Tel Aviv – die weiße Stadt am Meer

„Tausende weißer Villen tauchten auf, leuchteten aus dem Grün üppiger Gärten heraus. Von Akko bis an den Karmel schien da ein großer Garten angelegt zu sein, und der Berg selbst war auch gekrönt mit schimmernden Bauten. […] Eine herrliche Stadt war an das tiefblaue Meer gelagert. Großartige Steindämme ruhten im Wasser und ließen den weiten Hafen […] sogleich als das erscheinen, was er wirklich war: der bequemste und sicherste Hafen des mittelländischen Meeres“…

Von Wolfgang Frindte
Aus meinem israelischen Tagebuch

Dieses Zitat stammt aus Theodor Herzls Buch „Altneuland“ (2015, S. 43; Original: 1902). Herzl, der Begründer des Zionismus, schildert seine Utopie einer jüdischen Gesellschaft in Palästina. Das Zitat bezieht sich zwar auf den südlichen Abschnitt der Bucht von Haifa, lässt sich aber durchaus auch als Vision von der am 11. April 1909 gegründeten Stadt Tel Aviv lesen. Europäische Juden begannen am Strand nördlich von Jaffa den Traum einer zionistischen Stadt zu verwirklichen. Berichtet wird, dass sich an diesem Tage 60 Familien am Strand nördlich von Jaffa getroffen haben, um per Los die zur Verfügung stehenden Landparzellen aufzuteilen.

Ich stelle mir eine fast biblische Szene vor: Erwachsene und ihre Kinder und Kindeskinder sitzen in den weißen Sanddünen. Sie sind zwar nicht mit Kamelen, Eseln oder Maultieren gekommen; vielleicht zu Fuß, mit dem Fahrrad, zu Pferde, in der Kutsche oder mit diesen neuen Automobilen. Sie haben Essen und Getränke, auch Spielsachen für die Kinder ausgepackt. Und blicken nun auf die alte arabische Stadt Jaffa und entscheiden eine neue, eine jüdische Stadt zu bauen – ganz im Sinne von Theodor Herzl. Weiß wie der Sand am Meer, moderner als die alte Stadt und vor allem jüdisch soll sie werden – die neue Stadt. Die Kinder spielen im Wasser. Die Erwachsenen ziehen ihre Lose, freuen sich bei Wein, Wasser, Brot und Käse über die jeweiligen Landgewinne. Auch der Name der neuen Stadt geht eigentlich auf Theodor Herzl zurück. Die hebräische Übersetzung des Titels seines Buches „Altneuland“ lautet Tel (für „alt“ oder „Hügel“) und Aviv (für „neu“ oder „Frühling“) – also heißt Tel Aviv auch Frühlingshügel. Und so begann das Herz der neuen Stadt zu schlagen.

Es waren Schülerinnen und Schüler der Bauhausmeister aus Weimar, Dessau und Berlin, aus Brüssel, Paris und Wien, die hier ihren Traum verwirklichten, Häuser im Bauhaus-Stil zu errichten. Schülerinnen und Schüler von Walter Gropius, Erich Mendelsohn und Le Corbusier. Es entstand die größte Bauhaus-Siedlung der Welt. Mehr als 4000 Gebäude im Bauhaus-Stil finden sich in Tel Aviv. Die UNESCO setzte die Weiße Stadt 2004 auf die Liste des Weltkulturerbes und gab Geld für die Sanierung der öffentlichen Gebäude im Bauhaus-Stil. Für die Bewohner der Häuser ist das aber nicht immer angenehm. Denkmalgeschützt zu wohnen, ist mit Restriktionen verbunden und nicht billig.

Das Hotel Cinema am Zina-Dizengoff-Platz und ein altes Gebäude im Bauhaus-Stil in Tel Aviv, 2009

„Heute strahlen die meisten von ihnen so, als würden sie Nacht für Nacht aufs Neue geweißt. Tel Aviv ist stolz auf sein Erbe und bekennt sich zu den deutschen Wurzeln seines Schatzes. Sprach man vor Jahren noch vom „International Style“ heißt dieser Stil nur noch „Bauhaus Tel Aviv“. Führungen werden angeboten. Die meisten von ihnen sind gut besucht und Touristen in der Minderzahl. Doch eine geführte Tour ist gar nicht notwendig. Wer am Freitagabend durch die fast leeren Straßen der Innenstadt geht, der wird zwar nicht von Genia Averbouch und Yehuda Megidovitz, nicht von Dov Karmi und Shlomo Berenstein hören, um nur einige der Architekten zu nennen, aber er wird den Grundgedanken der zionistischen Stadt verstehen. Er wird berührt sein von dem makellosen Dreiklang aus der kubistischen Form, der sanften Steigung der Straßen und der sinnlichen, üppigen, fast tropischen Fülle des Grüns, kurz, vom Bauhaus in seiner besten Gestalt“ (Welt Online, 2008).

