerusalem mit der gründlichen archäologischen Erkundung des Areals.

Und damit vorwärts ins Jahr 1995. Auf unserer Reise von Jerusalem nach Eilat besuchten wir auch die Festung Massada. Um auf das Plateau zu gelangen, nutzten wir bequem die Seilbahn.

Mit der Seilbahn auf dem Weg zur Festung, Blick auf das Tote Meer (im Hintergrund) und ausgegrabene Reste römischer Lager (aufgenommen 2014).

Unsere Reisegruppe bestand aus zehn Personen. Nach dem Besuch auf dem Festungsplateau genossen wir den Blick auf das Tote Meer und die Berge Moabs in Jordanien. Unseren Durst löschten wir mit frischem, eisgekühltem Orangensaft, den wir am Fuße des Berges bei einheimischen Händlern kauften. Dieses Detail ist eigentlich nicht sonderlich erwähnenswert, wird uns aber noch sehr zu schaffen machen.

Übrigens findet sich der Name Moab in der bekannten Geschichte über Lot und seinem Weibe (Genesis, 19,30–38). Nachdem der EWIGE die Städte Sodom und Gomorra vernichtet hatte, Lot und seine Töchter aber errettete, diese ihren Vater später betrunken machten und verführten, wurden eben diese Töchter schwanger.

„Die Erste gebar einen Sohn und rief seinen Namen Moab, Vaterswasser. Stammvater Moabs ist der bis heut. Auch die Jüngste gebar einen Sohn und rief seinen Namen Ben-Ammi, Sohn meiner Leute. Stammvater der Söhne Ammons ist der bis heut“ (Im Anfang, 19,37; in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig, 1987, Band 1, S. 53).

Moab ist also der Sohn von Lot, der wiederum ein Neffe Abrahams. Die Moabiter, deren Reich jenseits des Toten Meeres lag, sind somit Verwandte der Israeliten. Die Ammoniter, deren Stammvater Ben-Ammi war, hatten ihr Reich nördlich Moabs, jenseits des Jordangrabens und waren ebenfalls verwandtschaftlich mit den Israeliten verbandelt. Eigentlich eine ganz gute Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Immerhin waren die Moabiter lange Zeit dem israelischen Reich unter David Salomon tributpflichtig.

Das Tote Meer und die Berge Moabs (2015).

Auf dem Weg nach Eilat, um nach Ägypten zu wechseln und unsere Sinai-Wanderung zu starten, machten wir Zwischenhalt im Kibbuz Lotan, nahe der jordanischen Grenze. Der Name Lotan geht übrigens auf einen Nachkommen von Esau zurück (Genesis, 36, 20). Der Kibbuz wurde 1983 Jahre von der reformjüdischen Bewegung gegründet. Heute ist er bei Öko-Touristen sehr beliebt, auch wegen den hervorragenden Möglichkeiten, im Frühjahr und Spätherbst die nach Afrika fliegenden oder von dort nach Europa kommenden Vogelzüge zu beobachten.

Wir hatten 1995 etwas Anderes vor. Ein dreitägiger Aufenthalt im Kibbuz sollte helfen, uns auf die klimatischen Verhältnisse in der Wüste vorzubereiten. Und natürlich wollten wir zumindest einen Tag auch als Volontäre den Kibbuzniks bei der Ernte helfen.

Michael, Foto von seiner Webseite.

Wir erreichten den Kibbuz in der Dämmerung und wurden herzlich von Michael begrüßt. Er wurde 1935 in Wien geboren, emigrierte nach Kanada, promivierte in Vancouver in Sozialpsychiatrie und nennt sich selbst einen Eco-Zionisten. Bekannt ist er – nicht nur in Israel – vor allem wegen seines Engagement für das Reformjudentum. Von 1989 bis 1992 war er Generaldirektor des World Zionist Organization’s Department of Jewish Education and Culture.

Ich werde Micha später noch öfter in Lotan besuchen. Wir werden mit jungen Kibbuzniks Shabbat feiern und lang, ausführlich, zum Teil auch kontrovers über die Möglichkeiten und Wirklichkeiten des Reformjudentums diskutieren.

Zunächst aber steht nach dem Abendessen eine Einführung in das Kibbuzleben an. Micha erzählt von den Kriegen, die er seit 1963, seiner Ankunft in Israel, erlebt hat. Vom Sterben und Aufstehen und vom Widerstand gegen den arabischen Terrorismus. Im Mittelpunkt seiner Erzählungen steht aber der Frieden, der 1994 mit Jordanien geschlossen und von König Hussein von Jordanien und Jitzchak Rabin besiegelt wurde. Der Friedensvertrag sieht den Jordan als Grenze zwischen Israel und Jordanien vor. Allerdings, so Micha, war diese strikte Grenzziehung zunächst nicht unproblematisch. Einige der Felder, die zu israelischen Kibbuzim gehören, lagen jenseits des Jordan und Nutzflächen der Jordanier diesseits des Jordantals. Die Lösung des Problems gelang pragmatisch. Zwei israelische Enklaven auf jordanischem Gebiet wurden von Jordanien an Israel verpachtet. Und man zog an einigen Stellen die Grenze eben nicht durch die Flussmitte, sondern um die jeweiligen Landwirtschaftlichen Nutzflächen herum. So könnte Frieden möglich werden.

