Neues Denkmal für unterfränkische Opfer der Schoah

Am Mittwoch, den 17. Juni 2020 – genau 77 Jahre nach dem letzten Deportationszug aus Würzburg in die nationalsozialistischen Vernichtungslager des Osten – wurde am Vorplatz des  Würzburger Hauptbahnhofs ein neues Denkmal eingeweiht, das an die unterfränkischen  jüdischen Opfer erinnern soll…

Von Israel Schwierz

Ca. 50 Menschen kamen zum Bahnhofsvorplatz – mehr durften es wegen der aktuellen Corona-Krise nicht sein – und gedachten der insgesamt 2061 Juden aus der Stadt und dem Landkreis Würzburg, die in der Zeit zwischen 1941 und 1943 vom Bahnhof Aumühle in den Tod deportiert worden waren.

Das neue Denkmal „DenkOrt Deportationen“ verdankt seine Existenz Benita Stolz, der Vorsitzenden des Vereins „DenkOrt Deportationen“. Sie sagte bei der Einweihung: „Wir haben einen langen Weg hinter uns, aber es liegt auch ein langer Weg vor uns“ . Der Verein war es übrigens auch, der im Jahr 2011 mit 3000 Menschen aus ganz Unterfranken den sogenannten „Weg der Erinnerung“  in einem Gedenkzug vom Platzschen Garten bis zum Bahnhof Aumühle gegangen war  – dabei vollzogen sie den Weg der Juden nach, die im April 1942 aus Würzburg deportiert worden waren. Auf 852 Tafeln, die in die damals noch vorhandenen Gleisbetten gelegt worden waren, standen die Namen der Juden aus Unterfranken, die bei der dritten Deportation hier die Waggons besteigen mussten.  „Niemand kam zurück, alle wurden im KZ ermordet“  stellte Benita Stolz fest. Der Verein setzte sich daher seit 2015 dafür ein, dass ein DenkOrt in Würzburg geschaffen werden sollte.  „Nun haben wir es geschafft“, stellte Benita Stolz glücklich fest.

In der Grünanlage am östlichen Rand des Bahnhofsvorplatzes erkennt man Stelen und Sitzgelegenheiten, die an einen Bahnsteig erinnern sollen. Hier wurden jetzt 47 symbolische Gepäckstücke sowie ein Koffer mit einem Gedicht des deutsch-israelischen Lyrikers Yehuda Amichai, der aus Würzburg stammt, aufgestellt – sie sollen an die Stadt Würzburg und an die Orte in Unterfranken erinnern, in denen im sog. Dritten Reich Juden lebten und von wo sie deportiert wurden. Parallel dazu soll in den jeweiligen unterfränkischen Orten (es sind aber mehr als 47!) ein identisches Gepäckstück als Erinnerung an die jüdischen Einwohner einen Platz finden.

Während der Eröffnung der Denkmals hielten Teilnehmer der Veranstaltung Fotos und Tafeln mit Bildern von Juden aus der damaligen Zeit in den Händen, die zum Nachdenken darüber anregen sollten, was damals in den Köpfen der Menschen vorgegangen sein mag, die abtransportiert wurden. Welche Ängste hatten sie? Wussten oder ahnten sie, was ihnen bevorstand?

Bei der Eröffnungsfeier sagte Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken und Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland sichtlich beeindruckt von dem GedenkOrt: „Hier ist etwas sehr Gutes entstanden“. Hiermit habe man den NS-Opfern ein Stück Würde zurückgegeben. Er sprach den Wunsch aus, dass sich mehr Menschen heute mit der Vergangenheit auseinandersetzen sollten anstatt wegzusehen. Denn dies sei die bleibende Verpflichtung und Aufgabe nach der Schoa: „Die Erinnerung wach zu halten und an die nächste Generation weiterzugeben. Das schulden wir unseren ermordeten Großeltern und Verwandten, von denen nur ein Gepäckstück am Wegesrand zurückgeblieben ist“.

Ähnlich äußerte sich Ludwig Spaenle, Beauftragter der Bayerischen  Staatregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe: „ Erinnerung ist in diesen Tagen mehr als notwendig!“ Genauso sieht es auch Erwind Dotzel, Präsident des Bezirkstages von Unterfranken und Christian Schuchardt, Obermeister der Stadt Würzburg: „Erinnerung  ist der Schlüssel zu einer besseren und einer menschlicheren Zukunft“.

Inspiriert zu der Gestaltung als eine Art Gepäckband wurde Architekt Matthias Braun durch ein historisches Foto vom Gepäck der Deportierten am Güterbahnhof Aumühle, welches auch auf einer Gedenktafel zu sehen ist. An diesem Tag bekommt Braun sehr viele Dankesworte zu hören.

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