Ausbildung als Ursache für Polizeigewalt?

Vortrag im Live-Stream zur dunklen Vergangenheit der deutschen Ordnungsmacht und ihres Schulsystems…

Die aktuelle Debatte über Polizeigewalt in den USA ist auch in Deutschland angekommen. In einem Online-Vortrag spricht Dr. Sven Deppisch nun über die Rolle der Polizeischule Fürstenfeldbruck im Nationalsozialismus und Holocaust. Der Tod von George Floyd ließ in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Protestbewegung entstehen, die auch in Deutschland eine kontrovers geführte Diskussion entfachte. Im Kern geht es um rassistisch motivierte Polizeigewalt. Eine zentrale Frage lautet, ob Gesetzeshüter entsprechende Denkweisen in ihrer Ausbildung vermittelt bekommen oder ob es dafür andere Ursachen gibt. Als Lehrbeauftragter des Fachbereichs Polizei an der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern konfrontiert Dr. Sven Deppisch die angehenden Kommissare des Freistaats mit der Vergangenheit ihrer Institution. Diese beleuchtet der Historiker auch in seinem Vortrag „Täter auf der Schulbank“. Wie in seinem gleichnamigen Buch stehen darin die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck und ihre Verstrickung in den Judenmord im Zentrum.

Düsteres Erbe der deutschen Polizei

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte schildert Deppisch, wie die Nationalsozialisten ihre Gesetzeshüter besonders an der Polizeischule Fürstenfeldbruck westlich von München für den Holocaust trainierten. Während des „Dritten Reichs“ besuchten hunderte Männer aus ganz Deutschland und Österreich im ehemaligen Zisterzienserkloster spezielle Lehrgänge, in denen die uniformierte Staatsgewalt sie zu ihren Führungskräften ausbildete. Neben militärischem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Mit diesem Wissen zogen zahlreiche Polizeioffiziere in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Ihre Gräueltaten reichten von Massakern an Juden über Sexualverbrechen an Kindern bis zur Vernichtung ganzer Dörfer. „Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen“, wie Deppisch festhält. Nach Ende des NS-Regimes führten viele Polizisten ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein.

Stattdessen gelangten einige Täter in die Polizeischulen der Bundesrepublik, in denen sie neuen Generationen von Polizisten jene Verhaltensweisen beibrachten, die sie vor 1945 selbst noch erlernt und gegen ihre Opfer angewendet hatten.

Aber was kann uns die Vergangenheit in der Gegenwart lehren? „Das Thema zeigt, welche schrecklichen Konsequenzen es haben kann, wenn ein Staat seinen Ordnungshütern menschenverachtende und zugleich austauschbare Feindbilder vermittelt“, sagt Dr. Sven Deppisch. Im „Dritten Reich“ habe die Polizeigewalt nie gekannte Ausmaße erreicht, weil sie zudem staatlich erwünscht und legitimiert gewesen sei. Die dahinterstehenden Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder hätten sogar in der Bundesrepublik noch jahrzehntelang in Organisation und Ausbildung der Polizei existiert. Das habe sich erst ab den siebziger und achtziger Jahren geändert, als liberalere Beamte Reformen anstießen, um die Polizei zu einer bürgernahen Institution zu transformieren. „Diese Entwicklung lässt sich an der Polizeischule Fürstenfeldbruck sehr gut beobachten“, so Deppisch weiter.

Blick zurück offenbart Gemeinsamkeiten und Unterschiede

In den polizeilichen Bildungsanstalten von heute würden Denkweisen von einst nur in Ausnahmefällen in den Unterricht einfließen. Stattdessen dürften sie sich eher durch bestimmte Einsatzerfahrungen und Glaubenssätze einzelner Ordnungshüter herausbilden. Das könne etwa dann der Fall sein, wenn Beamte in Brennpunktvierteln häufig wegen Konflikten mit Ausländern ausrücken müssten. Eine weitere Ursache dürfte auch darin liegen, dass Narrative zum polizeilichen Gegenüber unter den Uniformierten kursierten, die jüngere Staatsdiener oftmals von älteren Kollegen vermittelt bekämen.

Gerade solche Austauschprozesse und die daraus resultierende Kultur gelte es, nicht nur sozialwissenschaftlich genauer zu analysieren. Auch gerade die Geschichtswissenschaft liefere wichtige Erkenntnisse zum Innenleben und Wesen der deutschen Exekutive. Doch rassistische Denk- und Verhaltensweisen seien keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der rund 300.000 Polizisten und Polizistinnen in Deutschland.

„Der Blick zurück lässt erkennen, wie die Polizei zu dem wurde, was sie heute ist“, erklärt Deppisch. Eine solche Perspektive könne gleichzeitig offenlegen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zur heutigen Situation gebe. Auf diesem Wege könnten die Ergebnisse geschichtswissenschaftlicher Studien dabei helfen, demokratische Werte noch stärker als bisher in die Polizeiausbildung zu integrieren und bei den Beamten zu verfestigen. „Unsere Polizei verdient es, dass wir uns mit ihr und ihrer Vergangenheit eingehend beschäftigen“, wie der Polizeihistoriker meint.

Der Online-Vortrag „Täter auf der Schulbank. Wie Polizisten in Oberbayern für den Judenmord trainierten“ findet am 25. Juni 2020 um 19:30 Uhr über die Video-Konferenz-Plattform Zoom statt. Veranstaltet wird er von der Volkshochschule im Norden des Landkreises München. Interessenten werden gebeten, sich über die Homepage der VHS anzumelden. Die Teilnahme ist kostenlos.

Über den Referenten: Dr. Sven Deppisch studierte Neuere und Neueste Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Politische Wissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seine Forschungsschwerpunkte sind vor allem die Geschichte der Polizei, der Nationalsozialismus und der Holocaust. Der promovierte Historiker arbeitet als Lehrbeauftragter der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern – Fachbereich Polizei sowie in den Bereichen Unternehmenskommunikation und Marketing. Das auf seiner Dissertation basierende Buch „Täter auf der Schulbank“ entwickelte sich schnell zu einem Bestseller der Geschichtswissenschaft.