„Dann habe ich lange Zeit nicht mehr geweint“

In einer eindrucksvollen Graphic Novel erzählt die israelische Künstlerin und Illustratorin Esther Shakine, wie sie als Kind die Schoa überlebte, auf der Exodus fuhr und in Israel eine neue Heimat fand…

Ticka wohnt mit mit ihren Eltern in einer Stadt im Süden von Ungarn. Sie leben in einer großen Wohnung, Ticka hat eine Katze, ein rotes Fahrrad, spielt gerne Fußball und hat viele Freunde. Ein glückliches Leben, bevor alles beginnt. Bevor ihre Mutter ihr den gelben Stern aufs Kleid nähen muss.

Tickas Eltern werden deportiert, sie selbst kann in einem Schrank versteckt unentdeckt bleiben und irrt später alleine durch die Stadt, wo ein der Familie bekannter Priester sie findet und mitnimmt. Sie kommt im Waisenhaus des Klosters unter, mit einem Kreuz um den Hals und ihren blonden Haaren und blauen Augen erweckt sie keine Aufmerksamkeit.

Als das Kloster gegen Kriegsende wegen der Bombenangriffe geräumt wird, läuft sie weg und versteckt sich. Sie trifft andere Kinder, jüdische Kinder, die auf verschiedene Weise überlebt haben. Die kleine Gruppe bleibt zusammen und lebt in einem Auto. Ticka sucht ihre Eltern, zuerst in ihrer Wohnung, wo jetzt aber andere Leute leben, die sie verjagen. Und am Bahnhof, wo immer wieder Überlebende ankommen. Tickas Eltern sind nicht dabei. Am Bahnhof lernt sie Dan kennen, der vom gelobten Land erzählt. Er nimmt die kleine Gruppe mit in ein zionistisches Kinderheim, wo sie sich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiten. 

© Text und Illustration: Esther Shakine

Es dauert lange bis sie die Reise schließlich antreten können. Da die ungarische Regierung die Ausreise nicht gestattet, tarnen sich die Kinder als eine Gruppe taubstummer Kinder aus Italien und sind still bis sie die Grenze überqueren. Durch Österreich, die Schweiz und Frankreich geht es nach Sète, wo sie nachts mit Proviant für einen Tag und einer Flasche Wasser an Bord eines großen Schiffes gehen. Dicht gedrängt warten sie tief im Schiffsbauch bei großer Hitze und Lärm bis das Schiff mit 4500 Passagieren heimlich den Hafen verlässt.

Aber das Schiff, das als „Exodus“ traurige Berühmtheit erlangte, wird von den Briten daran gehindert, in Haifa anzulegen. Immer wieder versuchen sie, das Schiff zu entern und bei den Kampfhandlungen sterben drei Menschen auf der Exodus. Schließlich müssen sich die Schoa-Überlebenden auf der Exodus ergeben. Sie werden an Land geholt, nur um auf drei andere Schiffe verteilt und nach Europa zurück geschickt zu werden. Sie gelangen nach Hamburg, wo sie interniert werden. 

Im nächsten Frühjahr ist es dann endlich so weit, der Staat Israel wird ausgerufen und Ticka und ihre Freunde können jetzt ungehindert nach Israel fahren. Dort kommen sie im Kibbutz Sdot Yam unter, wo sie sich gleich wohlfühlen.

Die Graphic Novel endet mit Tickas erstem Abend im Kibbutz, sie geht zum Strand und sieht den Sonnenuntergang. Endlich hat sie das Gefühl, angekommen zu sein.

©Esther Shakine

Ein wunderschönes Buch, das von der Schoa, vom Verlust der Eltern und der Heimat, aber auch von Hoffnung und Weiterleben in einfachen Worten und eindrucksvollen Illustrationen erzählt. Das Buch ist für Kinder ab 8 Jahren geeignet, aber auch für Erwachsene in sehr ansprechender Weise gestaltet. Die Graphic Novel erschien auf Hebräisch bereits 2008 unter dem Titel „Tickas Reise“. Schön dass jetzt die deutsche Ausgabe vorliegt. (al)

Esther Shakine, Exodus, Klinkhardt & Biermann 2020, 48 S., 93 Abb. in Farbe und S/W, ISBN: 978-3-943616-72-9, Euro 15,00, Bestellen?

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