Czernowitz, die Stadt der Bücher

Ein Gespräch mit Professor Rychlo in Czernowitz über die Literatur der Stadt…

Interview: Christel Wollmann-Fiedler

CHRISTEL WOLLMANN-FIEDLER: Czernowitz, die Stadt der Bücher, wie sie Paul Celan genannt hat, ist Ihre Heimat geworden, die Nationale-Jurij-Fedkowitsch-Universität ihr Zuhause. Haben Sie hier studiert?

PETRO RYCHLO: Ja, ich habe an dieser Universität Germanistik studiert, Ende der 1960er – Anfang der 1970er Jahre. Das ist sozusagen meine Alma Mater seit der studentischen Zeit. Dann habe ich an verschiedenen Bildungsstätten gearbeitet, kam dann aber zurück an die Czernowitzer Alma Mater. An dem Lehrstuhl für fremdsprachige Literatur und Literaturtheorie bin ich seit mehr als 30 Jahren tätig.

Peter Rychlo, (c) Mehlauge, Wikicommons

Sie stammen nicht aus einer deutschsprachigen Familie, schon gar nicht aus einer jüdischen. Sie kommen aus einer ukrainischen Familie und sind orthodoxer Christ. Wo sind sie geboren?

Meiner ethnischen Herkunft nach bin ich ein Ukrainer und komme aus einem kleinen Ort in der Bukowina namens Schischkowitz, etwa 40 km von Czernowitz entfernt, in nordwestlicher Richtung. Das Dorf liegt ganz in der Nähe zur galizisch-bukowinischen Grenze. In der Zwischenkriegszeit verlief dort eine Staatgrenze zwischen Rumänien und Polen. In Kyseliv ging ich später in die Schule, denn in meinem Dorf gab es nur eine achtklassige Schule. Von Dorf zu Dorf sind es nur vier Kilometer.

Die vergangene berühmte jüdische deutschsprachige Literatur ist Ihre Leidenschaft geworden. Sie kennen diese Literatur und die Kultur wie kein anderer. Was hat sie daran gereizt?

Es gab einige persönliche Gründe dafür. Bereits als Student habe ich in Czernowitz eine deutschsprachige jüdische Familie kennengelernt. Es waren die Schwestern Nussbaum, Stefanie und Hedwig. Stefanie war eine deutschsprachige Dichterin. Mir erschien damals sehr unwahrscheinlich, dass im sowjetischen Czernowitz, wo Russisch, Ukrainisch und Rumänisch dominierten, auf einmal noch eine Spur deutschsprachiger Literatur lebendig war. Dann habe ich einige Gedichte von Stefanie ins Ukrainische übersetzt und sie wurden in einer Czernowitzer Zeitung veröffentlicht – meine ersten publizierten Gedichtübersetzungen. Das war also für mich schon diese Richtung, mein Fuß stand bereits in der Strömung der deutschsprachigen Literatur der Bukowina. Damals kannte ich nur wenige Autoren, eigentlich nur den Namen von Paul Celan. Er war bis dahin auch schon ins Russische übersetzt. Ich konnte zwar an seine Originaltexte nicht kommen, denn in Czernowitz gab es seine Texte nicht. Auch in DDR-Verlagen hat man Celan nicht publiziert. Deshalb waren diese Texte sehr schwer zu bekommen. Durch den Kontakt mit den Schwestern Nussbaum habe ich auch andere Namen entdeckt, die zu dieser Literatur angehörten. Beide waren mit Alfred Marguel Sperber, mit Alfred Kittner und noch anderen deutschsprachigen Autoren gut befreundet. Es gibt sogar Briefe von Margul-Sperber an Stefanie aus dem Zeitraum des Ersten Weltkrieges. Die sind bis heute nicht publiziert, befinden sich jetzt in meinem Besitz und ich denke natürlich daran, sie einmal zu veröffentlichen. Bis jetzt hatte ich leider noch keine Zeit dazu gehabt. So wurde mir diese Literatur ein Begriff, doch einige dieser Autoren waren in der sowjetischen Zeit unerwünscht.

Ich hätte sie nun gefragt, ob sie in Ihrer Schulzeit in Kyseliv bereits über diese Literatur, die seit 1945 nicht mehr existierte, gehört haben?