1995 – Eine Nacht im Haus am Rothschild Boulevard

Meine erste Begegnung mit einem Haus im Bauhaus-Stil habe ich 1995. Nach meiner Wanderung im Sinai und meiner anschließenden Reise von Eilat nach Haifa, bei der ich mit Devora ein gemeinsames Forschungsprojekt zur Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und Israel plane und Miriam Rieck kennenlerne, verbringe ich eine Nacht im Haus von Maja H. am Rothschild Boulevard in Tel Aviv. Maja H. und ihren Mann habe ich bei einem angenehmen Sommerabend im Haus von Devora in Netanja kennengelernt. Maja und ihr Mann laden mich ein, vor meinem Abflug bei ihnen zu übernachten. Sie wollen mir das „Manhattan des Nahen Ostens“ bei Nacht zeigen. Ich komme ziemlich spät in Tel Aviv an. Wir fahren mit dem Auto durch die engen Gassen der Tel Aviver Altstadt, dann vorbei an Hotels am Strand und weiter zum alten Hafen in Jaffa, verzehren ein wunderbares Fischragout und trinken einen gut gekühlten Weißwein vom Carmel. Es ist kurz vor Mitternacht.

Ich bin schon ziemlich müde, zumal mein Flug nach Deutschland relativ früh am nächsten Morgen geht und ich spätestens um 7.00 Uhr am Flughafen sein muss. Die Beiden, Maja und ihr Mann, sind noch immer putzmunter und ihr Enthusiasmus, mir ihre Heimatstadt bei Nacht nahezubringen, scheint ungebrochen. Also gut. Wir fahren zum Dizengoff-Platz. Ich sehe das Hotel Cinema bei Nacht. Dann geht es zurück zum Rothschild Boulevard. Nein, bitte keinen Whisky mehr. Dafür aber gern noch eine Führung durch die großzügige Wohnung. Sicher ist eine solche Wohnung nicht billig und nicht jeder Israeli kann sie sich leisten. Heute schon gar nicht mehr. Die Wohnung ist großzügig und im hohen Maße funktional, wohnlich und gleichzeitig in der Aufteilung und Gestaltung der Räume schnörkellos. Bauhaus-Stil eben. Dann doch einen Whisky und gerade mal drei Stunden Schlaf. Das war meine erste Begegnung mit den Bauhäusern in Tel Aviv.

Als Spion am Zina-Dizengoff-Platz

Im Juni 2009, nach einer Konferenz zum Holocaust, die von Miriam Rieck organisiert wurde, finde ich endlich Zeit, um die Bauhäuser in Tel Aviv zu fotografieren.

Die Konferenz findet wenige Monate nach dem Gaza-Krieg von 2008/2009 statt. Nachdem die palästinensische Hamas zuvor tausende Qassam-Raketen auf israelische Städte und Kibbuzim abgeschossen hatte, beginnen die Israelischen Streitkräfte am 27. Dezember eine Militäroperation im Gazastreifen. Ziele sind Einrichtungen und führende Mitglieder der Hamas, die auch für zahlreiche Terroranschläge in Israel verantwortlich sind. Mit schweren Luftangriffen reagiert die Israelische Armee auf die Raketenangriffe der Hamas. Die Hamas setzt ebenfalls schwere Waffen und Raketen ein. Die Waffen wurden von Ägypten durch Tunnel in den Gaza-Streifen verfrachtet. Die Operation endet am 18. Januar 2009. Israel erklärt einseitig einen Waffenstillstand. Am Ende sind 1400 tote Palästinenser, darunter viele Zivilisten, und 13 tote Israelis zu beklagen. Der UN-Menschrechtsrat setzt eine Kommission ein, um eventuelle Kriegsverbrechen während der Operation aufzuklären. Der Goldstone-Bericht, benannt nach dem südafrikanischen Leiter der Kommission, kommt zunächst u.a. zu dem Ergebnis, dass die israelische Armee völkerrechtswidrig auch nichtmilitärische Ziele angegriffen und dabei den Tod unschuldiger Zivilisten in Kauf genommen habe. Eine, auf der Grundlage des Berichts von der Generalversammlung der UN verabschiedete, israelkritische Resolution wird von 18 Staaten, unter anderem auch von Deutschland, abgelehnt; 44 Staaten enthalten sich der Stimme. Auch Richard Goldstone kritisiert die Resolution und stellt seinen Bericht teilweise in Frage. Später verdichten sich die Hinweise, dass für die Tötung unschuldiger ziviler Opfer auch die Hamas Verantwortung trägt. Offenbar hat sie die Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt und Raketen auch aus der Nähe von Moscheen und Krankenhäusern abgeschossen (vgl. auch The Washington Post, 2011).