Micha. erzählt, wie fröhlich der Friedensvertrag mit Jordanien auch in Lotan begrüßt wurde, wie sich israelische und jordanische Soldaten an der neuen, alten Grenze umarmten und Geschenke austauschten.

Aber auch dieser Vertrag war brüchig. Im Herbst 2018 kündigte Jordanien den Vertrag über die Verpachtung der genannten Enklaven bzw. verlängerte den zugrundeliegenden Vertrag nicht. Friedliches Zusammenleben ist eben doch ein labiles Ding.

Wir redeten lange miteinander. Dann kam die strenge Aufforderung, zu Bett zu gehen, wollten wir doch am Morgen Erntehelfer sein. Um die Kühle des Morgens zu nutzen, hieß das, bereits um 4.00 Uhr aus den Betten zu kriechen.

Daraus wurde aber nichts. Nicht, weil wir Langschläfer waren, sondern weil acht unserer Reisegruppe mit, nun ja, starken Verdauungsstörungen und Fieber zu kämpfen hatten. Auch ich. Nicht einmal zu einem späteren Frühstück gelang es mir, meinem Freund Jacob und den anderen sechs, den sicheren Ort in der Nähe einer Toilette zu verlassen.

Es lag, wie wir später vermuteten, nicht an den Schwierigkeiten, mit dem Wüstenklima (im September) klar zu kommen. Nein, es muss an den Eiswürfeln gelegen haben, mit dem die Orangensäfte am Fuße von Massada gekühlt wurden. Zwei Personen unserer Reisegruppe hatten dort keinen Saft getrunken. Und genau diese zwei Leute hatten keine Magen- und Darmprobleme und konnten ihr Versprechen einlösen, in der Frühe des Morgens mit bei der Ernte zu helfen.

Am dritten Tag waren wir alle wieder wohl auf und verließen Kibbuz Lotan in Richtung Eilat. Der Sinai erwartete uns schon. Aber dazu später mehr.

Im nächsten Teil: Massada, Bet She’an, Lost in the Desert und Timna

Wolfgang Frindte ist Sozialpsychologe und war Professor für Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena. Von 1998 bis 2005 war er Gastprofessur für Kommunikations- und Medienpsychologie am Institut für Psychologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und 2004 Fellow am Bucerius Institut der Universität Haifa. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören u.a. „Inszenierter Antisemitismus“ (2006), „Inszenierter Terrorismus“ (2010, mit Nicole Haußecker), „Der Islam und der Westen“ (2013), „Muslime, Flüchtlinge und Pegida“ (2017, mit Nico Dietrich) und „Halt in haltlosen Zeiten“ (2020, mit Ina Frindte).

Bild oben: Auf dem Weg zum Toten Meer (2013)

Literatur

Buber, M. & Rosenzweig, F. (1987). Die Schrift. Band 1: Die fünf Bücher der Weisung (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Buber, M. & Rosenzweig, F. (1994). Die Schrift. Band 2: Bücher der Geschichte (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Buber, M. & Rosenzweig, F. (1994). Die Schrift. Band 3: Die Schriftwerke (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Decker, O., Kiess, J., & Brähler, E. (2012). Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012. Bonn: Dietz.
Der Spiegel (2017). Sinai, ein Sommermärchen. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/israel-nach-dem-sechstagekrieg-als-hippies-den-sinai-entdeckten-a-1150143.html; aufgerufen: 14.06.2020.
Die Tagespost (2014). „… das hier ist heiliger Boden“. Quelle: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/das-hier-ist-heiliger-Boden;art312,149472; aufgerufen: 11.06.2020.
Die Zeit (2020). Ein trotziges Wunder. Die Zeit vom 18. Juni 2020, Seite 31.
Freud, S. (1969). Brief an Arnold Zweig 1927. In Ernst L. Freud (Hrsg.), Sigmund Freud – Arnold Zweig Briefwechsel. Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag.
Herzog, C. & Gichon, M. (2000). Die biblischen Kriege. Augsburg: Bechtermünz.
Jacob, S. (2004). Märchen und Geschichten von Beduinen aus dem Sinai. Erzählt von Hussein Musa Sale Gabali, aufgeschrieben und mit Tagebuchaufzeichnungen ergänzt von Steffen Jacob im April 2002. Berlin: KunstDienste Reinhard Weidauer.
Jüdische Allgemeine (2017). Die Tote vom Timna-Tal. Quelle: https://www.juedische-allgemeine.de/israel/die-tote-vom-timna-tal/; aufgerufen: 8.06.2020.
Jüdische Allgemeine (2019). Sehnsucht nach dem Paradies. Quelle: https://www.juedische-allgemeine.de/israel/sehnsucht-nach-dem-paradies/; aufgerufen: 14.06.2020.
Kant, I. (1977, Original: 1795). Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Werke in zwölf Bänden. Band 11. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Oberweis, M. (1995). Erwägungen zur apokalyptischen Ortsbezeichnung „Harmagedon“. Biblica, Vol. 76, 3, S. 305-324.
Schieve, Z. (2001). Schritte auf heiligem Boden. Köln: Verlag Islamische Bibliothek.
Seidlmayer, Michael (1958). Petrarca, das Urbild des Humanisten. Archiv für Kulturgeschichte, 40(jg), 141-193.

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