Nein, in der Schule natürlich nicht. Auch an der Universität habe ich nichts davon erfahren. Ich habe Deutsch als Fremdsprache in Czernowitz studiert. Wir haben die Sprache erlernt mit Grammatik und historischer Grammatik und verschiedenen Aspekten der Sprache, aber Literatur wurde parallel als fremdsprachige Literatur in der Muttersprache angeboten. Auch heute ist das so. Die Studenten sind auf Übersetzungen angewiesen. Nicht nur mit deutscher Literatur, auch mit englischer, französischer, spanischer ist das so. Natürlich geht es hier um Gipfelerscheinungen, sozusagen um einen festen literarischen Kanon der Weltliteratur. Die Geschichte der Bukowina, ihre Literatur und Kultur war nicht erwünscht in sowjetischer Zeit. Die meisten Materialien waren in den Archiven versperrt. Diese Autoren sind geflüchtet aus der Sowjetunion, sie haben ihre sowjetischen Pässe abgegeben und sind dann über Rumänien in die weite Welt gegangen. Sie waren dann Bürger von westlichen Ländern. Deswegen haben sie hier auch keine Chance gehabt, publiziert und popularisiert zu werden. Das war Tabu.

Wie transportieren Sie diese Literatur, speziell die Bukowiner, in die Neuzeit, um sie ihren Studenten zu vermitteln? Die Studenten müssen viel wissen über die Kultur und Kunstgeschichte dieser Region.

Schon am Ende der Sowjetära, besonders nach der großen Wende 1989, als die Zeitungen hier nicht mehr so streng von der Partei kontrolliert wurden und es keine Zensur mehr gab, als auf der Welle dieses Entzückens und Enthusiasmus einige neue unabhängige Zeitschriften entstanden, z.B. „Bukowinski Journal“, konnte man publizieren, was in der sowjetischen Zeit verboten war. Schon in der ersten Nummer dieser neugegründeten Zeitschrift habe ich die Übersetzung einer Erzählung von Georg Drozdowski veröffentlicht, eines Autors aus der Zwischenkriegszeit, der als Deutschstämmiger 1940 „heim ins Reich“ verschleppt wurde. Nach dem Ribbentrop-Molotow-Pakt mussten alle Deutschen weg aus der Bukowina. Drozdowski hat die zweite Hälfte seines Lebens in der österreichischen Stadt Klagenfurt/Kärnten verbracht. In Czernowitz gehörte er zu dem Kreis der deutschjüdischen Autoren, obwohl er christlich war, das war eher eine Ausnahme. Er war in sehr gutem Kontakt mit Alfred Margul-Sperber und Alfred Kittner, auch mit Paul Celan, führte Briefwechsel mit Immanuel Weissglas und mit Rose Ausländer und gehörte zu diesem literarischen Milieu, war sehr offen für fremde Kulturen, hat aus dem Polnischen, aus dem Rumänischen übersetzt und natürlich selbst in Deutsch Gedichte und Erzählungen, auch Stücke, die dann im Klagenfurter Stadttheater aufgeführt wurden, geschrieben. Er wurde später eine wichtige Figur, eine Art Integrationsfigur für die kulturellen Beziehungen der Bukowina und Kärntens, die seit dem Anfang 1990er Jahre Partnerländer sind.

Ihre wissenschaftliche Arbeit ist hochgeehrt worden. Für Ihr Engagement bekamen Sie das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich. Ich hörte, dass Sie den „Celan-Preis“ bekommen haben. Wer vergibt diesen Preis und wofür?