Die ersten Fotos der Bauhäuser habe ich anfangs mit einer Kompaktkamera fotografiert. Später habe ich die Fotos mit einer Spiegelreflex-Kamera aufgenommen. Ich bin kein Profi, eher ein touristischer Alltagsknipser. Die Bauhäuser in Israel, nicht nur in Tel Aviv, auch in Haifa oder Herzliya – die Stadt, die ihren Namen Theodor Herzl verdankt, haben es mir angetan. Mein Blick auf die Häuser durch den Sucher meiner Kameras wurde ganz entscheidend geprägt durch ein Buch von Günther Förg (2002). Seine Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Eleganz und Schönheit der vom Bauhaus-Stil geprägten Häusern in Tel Aviv. Vor allem seine Perspektive auf die Gebäude am Zina-Dizengoff-Platz finde ich anregend und nachahmenswert. Diese Gebäude sind für mich die schönsten.

Um mehr über die Häuser, die ich fotografiere, über ihre Architekten und die Gestaltung zu erfahren, fand ich interessante Informationen in folgenden Quellen: Zunächst muss ich das schön gestaltete Buch „111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss“ von Andrea Livnat (2015) zu nennen, auf das ich noch ausführlicher eingehen werde. Auch das nicht minder interessante Buch „Tel Aviv. The White City“ von Stefan Boness muss erwähnt werden. Dann gibt es im Internet einen ausführlichen Artikel von Peter Bugod mit dem Titel „Die städtebauliche Entwicklung Tel Avivs“ (Bugod, 2011), eine übersichtlich gestaltete Webseite von Maud Meinel über die Häuser in der Bialikstraße Tel Avivs (Meinel, o.J.) und eine Beitrag von Yael Zisling über die Bauhausarchitektur, in dem auch über die lokalen Besonderheiten der Tel Aviver Bauhäuser gegenüber den europäischen Gestaltungen informiert wird (Zisling, o.J.).

Ich fahre mit meinem Mietwagen von Haifa zunächst auf einen kleinen Parkplatz in der Nähe des Tel Aviver Strands. Vor mir die hohen und nicht unansehnlichen Hotels und Wohntürme.

Neubauten am Strand von Tel Aviv, 2009

Ich bin wieder einmal zu spät aufgestanden. Es ist fast Zwölf Uhr mittags. Zu heiß und vor allem viel zu hell für gute Bilder. Das weiß auch ich als fotografierender Laie. Also laufe ich weiter Richtung Dizengoff-Platz.

Dort angekommen, bin ich erst einmal platt angesichts der weißen Fassaden, die in der Mittagssonne noch weißer erscheinen. Ich stehe vor einem Café und fange mit meinem Fotoshooting an. Knipse nach oben, drehe mich, sehe das Hotel Cinema gegenüber, halte drauf und werde plötzlich von einem älteren Herrn angesprochen. Er mag so alt sein wie ich heute. Er spricht ein einfach strukturiertes Englisch, das dem meinem sehr ähnlich ist. Also verstehe ich ihn gut. Nur scheint er ziemlich böse dreinzuschauen und was er sagt, klingt zunächst auch nicht besonders freundlich: „What you are doing here?“ Warum ich sein Café fotografiere? Ob ich vielleicht ein Terrorist sei, der Ziele für seine Terroranschläge auskundschafte? Ich bin erst ein wenig verblüfft, sage dann aber mit dem Versuch, etwas verschmitzt zu lächeln und auch in der Hoffnung, mein Gesprächspartner würde die Anspielung verstehen: Ich sei der Spion, der aus der Kälte kam („The Spy Who Came in from the Cold“).