Den Celan-Preis hat die Landesregierung der Bukowina im Jahre 2013 gegründet. Diese Bezeichnung ist vielleicht ein bisschen unkorrekt, denn die Bukowina existiert in ihren historischen Grenzen nicht mehr. Die Südbukowina gehört ja heute zu Rumänien… Der Preis wurde damals zum ersten Mal vergeben und mir für meine mehrjährigen Bemühungen um Paul Celans Werk verliehen. Ich habe bis dahin einige Gedichtbände von ihm ins Ukrainische übersetzt, dann das Buch mit dem Titel “Poetik des Dialogs. Paul Celans Dichtung als Intertext“ über ihn geschrieben. Es betrachtet Beziehungen seiner Dichtung zu verschiedenen Kulturen, zur deutschen, zur französischen, zur rumänischen, zur russischen und zur jüdischen. In seiner Dichtung setzt er sich mit der Konzeption von Gottfried Benn auseinander. Dieser stand immer für die monologische Lyrik. Für Celan war die Lyrik ohne Dialog unvorstellbar. Da war sein großes Beispiel der russische Dichter Ossip Mandelstam, der seine Lyrik auf diesem dialogischen Prinzip aufgebaut hat. Celan nannte deshalb Mendelstam „Bruder Ossip“. Er hat sich mit ihm so geistig verwandt gefühlt und sich mit ihm identifiziert.

Sie wissen, dass Nora Iuga aus Bukarest auch zwei Lyrikbände von Celan ins Rumänische übersetzt hat?

Ja, ich kenne ihren Namen als Übersetzerin von Celan, sie ist aber auch eine interessante rumänische Dichterin.

Paul Celan und Rose Ausländer sind die Hauptprotagonisten dieser Stadt. Ohne sie kein Czernowitz, Czernowitz nicht ohne sie. Sie werden diese beiden Lyriker weiter in die Welt tragen. Was haben Sie mit ihnen noch vor?

Ich habe einige Gedichtbände von Celan und Rose Ausländer seinerzeit ins Ukrainische übertragen, inzwischen gibt es auch Neuauflagen. Vor kurzem habe ich Celans Band „Mohn und Gedächtnis“ vollständig übersetzt. Mit einem Czernowitzer Verlag habe ich ein Projekt entwickelt, die gesamten Gedichte von Celan herauszubringen und zwar in solch historisch-chronologischer Folge, wie sie damals erschienen sind, in derselben Reihenfolge, aber zweisprachig, Deutsch und Ukrainisch. Es gab vorher bei Celan noch einen Band, „Sand aus den Urnen“, der 1948 in Wien erschienen war, er wurde wegen zahlreicher Fehler und schlechter Qualität nach seiner Erscheinung eingestampft. Ein großer Teil dieser Gedichte wurde dann in das Buch „Mohn und Gedächtnis“ aufgenommen. Deswegen betrachte ich „Mohn und Gedächtnis“ als den ersten Band. Nun sollen die weiteren Bände kommen – „Von Schwelle zu Schwelle“, „Sprachgitter“, „Die Niemandsrose“ usw.

Sie geben diese Literatur weiter. Wie groß ist das Interesse?

Ich habe mehrere deutschsprachige Autoren aus der Bukowina übersetzt, sie kommen in meiner zweisprachigen Anthologie deutschsprachiger Lyrik „Die verlorene Harfe“ vor. Das Buch hat schon zwei Auflagen, jetzt denken wir an die dritte. Es ist sehr gefragt und wird in der Ukraine gut verkauft. Auch ausländische Touristen kaufen sich das Buch als Souvenir und nehmen es in ihre deutschsprachigen Länder mit. Es gibt jedoch auch Einzelbände der Bukowiner Autoren, die ich übersetzt und herausgegeben habe – z. B. Selma Meerbaum-Eisingers Gedichte, Gregor von Rezzoris „Maghrebinische Geschichten“, Drozdowskis Erinnerungen „Damals in Czernowitz und rundum“. Gerne würde ich auch Alfred Gong herausgeben. Den finde ich sehr gut, neben Celan und Ausländer ist er vielleicht der Drittbeste. Er ist manchmal sehr bitter und sarkastisch, das ist eigentlich die Stärke seiner Gedichte. In der Anthologie habe ich bereits mehrere Gedichte von ihm publiziert, nun möchte ich einen ganzen Gedichtband von ihm herausbringen.

Alfred Gong ist ja relativ unbekannt. Neben Celan, Ausländer, Kittner oder Weissglas…

Das ist das Problem. Er war in der Neuen Welt, lebte in New York, sehr isoliert vom literarischen Prozess. Er hat deswegen selber sehr ernste psychologische Probleme gehabt, war der Meinung, dass seine Werke keine Resonanz finden, daher sehr pessimistisch und irritiert. Heute befasst sich mit seinem Werk der Rimbaud Verlag in Aachen, der einige Bände von ihm in Neuauflagen herausgebracht hat. Es gibt ja sogar eine Alfred Gong-Gesellschaft in Osnabrück.

Wie ist das mit Klara Blum?

Mit Klara Blum ist es noch schwieriger, weil sie in der Volksrepublik China, sehr entfernt und vom deutschen Literaturbetrieb abgeschnitten lebte und nur in einem DDR-Verlag publizieren konnte. Sie war politisch sehr engagiert und sehr links, also kommunistisch orientiert, im Westen konnte sie keinen Verleger finden. Die Situation hat sich jetzt etwas geändert. Ich kenne einen großen Band von ihr, der vor kurzem im Böhlau Verlag erschienen ist. Auch der Rimbaud Verlag will eine Auswahl von ihr herausbringen.

Das freut mich ganz besonders. Ich bin ja nicht aus der DDR und kannte sie früher nicht. Bei meinen alten Czernowitzer Freunden in Israel hörte ich ihren Namen

Ich glaube, sie war in Westdeutschland eine absolute tabula rasa.

Sie haben noch viel vor und wollen die Bukowiner Literatur in die Welt bringen und veröffentlichen, damit auch in Deutschland die Gedichte gelesen werden können. Außer Rose Ausländer und Paul Celan sind alle anderen ein wenig zu kurz gekommen.

Ja, aber diese Literatur erweitert immer ihre Grenzen. Vor kurzem habe ich einen deutschen Band von Olha Kobylanska herausgegeben. Sie ist heute Klassikerin der ukrainischen Literatur. Es gibt einige mehrbändige Ausgaben von ihr auf Ukrainisch, sie gehört zum strengsten Kanon der ukrainischen Literatur und gilt heute als Bahnbrecherin der Moderne, des Feminismus usw. Aber in ihrer Jugend hat sie deutsche Novellen und Erzählungen geschrieben und in deutschen und österreichischen Zeitschriften publiziert. Anfang des 20. Jahrhunderts ist im süddeutschen Minden ein Band mit dem Titel „Kleinrussische Novellen“ von ihr erschienen. Das war vor weit über 100 Jahren. Seitdem wurde es still um sie im deutschen Sprachraum, man hatte sie als deutsche Autorin ganz vergessen. Da meinte ich, man muss auf diesen Aspekt ihres Werkes wieder hinweisen, deswegen habe ich ihre deutschen Publikationen, die in verschiedenen Zeitschriften verstreut waren, gesammelt und mit einem Nachwort als Buch unter dem Titel „Valse mélancholique“ publiziert, es wird nun auf der Leipziger Buchmesse präsentiert.

Die Namen, die wir vorhin genannt haben, waren fast alle jüdische deutschsprachige Czernowitzer Dichter. 1945 wurde die Nordbukowina mit Czernowitz sowjetisch. Seit 1990 nun ukrainisch. Nun sind auch ukrainische Schriftsteller wichtig?

Natürlich ist Czernowitz heute eine ukrainische Stadt, aber es hat nie seinen multinationalen Charakter verloren. Bis heute existiert hier eine ziemlich große rumänische Gemeinde, etwa 20% der Bevölkerung des Gebiets Czernowitz ist ja rumänisch. Es gibt rumänische Zeitungen, rumänische Schulen, rumänische Sender und Fernsehen. Wir haben auch eine polnische Gemeinde, sogar eine kleine deutsch-österreichische Gemeinschaft. Sie spielt heute keine große Rolle, weil sie so klein ist. Natürlich gibt es eine jüdische Gemeinde mit etwa ein tausend Mitgliedern. Czernowitz ist eigentlich stolz darauf, dass es sich von anderen ukrainischen Städten in dieser Hinsicht unterscheidet und auf diese multinationale Geschichte und Kultur zurückschauen kann. Tonangebend sind heute in Czernowitz aber ukrainische Schriftsteller, es gibt einige durchaus originelle Talente, z. B. Maria Matios, die heute auch international bekannt geworden ist.

Haben Sie auch mit dem „Meridian“-Festival zu tun?