Leserinnen und Leser meiner Generation werden sich sicher an den Roman von  John le Carré und den gleichnamigen Film erinnern, in dem Richard Burton die Hauptrolle spielte.

Und es klappt tatsächlich. Die Gesichtszüge meines Gegenübers hellen sich auf und er meint, wie Richard Burton würde ich aber nun gar nicht aussehen. Und dann noch freundlicher und neugierig noch einmal seine Fragen, wer ich sei und warum ich hier fotografiere. Ich: „I’m a German, an East-German“. Ich nenne meinen Namen. Und ich sei interessiert am internationalen Stil der Häuser hier am Platz.

International ist der Stil vieler „Bauhäuser“ in Tel Aviv aus mehreren Gründen: Die Architekten kamen ab den 1920er Jahren aus ganz unterschiedlichen Ländern nach Palästina und später nach Israel. Sie entwarfen ihre Häuser keinesfalls nur im strengen Bauhaus-Stil, sondern nutzten ihre Erfahrungen aus den Herkunftsländern und die Gegebenheit vor Ort, um ihre Entwürfe zu realisieren. So findet man unter Tel Avivs Bauhäusern solche mit streng geführten Fassadenlinien, aber auch Balkone, die an große Schiffsbrücken erinnern, dann wieder Gebäude, bei denen sich das Bauhäuslerische mit Elementen des Art déco oder mit arabischer Ornamentik verbindet.

Fassadengestaltung, 2009

Jetzt taut mein Gesprächspartner auf. In Tel Aviv sei er geboren und Besitzer dieses Cafés, das ich gerade fotografieren wollte. Ob ich ein Journalist sei? Nein, Psychologe. Ich erzähle von meinen Kontakten in Israel und auch von Miriam Rieck. Und dann lädt er mich zu einem Espresso in sein Café ein. Auch süße Kuchen bekomme ich vorgesetzt. Er wolle mehr über mich wissen. Ich komme aber kaum dazu, ihm Ausführlicheres über mich mitzuteilen, weil er mir gleich und ausführlich über die Geschichte des Dizengoff-Platz, über seine jetzige Beschaffenheit und über seine zukünftige Gestaltung berichtet. Wie schon erwähnt, der Platz heißt korrekt Zina-Dizengoff-Platz. Zina Dizengoff war die Frau des ersten Bürgermeisters der Stadt Tel Aviv und ist 1930 gestorben. Ihr zu Ehren und weil die Dizengoffs große Förderer und Unterstützer der Stadt waren, erhielt der Platz ihren Namen.

Fassaden am Zina-Dizengoff-Platz, 2009

Der Platz ist eingerahmt durch gleichförmige Häuserfronten im internationalen Stil, oder, wie man heute auch in Israel sagt, eben im Bauhaus-Stil. Entworfen wurde der Platz von Genia Averbouch. Sie hat in Brüssel studiert und war gerade mal 25 Jahre alt, als sie den Gestaltungswettbewerb für den Platz im Jahre 1934 gewann. 1938 ist der Platz eingeweiht worden.

Wir sind übrigens mittlerweile beim dritten Espresso angelangt.

Fassade am Zina-Dizengoff-Platz, 2009

Leider, so fährt mein Gastgeber fort, habe man Ende der 1970er Jahre große Fehler gemacht. Der Platz, der ja auch ein Verkehrsknotenpunkt sei, wurde quasi überdacht. Unter dem Dach fahren die Autors im Kreisel und auf dem Dach sei der Platz für die Fußgänger und Touristen. Der Charme des Platzes habe dadurch aber entscheidend eingebüßt. Er, so mein Gesprächspartner G., und viele andere Leute, die am Platz leben und arbeiten, würden sich wünschen, dass man den Platz wieder in seiner ursprünglichen Gestaltung herstellt.

Mein Gesprächspartner zeigt mir noch die herrlichen Fassaden der umliegenden Gebäude. Die müsse ich unbedingt fotografieren. Und dann empfiehlt er mir dringend, zum Rothschild Boulevard zu gehen. Dort würde ich weitere wunderbare Häuser im Bauhaus-Stil sehen und fotografieren können. Auch das einstige Haus von Meir Dizengoff und seiner Frau Zina würde ich dort finden.

Also, Shalom, es hat mich sehr gefreut. Vielen Dank für die Informationen und die Espressi. Einen vierten hätte ich eh nicht mehr vertragen.

Im Jahre 2016 lese ich auf der Internetplattform hagalil.com unter der Überschrift „Der Dizengoff Platz kommt wieder auf den Boden“ Folgendes: „Im Zuge der 100-Jahr-Feier der Stadt kam die Idee auf, den Dizengoff Platz in seiner ursprünglichen Form wiederherzustellen. Nach langen Vorarbeiten ist es nun soweit. Im Dezember beginnen die Bauarbeiten zum Abriss der Fußgänger-Ebene“ (Hagali.com, 2016). Die Plattform hagalil.com ist übrigens eine sehr empfehlenswerte Informationsquelle. Es ist das größte deutschsprachige jüdische Online-Netz und wurde im Jahre 1995 von David Gall gegründet. David Gall war ein Visionär und äußerst liebenswerter Mensch. Er starb im Jahre 2014 viel zu früh mit 58 Jahren. Hagalil.com wurde durch David Galls Expertise zu einem virtuellen Ort, der Raum für Begegnung, Lernen und Auseinandersetzung eröffnet. „HaGalil soll ein offenes Buch sein“, so schrieb er, als er die Plattform der Öffentlichkeit zugänglich machte. Heute führen seine Ehefrau Eva Ehrlich und seine Tochter Andrea Livnat das Werk von David Gall fort. Hagalil.com ist ein vielseitiges Netz. Ein Besuch lohnt sich immer, egal, ob Sie sich für die Geschichte und Gegenwart des Judentums, für koschere Speisen, die jüdischen Feiertage oder die aktuellen Ereignisse in Israel interessieren.

So mache ich mich auf zum Rothschild Boulevard. Obwohl der Weg dorthin ziemlich leicht zu finden ist, verlaufe ich mich zunächst und gerate in das Viertel zwischen King George Street und Allenby Street. Ich komme an Gebäuden aus den 1930er/1940er Jahren und aus der Jetztzeit vorbei und freue mich über die ganz unterschiedlich gestalteten Balkone.

Auch Häuser, die fast festungsartig gestaltetet sind, den Bauhaus-Stil aber nicht verleugnen können, finde ich auf meinem Weg. Der ehemalige und nun verstorbene israelische Ministerpräsident Ariel Scharon soll ebenfalls ein Haus in Tel Aviv in Bauhaus-Stil besessen haben. Ich würde mich nicht wundern, wenn es eines der Festungsartigen wäre.

Ich laufe am Habima Square, dem zentralen Platz Tel Avis, vorbei mit seinem prächtigen Theater und Konzertsaal, und biege rechts in den Rothschild Boulevard. Die Allee ist nach Baron Edmond Benjamin James de Rothschild, dem französischen Mitglied der berühmten Bankiersfamilie, benannt.

In der Mitte des Boulevards verläuft vom Habima Square bis zur Herzl Straße ein buntes Band von wohlgepflegten Bäumen, Rasenflächen, Sträuchern und Blumenbeeten. Hin und wieder unterbrochen von Parkbänken. Dazu nun noch am Straßenrand die wunderschönen Villen und Häuser im Bauhaus-Stil. Auch Restaurants und Cafés mit gastlicher Atmosphäre finden sich hier. Es ist eine Oase.

Ich laufe einmal in Richtung Herzl Straße, hier beginnt das Bankenviertel, und zurück, fast bis zum Habima Platz. Beim Fotografieren habe ich noch eine kleine, nette Begegnung. Als ich eines der Häuser ablichten will, spricht mich eine junge Frau an. Zunächst in Hebräisch, dann, nachdem sie mein Unverständnis bemerkt, in Englisch. Sie fragt, warum ich gerade dieses Haus mit der leicht rötlichen Fassade fotografiere. Ich denke gleich an meinen Gesprächspartner vom Dizengoff-Platz, wappne mich schon innerlich mit möglichst nachvollziehbaren Argumenten, denke aber auch, dass die Geschichte mit dem Spion, der aus Kälte kam, wohl nicht funktionieren wird. Aber die junge Frau antwortet selbst auf ihre Frage. Ich sei sicher am Bauhaus-Stil interessiert. Ja, das stimme, antworte ich dann doch noch. Und sie wieder: Das finde sie wirklich schön. In dem Haus, auf das sich wohl gerade mein Interesse richte, sei vor Jahren ihre Mutter geboren worden. Sie, also meine neue Bekannte, wohne in der Montefiore Straße, nicht weit von hier, käme aber gern in die Allee, um auf einer Parkbank zu sitzen, den Vögeln zuzuschauen oder zu lesen. Wir verabschieden uns freundlich, tauschen unsere Emailadressen aus und ich verspreche, wenn Sie mag, ihr einige meiner Fotos zu schicken. Sie mag.