Das Festival ist eben in diesem Sinn in Czernowitz gegründet worden, damit das deutschsprachige Wort hier weiter klingen kann. Es kommen zu ihm deutschsprachige Autoren aus Deutschland, aus Österreich, aus der Schweiz. Sie lesen hier ihre Texte in der Originalsprache. Daneben sitzt in der Regel ein ukrainischer oder russischer Übersetzer, der diese im Voraus übersetzten Texte in der Landessprache rezitiert. Es ist ganz wunderbar, was sich in diesen paar Tagen Anfang September stattfindet. Da verwandelt sich die Stadt in eine einzige poetische Bühne. Hunderte von Menschen bewegen sich von einer poetischen Lokation zu der anderen, um bei jeder Lesung aufmerksam zuzuhören. Das ist vielleicht eine Erscheinung, die so im Westen gar nicht mehr vorstellbar ist.

Wenn man Ihrem Erzählen so zuhört, ist man mitten in Czernowitz, mitten im literarischen Leben der Stadt. Mit Leidenschaft vermitteln Sie das, nicht weil es nur Ihre Profession ist.

R.: Ohne Leidenschaft, glaube ich, geht es nicht!

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Das Interview ist viele Jahre alt, doch keineswegs antiquiert. Ich erfuhr über die Anfänge Ihrer großartigen literarischen Arbeit in Czernowitz. In den Jahren wurde Ihr Name sehr bekannt, als Kenner werden Sie in Westeuropa ausgewiesen. Auch wurde Ihre Arbeit in den Jahren mit weiteren Preisen honoriert, 2015 bekamen Sie unter anderem in Berlin den Dehio-Preis überreicht. Welche Buchprojekte, die Sie damas in unserem Gespräch erwähnten wurden Realität und gedruckt?

Von den Bukowiner Autoren nenne ich Gregor von Rezzoris Memoirenband „Schnee von gestern“ (2014), dem ich seinen ursprünglichen Titel zurückgegeben habe, denn im deutschen Sprachraum ist das Buch unter dem vom Verlag willkürlich geänderten Titel „Blumen im Schnee“ bekannt, dann Alfred Gongs Gedichtsammlung „Manifest Alpha“ (2015), vor allem aber die weiteren Gedichtbände der „Gesammelten Gedichte“ Paul Celans. Ich habe praktisch bereits alle zehn Bände übersetzt, neun davon sind erschienen, von der Berliner Künstlerin Helga von Loewenich wunderbar ausgestattet, der letzte, zehnte Nachlassband „Eingedunkelt“, soll bis zu seinem 100. Geburtstag im November dieses Jahres herauskommen. Ein Buch, das mir neben Celans Bänden besonders am Herzen liegt, ist die umfangreiche Gedichtsammlung von Reiner Kunze „Sensible Wege“ (2016), die ich ebenfalls zweisprachig konzipiert, übersetzt und herausgegeben habe. Auch diesen Band hat die Malerin Helga von Loewenich künstlerisch mit ihren Aquarellbildern hervorragend gestaltet. Das Buch wurde übrigens bei der ukrainischen Buchmesse „Arsenal“ in Kiew im Beisein des Autors präsentiert. Parallel wurden auch etliche Projekte realisiert, die mit dem Internationalen poetischen Festival „Meridian Czernowitz“ zu tun haben, so z. B. Gedichtbände von Esther Kinski und Jan Wagner oder eine „Anthologie der zeitgenössischen österreichischen Lyrik“ – die letzteren Ausgaben habe ich in Zusammenarbeit mit anderen Übersetzern verwirklicht.

Kamen auch neue literarische Ideen hinzu und wurden in die Tat umgesetzt?

Ja, es gibt einige neue Buchprojekte, daran fehlt es mir nie. Inzwischen habe die Übersetzung von Celans Jugendbiographie Israel Chalfens abgeschlossen – das ist eines meiner Versäumnisse, denn dieses Buch sollte eigentlich als erstes für ukrainische Celan-Anhänger zugänglich sein – sein Schauplatz ist ja die Geburtsstadt des Dichters, die heute zur Ukraine gehört. Ich hoffe, das Buch wird noch in diesem Jahr das Licht der Welt erblicken. Auch einen Band mit meinen wissenschaftlichen Beiträgen, Artikeln und Essays zum dichterischen Werk Paul Celans will ich in einem ukrainischen Verlag noch in diesem Jahr zum 100. Geburtstag des Dichters herausbringen, das Manuskript ist schon fast fertig.