Am Rothschild Boulevard, 2009

Ich mache mindestens hundert Fotos und genieße anschließend eine kalte Cola, ein gekühltes Glas Weißwein (Marke Rothschild von den Golanhöhen) und einen leckeren Salat in einem kleinen Café.

Im nächsten Teil: Mit Miriam Rieck zu einem Hauptquartier von Etzel

Wolfgang Frindte ist Sozialpsychologe und war Professor für Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena. Von 1998 bis 2005 war er Gastprofessur für Kommunikations- und Medienpsychologie am Institut für Psychologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und 2004 Fellow am Bucerius Institut der Universität Haifa. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören u.a. „Inszenierter Antisemitismus“ (2006), „Inszenierter Terrorismus“ (2010, mit Nicole Haußecker), „Der Islam und der Westen“ (2013), „Muslime, Flüchtlinge und Pegida“ (2017, mit Nico Dietrich) und „Halt in haltlosen Zeiten“ (2020, mit Ina Frindte).

Bild oben: Blick auf die Strandpromenade von Tel Aviv, 2012

Literatur
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Buber, Martin & Rosenzweig, Franz (1987). Die Bücher der Kündigung (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Bugod, Peter (2011). Die weiße Stadt. Quelle: https://dieweissestadt.wordpress.com/; aufgerufen: 23.09.2017.
Flavius Josephus (1978). Geschichte des Jüdischen Krieges. Leipzig: Reclam.
Förg, Günther (2002). Photographs. Bauhaus Tel Aviv – Jerusalem. Berlin: Hatje Cantz Verlag.
Frindte, Wolfgang & Haußecker, Nicole (Hrsg.). (2010). Inszenierter Terrorismus. Mediale Konstruktionen und individuelle Interpretationen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Giles, H., Coupland, N., & Coupland, J. (1991). Accommodation theory: communication, context, and consequence. In H. Giles, J. Coupland, & N. Coupland (Hrsg.), Contexts of accommodation. Development in applied sociolinguistics, Cambridge, MA: Cambridge University Press, 1–68.
Hagalil.com (2016). Der Dizengoff Platz kommt wieder auf den Boden. Quelle: https://www.hagalil.com/2016/11/dizengoff-platz/; aufgerufen: 1.12.2016.
Herzl, Theodor (2015). Altneuland. Berlin: Omnium Verlag.
Laqueur, W. (2001). Die globale Bedrohung. Neue Gefahren des Terrorismus. München: Econ Ullstein List Verlag.
Livnat, Andrea (2015). 111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss. Köln: Emons Verlag.
Lorch, Catrin (2017). Frei wie ein Kind. Süddeutsche Zeitung, 25. August 2017, Seite 19.
Meinel, Maud (o.J.). Mein geliebtes Tel Aviv. Quelle: http://geliebtestelaviv.com/index.php?option=com_content&view=article&id=90&Itemid=120; aufgerufen: 10.10.2017.
The Washington Post (2011). Reconsidering the Goldstone Report on Israel and war crimes. Quelle: https://www.washingtonpost.com/opinions/reconsidering-the-goldstone-report-on-israel-and-war-crimes/2011/04/01/AFg111JC_story.html; aufgerufen: 18.09.2017.
Welt Online (2008). Die größte Bauhaus-Siedlung der Welt. Quelle: https://www.welt.de/welt_print/article1992527/Die-groesste-Bauhaus-Siedlung-der-Welt.html; aufgerufen: 23.07.2017.
Wikipedia (o.J.). Hagana. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hagana; aufgerufen: 12.08.2017.
Zisling, Yael (o.J.). Tel Aviv: Bauhaus Architecture. Quelle: https://www.jewishvirtuallibrary.org/bauhaus-architecture; aufgerufen: 10.10.2017.

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