Sie werden zu Veranstaltungen und Vorträgen eingeladen und zu Lehraufträgen?

Ja, das ist ein Teil meiner wissenschaftlichen und pädagogischen Tätigkeit als Hochschullehrer. Ich bekomme viele Einladungen zu internationalen Symposien und Konferenzen im Ausland, beteilige mich aktiv auch an den literaturwissenschaftlichen Tagungen innerhalb der Ukraine. In den letzten Jahren habe ich Gastprofessuren an zwei deutschen Universitäten absolviert – in Regensburg und in Augsburg. Solche Begegnungen mit Fachkollegen und ausländischen Studenten bereichern mich mit neuen Erfahrungen, die ich dann an meiner Alma Mater Czernowitz verwenden kann.

Herr Professor Rychlo, ich bedanke mich sehr herzlich. Schon in Berlin hat mich Ihr Erzählen sehr beeindruckt und nun hier in der Stadt, der Stadt der Bücher, wie Paul Celan sagte. Für mich ist das ein besonderes Erlebnis.

2013-2020, Czernowitz-Berlin

Zur Person

Petro Rychlo ist Professor für fremdsprachige Literatur an der nationalen Jurij-Fedkowitsch-Universität Czernowitz/Cernivci, Ukraine), literarischer Übersetzer, Herausgeber und Essayist, Mitglied des Ukrainischen PEN-Zentrums. Veröffentlichungen über deutsche und österreichische Autoren des 20. Jahrhunderts, deutschukrainische Literaturbeziehungen und die deutschsprachige Literatur der Bukowina, Zahlreiche Übersetzungen ins Ukrainische (Werke von Karl Emil Franzos, Jura Soyfer, Georg Drozdowski, Manès Sperber, Karl Lubomirski, Gregor von Rezzori, Rose Ausländer, Paul Celan, Alfred Gong, Selma Meerbaum-Eisinger Reiner Kunze, Esther Kinski, Jan Wagner u. a.) Herausgeber von Anthologien „DIE VERLORENE HARFE“: EINE ANTHOLOGIE DEUTSCHSPRACHIGER LYRIK AUS DER BUKOWINA (Czernowitz 2004, 2008), „EUROPA ERLESEN: CZERNOWITZ“ (Klagenfurt 2004), „LITERATURSTADT CZERNOWITZ“ (deutsch und ukrainisch in mehreren Auflagen). Autor von Monografien “POETIK DES DIALOGS: PAUL CELANS DICHTUNG ALS INTERTEXT“ (2005, in ukrainischer Sprache), „SCHIBBOLETH. JÜDISCHE IDENTITÄTSSUCHE IN DER DEUTSCHSPRACHIGEN DICHTUNG DER BUKOWINA“ (2008, 2012, in ukrainischer und polnischer Sprache). Momentan arbeitet er an einem anspruchsvollen 10-bändigen Projekt der zweisprachigen deutsch-ukrainischen Ausgabe der gesammelten Gedichte Paul Celans (erschienen sind neun Bände: „MOHN UND GEDÄCHTNIS“, „VON SCHWELLE ZU SCHWELLE“, „SPRACHGITTER“, „DIE NIEMANDSROSE“, „ATEMWENDE“, „FADENSONNEN“, „LICHTZWANG“, „SCHNEEPART“, „ZEITGEHÖFT“).

Petro Rychlo war 2001-2002 Gastprofessor an der Universität Wien, 2017 an der Universität Regensburg und 2019 an der Universität Augsburg. Er wurde international geehrt, unter anderem durch Ehrenzeichen des Landes Kärnten (2009), Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2012), Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (2014). Er ist Träger des Georg Dehio-Kulturpreises (2015) und Reiner Kunze-Preises (2017).

Bild oben: Olha Kobyljanskas Wohnhaus in Czernowitz, Foto: Christel Wollmann-Fiedler